Das Gesicht – was die Burka mit der Verfassung zu tun hat.

Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung, 28.09.2013, Seite 16
 

Gesichtsschleier tragende Frauen sind in der Schweiz ein sehr marginales Problem. Dennoch, die Emotionen gehen hoch. Weshalb? Wir schauen Menschen immer zuerst auf das Gesicht. Zumindest intuitiv erkennen wir Sympathie oder Antipathie und beurteilen wir die Befindlichkeit des Gegenübers. Gefühle drücken sich in den Gesichtszügen aus, Informationen, die wir benötigen, um uns mit anderen verbinden oder uns von ihnen distanzieren zu können.

Der Reiz eines Maskenballs besteht darin, die eigene Identität möglichst lange verborgen zu halten. Das ist in der Fasnacht kulturell verankert, ein spielerischer Umgang mit einer Verwirrung auf Zeit. Die in Teilen der islamischen Welt gelebte Tradition der teilweisen (Niqab) und vollständigen Gesichtsverschleierung (Burka) ist kein Spiel, sondern Bestandteil der gelebten Religiosität. Es ist eine Tradition, die uns fremd ist. Unsere Gesellschaft gründet in der Idee des gleichwertigen und gleichberechtigten Menschen. Wir begegnen uns auf gleicher Augenhöhe. Auch wir kennen Machtunterschiede, doch wir reagieren auf sie mit Misstrauen und versuchen sie auszugleichen. Wie stark wir das verinnerlicht haben, zeigt die Begegnung mit unseren Bundesräten, die wir auf der Strasse oder beim Einkauf als Unseresgleichen  wahrnehmen. Glaubensgemeinschaften und Staaten, die ihren Frauen den Schleier vorschreiben, widersprechen unserem Selbstverständnis der Gleichwertigkeit. Es sind Gesellschaften, die in ihrer Entwicklung hinter uns zurückliegen.

Das Gesicht ist das Fenster zur Identität. Auch deshalb ist die Vermummung an Demonstrationen kein Spiel, sondern Ausdruck der Feindseligkeit von Menschen, die nicht erkannt werden wollen. Sie ist Zeichen derer, die Gewalt in Kauf nehmen oder anwenden. Vermummte verletzen die Grundwerte, wonach wir uns alle offen, gleichwertig und gewaltfrei begegnen können. Ein Vermummungsverbot ist richtig.

Gesichtsverschleierte Frauen begegnen uns nicht in gewaltbereiter Absicht. Doch in einem freien Land Menschen neben sich zu haben, die man bestenfalls erahnen kann, ist verstörend. Verstörend nicht, weil sie einer anderen Religion angehören, sondern weil wir sie als Menschen nicht erkennen können, weil ihre Identität versteckt wird. Daher ist der Gesichtsschleier in Schulen abzulehnen und es muss möglich sein, Gesichtsverschleierten eine Leistung zu verweigern: Wer sich in einem Unternehmen oder auf einem Amt vorstellt, wer einkauft oder in einem Spital gepflegt werden will, hat damit zu rechnen, das Gesicht zeigen zu müssen – oder nicht bedient zu werden. Und wer sich im Zug nicht identifizieren lässt, muss mit denselben Zuschlägen rechnen, wie jede andere auch. Hingegen: Eine Frau zu büssen, die in der Burka über den Bundesplatz geht, empfinde ich als beschämend grotesk.

Um dies durchzusetzen braucht es keinen Verfassungsartikel. Einerseits reichen zielgerichtet Verfügungen, die die Leistungsverweigerung regeln. Andererseits ist es widersinnig, ein marginales Problem mit einem Verfassungsartikel zu bekämpfen. Wer dies trotzdem und in Anlehnung an das Minarettverbot und nur in Anbetracht von verschleierten Frauen, nicht aber z.B. auch von vermummten Demonstranten tut, setzt sich dem Verdacht der Bestrafung einer bestimmten Religionsgemeinschaft aus.

Solches lehne ich klar ab. Wer eine schleichende Islamisierung befürchtet, soll ihr unsere Errungenschaften entgegenhalten: Demokratie, Gleichwertigkeit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit. Und nicht Bussen.

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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