Die Natur und wir

«Mit Geschäftsideen, die der Natur erste Priorität einräumen, könnten Geschäfte im Wert von gut zehn Billionen Dollar realisiert werden.» (*) Eindrücklich. Was aber heisst Natur und was erste Priorität? Natur ist ein vielschichtiger Begriff und unser Umgang mit ihr gelinde gesagt widersprüchlich. «Leben im Einklang mit der Natur» ist erstrebenswert; schränkt es mich ein, ist es mit der ersten Priorität vorbei. Die Natur bezeichnet in der Regel das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde (Wikipedia). Sie kann gefährlich sein, das wussten unsere Vorfahren. Barcelona, Lima, Kapstadt, Tokio und andere Städte wurden nicht unmittelbar ans Meer gebaut oder dann an eine Bucht, die vor Fluten und Winden schützt. Heute verdrängen wir das Bedrohliche der Natur. Die Gebirgswelt begehen wir mit funktionaler Bekleidung, bis die Rega uns holt. Wir sind auf Distanz zur Natur, wir schauen von aussen auf sie. Wir wollen sie im Griff haben. Corona haben wir nicht im Griff. Doch auch das Virus ist Natur, wie Amöben, die Würfelqualle oder der Tsunami.

Die wenigsten interessieren sich für Insekten. Ihr Rückgang bedroht das auf dieser Welt wichtige Gleichgewicht. Blüten werden nicht bestäubt, weil zu wenig Bienen fliegen, weil wir vergiften, was uns in die Quere kommt. Was uns an der Natur nicht passt, beseitigen wir oder versuchen, es technisch zu beherrschen. Natur soll sein, wie wir sie uns wünschen: «Im Dezember wurde eine Pflegerin von einem Krokodil in die Hand gebissen, doch sie überlebte. Das Krokodil wurde erschossen.» Das war für die Pflegerin eine glückliche Wendung, für das Krokodil weniger. Wie Natur sich zu benehmen hat, bestimmen wir, zumindest bei den Tieren. Auch den Taifun würden wir mässigen, wenn wir könnten. Dazu passt, wie wählerisch wir sind: Wir schützen den «prachtvollen» Elefanten (mehr oder weniger), doch die bedrohte Schneckenart interessiert uns nicht. Wir wollen die letzten Urwälder und die Antarktis sehen oder, wie eine Mutter sagte: «Ich reise mit den Kindern auf die Galapagos-Inseln, solange ich sie ihnen noch zeigen kann.» Wir besuchen das urtümlich Schöne. Wir erleben es als wertvoll und gefährden es.

Für uns Menschen ist die Natur wunderbar, wenn sie nützt. Wir wollen die Natur beherrschen, um sicher zu leben. Doch es ist längstens Zeit, uns zu hinterfragen, mit welchen Mitteln und in welchem Ausmass wir dies dürfen, um nicht uns selbst und anderen zu schaden. Das Hinterfragen beginnt bei mir selbst. Wie beeinflusst mein Verhalten die Natur: meine Reisen, meine Einkäufe, meine Mobilität, meine Lichtverschmutzung, meine Abfälle? Darf ich alles, was ich wünsche und was mir möglich ist? Erste Priorität kann bedeuten, vor dem Handeln nicht mein Ego, sondern den Nutzen für die und den Schaden an der Natur vor Augen zu haben. Ich kann freudvoll leben und mich schützen, ohne die Natur nachhaltig zu gefährden.

Zuerst erschienen in Die Marginalie, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe, Nr. 3/2020

(*) sda, Juli 2020 |
(**) Der Bund, Juni 2020

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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