Heimat

Leitartikel „Die Marginalie“, Hauszeitschrift Stämpfli Gruppe Bern, Nr. 2/2011. http://www.staempfli.com

Wir trauern einer Heimat nach, die es nicht mehr gibt. Wir trauern um das Goldene Zeitalter unserer Identität. Wir verstehen aber nicht genau, was uns abhandengekommen ist. Den Verlust zu verstehen fällt uns vor allem deshalb schwer, weil die Veränderungen nicht so sehr bei uns, sondern vor allem um uns herum stattgefunden haben. 

Tim Guldimann, Schweizer Botschafter in Berlin, Zitat aus „Die Zeit“, Nr. 18/2011

„Wo ist meine Heimat?“ ist eine uralte Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Heimat ist für viele die Gegend, in denen sie aufgewachsen sind und die ihnen vertraut ist. Meine Heimat wäre demnach die Region Bern, in der sich mindestens 14 Generationen unserer Familie direkt zurückverfolgen lassen. Doch reicht das aus? Seit unsere drei Kinder heranwachsen, gedeiht in mir der Gedanke, dass meine Heimat nicht ein Ort, sondern die Familie ist, oder weiter gefasst, die Menschen, mit denen ich mich eng verbunden fühle. Würden sie wegziehen, ich fühlte mich in Bern heimatlos. 

Heimat hat mit Vertrauen und Vertrautheit zu tun. Einerseits Vertrauen in Menschen, die meine Werte und Ziele teilen, die mich akzeptieren, wie ich bin, die mir Rückendeckung geben. Andererseits Vertrauen in das politische System, das meine Identität schützt. Die Schweiz als Diktatur wäre nicht mehr meine Heimat, wenn die Mächtigen mir meine Würde nähmen; ein um seine Werte beraubter Mensch hat keine Heimat mehr.

Vertrautheit ist die Sicherheit zu wissen, wie der Alltag verläuft; die Kraft, die daraus entsteht, dass die Tage weitgehend berechenbar sind. Ich weiss wo einkaufen, ich kann die kleinen Zeichen um mich herum verstehen, ich weiss, wie ich mich auf der Strasse bewegen muss. Die Sprache ist die, die ich selber verstehe und träume. Wir brauchen die Sicherheit, dass der Alltag stabil verläuft und sich die Überraschungen in Grenzen halten.

Unsere Welt verändert sich schnell: Revolutionen, wie wir sie nicht für möglich gehalten hätten; vom Konkurs bedrohte Staaten; eine Atomkatastrophe, die unsere Energiepolitik buchstäblich über Nacht prägt; „Social Media“, das Kommunikationsmöglichkeiten schneller und grundsätzlicher beeinflusst, als wir uns je vorstellen konnten; Arme und Reiche, die immer weiter auseinanderwachsen; ein Mittelstand, der zunehmend unter Druck ist; die Einwanderung von Menschen, die wir für unsere Wirtschaft und die Finanzierung unserer Sozialversicherungen benötigen und die nicht wenige aufschrecken. Alle Veränderungen zusammen rütteln am Vertrauten. Nicht alle Menschen können die schnellen Entwicklungen für einordnen und die Vorteile der neuen Technologien nachvollziehen.

Wer Vertrautes verliert reagiert oft mit Trauer, Aggression oder dem sturen Beharren auf Bisherigem. Doch Beharren um des Beharrens willen hilft nicht. Die Kräfte, denen wir ausgesetzt sind, können wir nicht aufhalten. Die Schweiz kann sich dem Wandel nicht entziehen, schon gar nicht durch Abschottung, denn unsere Nachbarländer gehören zu unseren Kulturkreisen und wir leben wirtschaftlich in direkter Abhängigkeit vom Ausland. Der Wandel ist Teil des Lebens, neu ist die hohe Geschwindigkeit. Wir müssen lernen, mit ihr umzugehen. Das bedeutet nicht, dass wir alles Vertraute aufgeben müssen. Es heisst, dass wir darüber nachdenken müssen, was bewahrt werden muss und was nicht. Bewahren heisst immer auch weiterentwickeln, damit der innere Wert wahr bleibt. Darin steckt der vermeintliche Widerspruch, der uns so viel Mühe macht: Vertrautes muss sich stetig wandeln. Jahrhunderte alte Traditionen haben dadurch überlebt, dass sie sich immer wieder an die Gegebenheiten der Gegenwart anpassen konnten, ohne ihren wahren Kern zu verlieren.

Der wahre Kern der Heimat liegt für mich in den Werten. Für mich decken sich die Werte, die für mich wichtig sind, mit den Werten, die für mich die Schweiz ausmachen. Meine Heimat ist deshalb meine Familie, die Schweiz und Bern. Ich kann das nicht trennen und das ist Teil meines Lebensglücks, das Millionen von Menschen nicht vergönnt ist.

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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