Warum Bern unser Engagement braucht

Erschienen in der Berner Zeitung,  „Zeitpunkt“, 10.12.2011

PLÄDOYER Die Hauptstadtregion bleibe ein blutleeres Konstrukt,wenn nicht neue Köpfe bereit seien, sich für Bern zu exponieren, anstatt mit billigen Ausreden die Verantwortung abzuschieben. Das befürchtet der Unternehmer Peter Stämpfli. Und fordert die Berner Führungskräfte und Intellektuellen auf, sich ehrenamtlich in der Öffentlichkeit zu engagieren. Jetzt.

Milan Kunderas Buchtitel «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» kommt mir beim Nachdenken über Bern merkwürdig häufig in den Sinn, wenn ich die Führungskräfte, gut Ausgebildeten und Vermögenden vor Augen habe, die zwar die Lebensqualität unserer Region geniessen, jedoch wenig für deren Zukunft tun. Unternehmer, Führungskraft und Wissenschaftler zu sein ist wichtig, reicht jedoch nicht aus. Was unsere Region braucht, ist eine ansteckende Eigendynamik, Menschen, die Bern zusammen voranbringen wollen und sich für die Zukunft des Seins und nicht für deren Leichtigkeit entscheiden. Menschen, die an Bord sind, um sich reinzuhängen, um Ziele zu erreichen, und nicht nur, um an derReling zu hängen und über den Kurs zu mäkeln. Doch es ist diese Tonlage, die ich am meisten höre: auf Podien polemisieren, hinter vorgehaltener Hand protestieren und sich im Small Talk ärgern – ohne Bereitschaft, selber zur Tat zu schreiten. Es ist die Tonlage der Schmarotzer.

Bern in Bewegung, aber . . .

Es gibt natürlich etliche Persönlichkeiten, die ohne viel Wenn und Aber Hand angelegt haben und anlegen. Bern hat vieles vorzuweisen, was weit über dieRegion hinaus strahlt,undwas, im Gegensatz zu anderen Regionen, weitgehend mit privaten Mitteln finanziert wurde: etwa das Swiss Economic Forum, das Stade de Suisse, das Westside, die Postfinance-Arena oder die Bernexpo. Die Berner Wirtschaft entwickelt sich allen Unkenrufen zum Trotz. Die Steuerbelastung ist im schweizweiten Vergleich zwar hoch, doch gilt es zu beachten, dass zum Kanton nicht nur der Grossraum Bern gehört, die im Schweizer Vergleich stärkste Wirtschaftsregion (sie wäre im interkantonalen Finanzausgleich ein Nettozahler), sondern ebenso die wirtschaftlich schwachen Berg- und Landregionen, wie sie Zürich nicht hat. Die Steuerlast ist der Preis für einen ausgezeichneten Wirtschaftsstandort, der verbunden ist mit einzigartigerLebensqualität; für uns sind die Erholungsgebiete des Kantons unverzichtbar. Es ist wichtig, politische Blockaden zwischen Stadt und Land zu lösen, staatliche Leistungen zu überprüfen und deren Effizienz zu erhöhen, ohne dabei die Bildung zu gefährden. Die Hausaufgaben müssen erledigt sein, bevor Steuersenkungen durchgesetzt werden können.

Mit dem Projekt «Hauptstadtregion Schweiz» besteht eine bedeutende Chance. Die Agglomeration Bern als Zentrum und die weiteren Regionen haben die Möglichkeit, an Ausstrahlung zu gewinnen und ihre Stärken sichtbarer zumachen. Allerdings wird das nicht einfach passieren. Wir brauchen deutlich mehr Personen, die sich bemühen und bereit sind, Führungsverantwortung zu übernehmen.

Petitionen ohne Engagement zu deren Umsetzung, und Klagelieder ohne Bereitschaft, selber zu handeln, müssen ein Ende finden. Bern benötigt nicht Wutbürger, sondern Menschen, die ohne Aufrechnen des persönlichen Aufwands und Ertrags bereit sind anzupacken.

Im Handeln sind wir frei

Handeln bedeutet, Ziele setzen und erreichen. Demokratisches Handeln ist nur in dem verlässlichen Rahmen möglich, den wir Staat nennen. Dieser Staat sind wir. Was bedeutet, dass wir Bürgerinnen und Bürger immer in der Pflicht bleiben, ihn zu formen. Nicht der Staat als anonymesGebilde, sondern das Zusammenspiel von direkter Demokratie und Freiwilligenarbeit war wesentlich, damit aus dem einstigen Armenhaus die heutige Schweiz wurde. Wir haben Ausserordentliches erreicht. Aber wir sind nun satt, manches ist selbstverständlich geworden, und das ist der Grund dafür, dass heute nicht wenige den Staat als die anderen, als die «Classe politique», betrachten. Politikverdrossenheit gehört zu den Ausreden derer, die sich der Leichtigkeit des Seins hingeben. Ohne freiwillige Arbeit, die in der Eigenverantwortung gründet, wird der Staat zum aufgeblähten, ineffizienten und damit unbezahlbaren Gebilde, das sich vom Volkswillen entfremdet.

Keine Zeit?

Die Zeit billiger Ausreden ist vorbei. Wir Bürgerinnen und Bürger müssen uns unserer Verantwortung wieder bewusst werden. Auf die Einzelnen kommt es an, jeder und jede muss leisten, wozu er oder sie imstande ist. Das ist weit mehr, als heute getan wird. «Ich habe keine Zeit, bin durch Beruf undFamilie stark belastet», ist eine Entschuldigungsformel, die unterschlägt, dass die Golfrunde, die Biketour oder die Städtereise wichtiger geworden ist als die Zeit für ehrenamtliche Arbeit. Für den Staat — unsere Gemeinschaft — wird dies im wörtlichen Sinn unerträglich; wir können uns diese Haltung nicht leisten, zu viele Aufgaben stehen an. Zeit haben ist eine Frage der Prioritäten. Nicht nur ich kann beweisen, dass verschiedeneAufgaben unter einen Hut zu bringen sind. Wer meint, ehrenamtliche Arbeit sei nicht lohnenswert, lebt ohne in der Gemeinschaft begründete Vision und Ziele. «Es lohnt sich nicht» bezieht sich oft auch auf das Finanzielle. Das stimmt eingeschränkt für den Einzelnen, ist aber falsch für die Gesellschaft. Einsatz für die Gesellschaft hat nicht nur ökonomische Ziele. Freiwilligenarbeit zielt immer auf das Übergeordnete, auf den Erfolg der Gemeinschaft und auf eine persönliche Befriedigung, die sich in Franken nicht messen lässt. Die Hauptstadtregion Schweiz mit Bern im Zentrum muss Ausstrahlung haben. Die erhält sie durch die Vielfalt von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aktivitäten. Der Regierungsrat und die Exekutiven der Gemeinden haben dabei eine Führungspflicht, die sie nur ungenügend wahrnehmen. Sie muss mit privaten Engagements gefordert und unterstütztwerden—je stärker dieEigendynamik, desto stärker unser Standort. Daraus ist zu folgern, dass mehr Führung in öffentlichen Institutionen vonnöten ist, was auch aus meiner Umfrage 2011 zur Kulturstadt Bern deutlich wird. Bei den grossen Berner Kulturinstitutionen etwa hat sich die Aufteilung in ehrenamtlich besetzte Stiftungsräte und mit Fachleuten besetzte Direktorien prinzipiell bewährt. Massiv gestiegen sind allerdings die Anforderungen an die professionelle Führung. Es genügt nicht mehr, dass Stiftungsräte mit Behörden-, Interessenvertretern und Prestigejägern besetzt werden. Wir brauchen Gremien, die Erfahrung in politischen Prozessen, Führung, Finanzen, Organisation und eine grosse Affinität zur inhaltlichen Thematik vereinen. Es können, müssen aber nicht, Kulturschaffende Einsitz nehmen, da das Fachwissen durch die Direktion und Mitarbeitenden sichergestellt wird. Behördenvertreter sollten wegen der Gewaltentrennung nicht dabei sein.

Engagement als Training

Führungskräfte aus der Wirtschaft können mit ihren Erfahrungen dienen, wenn sie bereit sind, sich auf die jeweiligen Besonderheiten einzulassen. Sie sind gefordert, die Institution nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen, sondern alsNon-Profit-Organisation mit öffentlichem und – erneut als Beispiel – künstlerischem Auftrag mitführen zu wollen. Meine Erfahrung und die vieler anderer Führungskräfte zeigen, dass ein Engagement in kulturellen und sozialen Institutionen, in der Politik, im Sport oder wo auch immer nicht nur für Führungskräfte ein ideales Trainingsfeld ist. Ich habe in all den Jahren der Freiwilligenarbeit Wesentliches gelernt. Es sind Erfahrungen, die in unsere Unternehmensgruppe und meine Familie einfliessen, etwa der geschärfte Sinn für unternehmenskulturelle Zusammenhänge, der bessere Umgang mit Arbeit und Entspannung und ein umfassenderes Verständnis für dieMenschen, die in unserem Unternehmen arbeiten, aber auch für die Erlebniswelten meiner Frau und unserer Kinder.

Öffentlichkeit akzeptieren

Der Einwand, wer sich öffentlich engagiere, werde oft angegriffen, entspricht selten der Wirklichkeit und müffelt nach Komfortzone. Jedes Engagement für öffentliche Institutionen unterliegt der Beurteilung durch die Öffentlichkeit; es ist derKern der Demokratie, dass jeder sich für das Ganze engagiert und sich vomGanzen beurteilen lässt. Es ist richtig, wenn wir beim Beispiel Kulturinstitutionen bleiben, die Mitglieder der Stiftungsräte und Vorstände nicht durch die Öffentlichkeit zu wählen, wie dies allenthalben gefordert wird. Die Stiftungsräte müssen sich selber konstituieren, bestätigt durch den Regierungsrat, und die Vorstände müssen durch die Vereinsmitglieder gewählt werden. Nur so wird die Handlungssicherheit gewährleistet, gerade in Krisensituationen, wie wir sie im Stadttheater Bern meistern müssen. Eine solcheBesetzung der Gremien begründet in einer Demokratie allerdings eine besondere Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit. Die Räte und Vorstände haben öffentlich darzulegen, weshalb wer Einsitz nimmt, welche Ziele verfolgt und wie die Gelder verwendet werden. Es gilt, regelmässig unaufgefordert Rechenschaft über Erfolge und Misserfolge abzulegen. Anmerkungen im Jahresbericht und knappe Medienorientierungen genügen nicht, der öffentliche Diskurs muss mehrmals pro Jahr inszeniert werden. Diese Rechenschaftspflicht ist in Bern ungewohnt, doch ist sie wichtig und auch nicht schwierig abzulegen, wenn die Kommunizierenden ihrer Sache sicher sind. Erstaunlich ist, wie Bevölkerung und Politiker sich zu beklagen wissen, ohne diese Rechenschaft einzufordern.

Wir alle sind gefordert

Es geht um mehr, als nur um die Leidenschaft für sich selber, um die Einsicht nämlich, dass der Lebenswert nicht nur aus eigenem Wirtschaften, aus der Familie und der Freizeit erwächst, sondern aus einer starken Region, in der wir leben. Aus dieserEinsicht gilt es, deren Entwicklung selber an die Hand zu nehmen, sie zu beeinflussen und mitzuprägen. Bern ist angewiesen auf mehr Köpfe, die sich in allen Bereichen der Gesellschaft engagieren und sich gegenseitig zumHandeln ermuntern. Menschen, die Verantwortung übernehmen und mithelfen, mehr als Steuersenkungen zu erreichen, nämlich den Ausbau bei wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, Infrastruktur, Kultur, Sozialem, in der Zusammenarbeit derGemeinden und in der Bildung. Wir brauchen diese Köpfe jetzt.

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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