«Zäune bedeuten Freiheit» (Alice Weidel)

«Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!»

Das sind die Leitsätze des ‹Ministeriums für Wahrheit› in Georges Orwells ‹1984›. Es lohnt sich, das Buch erneut zu lesen, es ist erschreckend aktuell. Die Leitsätze erinnern an das Interview mit Alice Weidel (AfD) in der NZZ am Sonntag (07.10.2018). Sie behauptet propagandistisch präzis:

«Zäune bedeuten Freiheit»

Und sie begründet:

«Es hört sich als Widerspruch an, ist es aber nicht. Freiheit braucht Zäune und unsere Freiheit wird überall eingeschränkt.»

«Zäune bedeuten Freiheit» ist Orwelsches ‹Neusprech›, in der der eigentliche Sinn pervertiert und als Lösung präsentiert wird. Das ist rechtsradikale Stimmungsmache, der widersprochen werden muss.

Es gibt diese offenen und unterschwelligen Forderungen nach massiver Grenzkontrolle, es gibt diese pauschalen Verurteilungen der Ausländerinnen und Ausländer, der Fremden, der Anderen auch in der Schweiz. Keine Frage, der Anteil krimineller Ausländer ist zu hoch. Dies beunruhigt uns, und es gibt diesbezüglich keinen Grund, falsche Toleranz zu üben. Doch wir haben funktionierende rechtsstaatliche Mittel und Institutionen, die Kriminalität zu bekämpfen und Täter und Täterinnen zu verurteilen. Nicht nur auf den Sozialen Medien äussern sich allerdings etliche, die die Kriminellen ohne Anhörung vor Gericht «einfach zurückschieben», «über ihrem Heimatland an einem Fallschirm abwerfen» oder «irgendwie loswerden wollen».

Die Schweiz ist gerade daher besonders stark, weil wir einen verbindlichen Rechtsstaat kennen. Er sichert uns faire Gerichtsverfahren zu, die Willkür und eine Justiz durch den Mob ausschliesst. Der Rechtsstaat bedeutet für uns Schweizerinnen und Schweizer Sicherheit, denn auch hierzulande gibt es falsche Gerichtsurteile. Die Möglichkeit des Rekurses an ein höheres Gericht ist eine bedeutende Errungenschaft unseres Justizsystems. Die Rekursmöglichkeit reicht bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, denn die Menschenrechte stehen immer über den nationalen Verfassungen und Gesetze.

Bei einem Ja zur Selbstbestimmungsinitiative wird es möglich, die Menschenrechte in der Verfassung abzuschwächen. Das mag heute unwahrscheinlich klingen. Und in Zukunft? Die wählende Bevölkerung in Polen, in Ungarn und in der Türkei haben uns das Undenkbare vorgemacht und Regierungen gewählt, die sie bevormunden, unterdrücken und die demokratischen Rechte und Institutionen aushebeln.

Ausländerinnen und Ausländer werden heute polemisch und bisweilen gezielt als Gefahr dargestellt. Doch wir leben in einem Land, das von ausländischen Mitbürger/innen seit Jahrhunderten profitiert. Wir leben tagaus, tagein mit Nichtschweizern zusammen, die mit uns arbeiten und uns bereichern. Sie werden durch die Aussagen polemischer und extremer Politiker/innen und selbsternannten ‹Kämpfende für unsere Nation› beschämt und entmutigt. Durch Ausgrenzung und Abschottung verlieren wir Schweizerinnen und Schweizer, wir Menschen, weit mehr als nur wirtschaftliche Vorteile.

Wir alle können uns im Alltag für eine offene, menschenwürdige, zukunftsgerichtete und demokratische Schweiz einsetzen. Dies beginnt damit, Andersdenkenden zuzuhören und uns klar zu äussern, wenn diese andere Menschen ausgrenzen und die Demokratie und die Menschenrechte einschränken wollen. Es ist wichtig, die eigene Meinung zu äussern, hinzustehen und sich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufzulehnen und für ein Zusammenleben auf Augenhöhe einzustehen – immer wieder.

Auch deshalb stimme ich Nein zur Selbstbestimmungsinitiative. Sie ist eine Anti-Menschenrechtsinitiative. Sie ist ein provokatives Hilfsmittel des SVP-Wahlkampfs, das der Schweiz nicht würdig ist.

Veröffentlicht unter Gesellschaft und Staat, Politik, Volksinitiativen und Referenden | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Mit allen Sinnen

Elektronische Kommunikationsmittel sind heute nicht mehr wegzudenken. Doch wer die Bedeutung der Drucksache vernachlässigt, verbaut sich Wesentliches: die gesamtheitliche Ansprache des Menschen.

Vorwort zu «Die Marginalie», Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern, Nr. 3/2018

Die Digitalisierung durchdringt alles. Niemand kann ihr ausweichen, und in unserem Unternehmen nutzen wir sie als Chance. Doch wir sind mehr als «digitale» Wesen. Wir wollen alle unsere Sinne befriedigt haben, nicht nur die Augen und Ohren. Drucksachen sprechen weitere Sinne an, vor allem die Haptik. Etwas in den Händen zu halten, ist bedeutsam für die Erinnerung und die Emotionen.

Alles soll heute elektronisch verfügbar sein, das erleichtert vieles. Aber nur elektronisch greift zu kurz. Gedrucktem Inhalt, so die Umfragen, wird mehr vertraut als der digitalen Version. Gedruckte Broschüren, Flyer oder Booklets, inhaltlich massgeschneidert, mit prägenden Bildern und haptisch bereichernd, sind wichtige Markenbotschaften. Sie werden nicht wie Newsletter vor dem Lesen gelöscht. Sie werden mindestens einmal in die Finger genommen, meist bleiben sie über Tage in Sichtweite liegen. Deshalb versenden Unternehmen wie der Otto-Versand Millionen von Drucksachen an ihre Kunden. Eine Umfrage unter deutschen onlineaffinen Shoppern hat ergeben, dass unabhängig vom Alter mehr als 60 Prozent der Kunden erst dann einen E-Shop anklicken, wenn sie zuvor durch eine klassische Werbung daran erinnert wurden. Dass der Verkauf von E-Readern stagniert, ist nicht auf die Alten zurückzuführen, die mit Papier sozialisiert wurden; jährlich werden über 70 000 gedruckte Titel in deutscher Sprache publiziert. Gedruckte Fachzeitschriften erscheinen in erstaunlich stabilen Auflagen, die Nachfrage nach elektronischen Ausgaben ist gering. Selbst Ingenieure und Handwerker verlangen nach gedruckten Katalogen, obwohl sie die Information zeitgleich elektronisch abfragen können, und zwei Drittel der Studierenden lernen lieber mit einer gedruckten Vorlage.

Keine Frage: Gedrucktes hat seine einzigartige Bedeutung verloren. Es wurde und wird von elektronischen Kanälen und Mitteln konkurrenziert. Drucksachen wie Lexika, Fahrplan und luxuriöse Imagebroschüren sind fast verschwunden, das Drucksachenvolumen ist in den letzten Jahren um durchschnittlich 5 Prozent gesunken. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Wer eine Unternehmens- oder Produktmarke verankern will und kein Millionenbudget zur Hand hat, benötigt geeignete Drucksachen, um sichtbar zu werden und zu bleiben. Interessant ist, wie stark gedruckte Inserate immer noch wirken, während ein genügend profitables Geschäftsmodell mit elektronischer Werbung auf sich warten lässt es sei denn, Ihnen gehört Facebook. Die Verunsicherung vieler Verantwortlicher ist immer noch gross: Wie intensiv muss auf welchen Kanälen kommuniziert werden? Ist elektronische Werbung wirklich so effektiv, wie die Googles behaupten? Die geschickte Verbindung der vielen Kommunikationsmittel ist der Königsweg. Die damit verbundenen Fragen sind komplex, und ihnen ist nicht mit Rezepten zu begegnen. Gerne helfen wir Ihnen, den Weg zu finden, um elektronisch und gedruckt erfolgreich zu kommunizieren.

Veröffentlicht unter Marginalie Leitartikel | Kommentar hinterlassen

Tägliche Prüfung

Dieser Artikel ist als Vorwort in der Hauszeitschrift „Die Marginalie“, Nr. 1/2018, der Stämpfli Gruppe Bern erschienen.

Autofahrprüfungen, Lehrabschlussprüfungen, Eintrittsprüfungen: Wir kennen alle diese Situation, in denen es gilt, alles zu wissen, jetzt und ohne Korrekturmöglichkeit. Auch das Leben ist eine dauernde Prüfung, doch sie lässt viele Verbesserungsmöglichkeiten offen und ist kaum je abschliessend.

Wir prüfen uns andauernd und gegenseitig. Sich dessen bewusst zu werden, ist etwas ernüchternd, hoffen wir doch darauf, von anderen einfach so akzeptiert zu werden, wie wir sind. Und doch prüfen wir ständig. Zumindest unbewusst hören wir, ob das Gesagte mit der Stimme, der Mimik und der Haltung des Sprechers übereinstimmt. Wir merken sofort, ob jemand etwas Freudvolles sagt, dies aber traurig klingt, ob etwas ernst gemeint ist oder nur so dahergeredet wird, selbst wenn der Inhalt derselbe ist. Wir können das Gehörte gut finden, aber wir nehmen es dem Vortragenden nicht ab, weil uns irgendetwas an der Haltung oder in der Sprachwahl stört. Oder wir lassen uns überzeugen, weil die Sprecherin glaubhaft wirkt, ohne dass wir zu sagen vermögen, weshalb. Wir prüfen uns also gegenseitig, selbst die Menschen, die uns am nächsten stehen.

Wir prüfen, ob Vertrauen aufgebaut oder missbraucht wird. Dabei stehen wir auch im Beruf nicht nur als Fachkraft, sondern als ganzer Mensch auf dem Prüfstand. Unser Umfeld wertet, ob unsere Haltung immer dieselbe ist oder nicht, ob wir je nach Umfeld zum selben Sachverhalt stets andere Meinungen vertreten oder ob wir verlässlich sind. Sind unsere Werte, unsere Ziele und unser Handeln aufeinander abgestimmt, notiert das das Umfeld positiv, im umgekehrten Fall mit zunehmendem Befremden. Im beruflichen und privaten Umfeld kann dies bedeutende Folgen haben: Im guten Fall entsteht Vertrauen, werden wir ernst genommen und Teil einer uns unterstützenden Gemeinschaft, im schlechten Fall drohen Ablehnung und Ausgrenzung, zumindest aber Misstrauen.

Eigenverantwortung beginnt beim Prozess, sich der eigenen Werthaltung bewusst zu werden, sich Ziele zu setzen und sein Handeln darauf abzustimmen. Wer dies versäumt, schädigt sich selber, denn auf Dauer kann niemand unbeschadet gegen seine innere Überzeugung handeln. Viele Burn-outs oder andere persönliche Krisen gründen in einer Missachtung der eigenen Bedürfnisse und Werte. Wer mit seinen Zielen und seinem Handeln sein Ich verrät, wird früher oder später daran scheitern, weil er sich im Innersten aufgibt. Starke Menschen leben starke Überzeugungen, finden an ihnen Orientierung und Halt, ohne dadurch stur zu werden oder sich gegenüber neuen Ideen zu verschliessen. Sie scheuen die lebenslange Arbeit an sich selbst nicht, die nicht nur erhellende Erkenntnis bringt, sondern auch dunkle Momente und bohrende Fragen, die auszuloten anspruchsvoll und kräftezehrend sind. Dank Mitmenschen, die uns eine fruchtbare Auseinandersetzung ermöglichen, die uns zuhören und mit denen wir Gewissheiten zu überdenken und Hintergründe zu verstehen versuchen, lernen wir uns besser kennen. So wird die tägliche Prüfung zur positiven Erfahrung.

Veröffentlicht unter Marginalie Leitartikel, Werte | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Eine Strategie braucht der Kanton

Der Kanton braucht endlich eine Strategie statt unkoordinerter Einzelentscheide. Ein Zusammenwirken der Parteien und Regionen ist unabdingbar.

Erschienen in Der Bund, 28.03.2018, Seite 17. Das Interview führte Bernhard Ott.

Herr Stämpfli, wurden die wichtigsten Probleme des Kantons Bern im Wahlkampf angesprochen?

Kaum. Die Sozialhilfe ist ein wichtiges Thema, aber nicht das einzige. Ohne Wirtschaft zum Beispiel können wir gar nicht über die Sozialhilfe reden. Im Wahlkampf fehlte die Debatte über eine Strategie für den Kanton. Wo steht er in zwanzig Jahren? Gibt man sich zufrieden damit, dass der Bund jährlich über eine Milliarde Franken in den Kanton Bern pumpt?

Bern hat hohe Steuern, eine geringe Wirtschaftskraft, grosse Pendlerströme und hohe Infrastrukturkosten. Diese Probleme sind unlösbar.

Sie sind nicht unlösbar, aber sie sind komplex. Beim Umgang mit den Unterschieden zwischen den Regionen scheuen sich die Politiker vor klaren Aussagen, weil es ein Minenfeld ist. Ein Politiker aus dem Berner Oberland wird sich kaum gegen den Grimseltunnel aussprechen, weil es sinnvoller wäre, die Investitionen in die Zentren des Kantons fliessen sollten. Zudem hat niemand eine konkrete Vorstellung davon, wie die Regionen entwickelt werden können. Daher lässt man das Thema sein.

Der «Bund»-Kommentator schrieb, es wäre zweifellos besser, den RBS bis zum Inselspital weiterzuziehen als die Grimselbahn zu bauen.

Das ist zwar plakativ ausgedrückt, aber sie enthält eine Wahrheit: Der Kanton muss sich überlegen, wie er seine knappen Gelder zum Wohle des gesamten Kantons einsetzt und nicht nur zugunsten einzelner Regionen.

Warum sagt das denn kein Politiker?

Weil gewisse Realitäten schon gar nicht erst akzeptiert werden, so das Problem der Abwanderung aus den Bergregionen. Auch die Ansiedlung von Industrie ist in diesen Gebieten wegen den Transportstrecken kaum möglich, das wird gerne verdrängt. Die Menschen in den Randregionen selber sprechen nicht darüber, weil sie keine Alternativen sehen, die muss man ihnen aber bieten. Daher muss der Regierungsrat strategische Eckpunkte für die Regionen festlegen, wie das zwei überwiesene Motionen im Grossen Rat verlangen.

Bisher gibt es zwei Rezepte: Steuern runter und dann kommen die Firmen, postulieren die Bürgerlichen. Die Linken fordern Investitionen in die Lebensqualität, damit Steuerzahler angelockt werden.

Beide Rezepte schliessen einander nicht aus. Die politischen Lager hören einander aber nicht zu, so findet man keine Lösung. Der Kanton Bern hat im Vergleich mit anderen Kantonen ein unterdurchschnittliches Wachstum und zu hohe Steuern. Es braucht aber eine starke Wirtschaft, um über die Lebensqualität zu reden. Ja, Arbeitnehmende suchen nicht nur nach günstigen Steuern, sondern auch nach Lebensqualität, Kultur, sozialer Sicherheit und Freizeitmöglichkeiten. Aber wenn Unternehmen keinen Anreiz haben, um in den Kanton Bern zu kommen oder zu bleiben, muss man gar nicht erst über Lebensqualität reden.

Politologe Michael Hermann sagte jüngst in der «Berner Zeitung», das Wachstum des Kantons Bern finde im Kanton Freiburg statt.

Das trifft leider zu. Der Kanton Freiburg hat tiefere Lebenshaltungskosten und mehr Bauland als der Kanton Bern.

Kann es denn ein Ziel sein, tiefere Steuern als der Kanton Freiburg anzustreben?

Nein, nicht zwingend. Es braucht einen Mix von Massnahmen. Man kann nicht einfach die Steuern senken und dann auf den Aufschwung hoffen. Es braucht ein strategisches Vorgehen, ein schrittweises Senken der Unternehmenssteuern. Wichtiger wäre eine Senkung der Einkommenssteuern. Das ist aber deutlich schwieriger umzusetzen, weil der Steuerausfall rasch sehr hoch ist.

Wenn man Steuern senkt, hat es kein Geld mehr für flächendeckende Tagesschulen zum Beispiel.

Das lässt sich zurzeit gar nicht beurteilen, weil eben eine übergeordnete Strategie fehlt. Weil man nicht weiss, was man will, spart man dort, wo es am wenigsten Widerstand gibt. Gäbe es eine übergeordnete Strategie, würde man vielleicht eher beim Unterhalt oder in der Verwaltung sparen als bei der Sozialhilfe, wobei ein genaues Hinschauen auch hier richtig ist. Die Verwaltung aber gilt als Tabuzone.

Die Stadt Bern macht das Gegenteil: Sie will um 56 Stellen aufstocken. In den Städten wird geklotzt, im Kanton gespart.

Ich fürchte, hinter dem Stellenausbau in der Stadt fehlt die Strategie. Wenn man Geld hat, sollte man sich überlegen, wo es am sinnvollsten eingesetzt werden könnte: in neuen Stellen, in Infrastruktur oder in Steuersenkungen? Diese Debatte wird aber in der Stadt nicht geführt, weil auch die Stadt nicht weiss, wo sie hinwill. Das gemeinderätliche Legislaturziel-Motto «Stadt der Begegnung» *) ist keine Strategie.

Die Stadt tickt eben anders. Ist der Stadt-Land-Graben nicht zu gross für eine gemeinsame Strategie?

Man spricht immer von einem Graben, aber es geht um unterschiedliche Realitäten. In Innertkirchen sind die anders als in Bern. Dies sollte man nicht gegeneinander ausspielen.

Für einen Oberhasler fällt es aber schwer zu glauben, dass die Stadt Bern einen Projektleiter «Raum für Begegnung» anstellt.

Das fällt nicht nur einem Oberhasler schwer. Ich verstehe diese Strategie überhaupt nicht. Wohin will die Stadt Bern in zehn, fünfzehn Jahren? In den Legislaturrichtlinien des Gemeinderates wird die Wirtschaft nur ganz am Rande erwähnt. Das ist ein sehr enger Blick.

Die von ihnen geforderte Gesamtstrategie stiess im Grossen Rat auf Widerstand. Die SVP befürchtet einen neuen Papiertiger. Diese Gefahr ist doch real?

Interessant ist ja, dass nicht alle SVPler das so sehen. SVP-Grossrat Markus Aebi zum Beispiel hat den Vorstoss unterschrieben. Wenn man im Voraus sagt, es gebe einen Papiertiger, gibt man einer solchen Strategie keine Chance. Eine Mehrheit der Parteien sieht das anders als die SVP, auch der Regierungsrat.

Sie haben vorhin erwähnt, dass Sparen bei der Infrastruktur mehr einschenken würde als bei der Sozialhilfe. Sie werden keinen Grossrat finden, der bei der Infrastruktur sparen will.

Warum spricht niemand über den hohen Standard des Strassenunterhaltes? Über den Stellenetat des Kantons? Oder über die Beratungsleistungen, die der Kanton von Dritten bezieht? Es gibt in der Tat Themen, die kaum je aufgeworfen werden.

Wer einen geringeren Ausbau der Strasse nach Kandersteg fordert, wird nicht mehr gewählt.

Genau. Wo ein Minenfeld ist, machen alle einen Bogen darum. Die Probleme bleiben aber trotzdem da. Noch zum Strassenunterhalt: Aus der Bauindustrie ist zu hören, dass der Kanton durchaus billiger bauen könnte. Es geht nicht darum, nicht zu bauen, sondern günstiger zu bauen.

Sparen bei der Infrastruktur wird die Abwanderung aus den Regionen noch fördern.

Es gibt aber vielleicht Branchen, die man dezentral ansiedeln könnte. Im erwähnten «Bund»-Kommentar wurden digitale Dörfer erwähnt, der Ansiedlung computerbasierter Dienstleistungen in Randregionen. Das muss man prüfen und nicht zum Voraus erklären, es sei unmöglich.

Bei Infrastrukturfragen geht der Riss aber mitten durch die SVP. So zum Beispiel wenn Regierungsrat Pierre Alain Schnegg beim Spital Zweisimmen sparen möchte.

Das ist so. Wer das Spital Zweisimmen unbedingt erhalten will, muss aber wissen, dass es durch die Agglomeration Bern berappt wird. Macht das Sinn? Regierungsrat Pierre Alain Schnegg scheut sich nicht, diese Diskussion zu führen.

Wenn Sie einen Herzinfarkt an der Lenk hätten, wären Sie vielleicht froh um ein Spital vor Ort.

In Meiringen wurde ein Spital in ein Gesundheitszentrum umgewandelt. Zur Stabilisierung solcher Patienten muss man nicht immer ins Spital. Aber ich verstehe die Sorge der Bevölkerung vor diesen Änderungen, die jede und jeden sehr direkt treffen können, und das gilt es gerade auch in der Agglo Bern zur Kenntnis zu nehmen.

Was versprechen Sie sich von einer Gesamtstrategie? Der Kanton Bern wird nie ein Nettozahler im Finanzausgleich werden.

Schon „nur“ Die Senkung der Bezüge von 1,1 Milliarden Franken auf 500 Millionen Franken wäre bereits ein wesentlicher Beitrag. Wichtig ist jetzt, die dringend nötige Debatte über die Zukunft des Kantons zu führen. Wie will man Wirtschaft, Ausbildung, Medizinalstandort, Landwirtschaft, Tourismus, Industrie und Dienstleistungen fördern? Was soll in welcher Region entwickelt werden? Die Zeit ist reif für diese Debatte, das merkt man auch in Gesprächen mit den Regierungsräten. Die Bereitschaft der grossen Mehrheit der Parteien ist da. Ich bin sicher, dass auch die SVP positiv mitwirken wird.

Ich sehe nicht, wie es dabei zum Beispiel noch eine Zukunft für eine Randregion wie das Emmental geben kann.

Auch ich habe keine elegante Lösung. Aber ich bin sicher, dass die richtigen Leute Lösungen dafür finden können. Dabei kann und muss auf dem Bestehenden aufgebaut werden. Es ist ja nicht so, dass heute in den Regionen nichts geht. Wir haben ausgezeichnete Unternehmen in allen Regionen, die müssen zwingend gestützt werden. Aber sicher ist, nicht jeder Talabschnitt kann gefördert werden. Das bedeutet Verzicht und Verzicht tut weh.

*) Das Legislaturprogramm des Gemeinderats der Stadt Bern heisst nicht „Stadt der Begegnung“, sondern „Stadt der Beteiligung“. Das ändert jedoch an meiner Aussage nichts.

Veröffentlicht unter Fokus Bern, Kanton Bern, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Lohngleichheit: Faire Diskussion statt Ideologie!

Das Dauerthema Lohngleichheit ist nicht durch die Suche nach Lösungen, sondern durch ideologische Positionsbezüge und mangelnde Differenzierung geprägt ist. Studien werden kaum zur Kenntnis genommen und die Zahlen der eidg. Statistik nicht hinterfragt.

Am 08.03.2018 erschien in der ZEIT ein Artikel zur Lohngleichheit in der Schweiz. Das untenstehende Interview ist eine Reaktion darauf und am 22.03.2018 in der ZEIT abgedruckt. Das Gespräch führten Matthias Daum und Sarah Jäggi.

DIE ZEIT: Herr Stämpfli, wir forderten auf den Schweiz-Seiten eine Quote auf Zeit. Sie haben sich über dieses Plädoyer zünftig geärgert. Warum liegen wir falsch?

Peter Stämpfli: Ich habe mich nicht über die Quote, sondern über den ganzen Artikel geärgert. Ihre Auslegeordnung war oberflächlich, und Ihre Argumente sind falsch.

ZEIT: Welche Argumente meinen Sie?

Stämpfli: Mich stört an der Debatte über Frauenquoten und Lohngleichheit, egal ob sie in der ZEIT oder in anderen Medien stattfindet, dass niemand differenziert: weder die Arbeitgeber noch die Arbeitnehmer noch die Gleichstellungs-Lobbyistinnen. Alles dreht sich um zwei Zahlen …

ZEIT: … so funktioniert Politik nun mal. Am Ende dreht sich alles um wenige Zahlen oder Argumente. In diesem Fall um die durchschnittlich 18 Prozent Lohnunterschied zwischen Frau und Mann sowie die sieben Prozent, die nicht erklärbar, also eine Folge von Diskriminierung sind.

Stämpfli: Es ist bis heute nicht klar, ob diese Prozentzahlen stimmen. Vielleicht ist die Diskriminierung größer, vielleicht kleiner. Vielleicht gibt es Branchen, in denen Männer diskriminiert werden. Wenn wir Lohngleichheit erreichen wollen, müssen wir endlich darüber sprechen, was in den Unternehmen tatsächlich möglich ist – und was nicht.

ZEIT: Sie führen zusammen mit Ihrem Bruder eine Firma mit 420 Mitarbeitern aus 16 Nationen. Aber auch bei Ihnen sitzt keine Frau im Verwaltungsrat, in der Gruppenleitung sind es zwei, die Personalchefin und die Verlagsleiterin.

Stämpfli: Ich habe nun mal einen Bruder, mit dem ich das Unternehmen führe. Ich sehe nicht ein, warum ich eine Frau in unser Familienunternehmen reinnehmen müsste, bloß damit eine Frau da sitzt. In der Geschäftsleitung würden wir noch so gerne mehr Frauen haben. Nicht aus Gleichstellungsgründen, sondern weil das dem Team guttut.

ZEIT: Also wären Sie für eine Quote auf Zeit?

Stämpfli: Der Staat sollte sich nicht in die Führungsstruktur eines Unternehmens einmischen. Bei mir löst das Grauen aus. Aber auch mich bringt es ins Grübeln, wenn ich lese, dass die Zahl der Frauen in Geschäftsleitungen wieder abgenommen hat.

ZEIT: Sie könnten sich selber eine freiwillige Quote auferlegen.

Stämpfli: Das versuchen wir auf Geschäftsleitungsebene. Wenn möglich, stellen wir eine Frau ein; aber wir können nicht mehr tun, als Stellen auszuschreiben und bei Vermittlungsbüros anzufragen. Aber nochmals zur Statistik …

ZEIT: … die Werkzeuge, mit denen die Lohndifferenz untersucht wird, wurden ihrerseits von der Uni St. Gallen untersucht. Es zeigte sich: Die Instrumente taugen.

Stämpfli: Das Instrument wird korrekt angewendet. Die Frage ist: Werden die richtigen Kriterien bewertet? Meiner Meinung nach greifen sie zu kurz. Aber eben: Es gibt keine Bereitschaft, wirklich genau hinzuschauen.

ZEIT: Warum?

Stämpfli: Es geht um Ideologie, nicht um Lösungen.

ZEIT: Das heißt?

Stämpfli: Ein Beispiel: Das Büro für Gleichstellung Bern hat 2013 das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) beauftragt, mithilfe der Software Logib stichprobenweise seine Lieferanten zu prüfen, ob sie Frauen diskriminieren. Auch unsere Firma wurde durch einen Losentscheid ausgewählt. Der Aufwand für die Analyse war sehr, sehr groß …

ZEIT: … wie groß?

Stämpfli: Insgesamt beschäftigte sie uns vier Arbeitswochen. Was mich bis heute ärgert: Wenn sich gezeigt hätte, dass wir ungleiche Löhne für gleiche Arbeit bezahlen, wären wir von der Lieferantenliste des BBL gestrichen worden. Dieses Vorgehen ist daneben, zumal Logib keinerlei Hinweise gibt, wer allenfalls diskriminiert wird.

ZEIT: Was hat die Analyse zutage gebracht?

Stämpfli: Das, was auch unsere interne Kontrolle gezeigt hat: Wir sind diskriminierungsfrei. Aber die Kriterien, anhand derer das beurteilt wird, greifen im Geschäftsalltag zu kurz. Wir haben bei uns acht verschiedene Arbeitsmärkte mit acht verschiedenen Lohngefügen. Das Analyse-Tool des Bundes erkennt das nicht. Das führt absurderweise dazu, dass wir, wenn wir jeden Unternehmensbereich als separate Firma anschauen würden, eine andere Diskriminierungsrate hätten, als wenn alle in demselben Unternehmen arbeiten.

ZEIT: Sie könnten sich sagen: Ich bin froh um jeden Franken, den ich Frauen weniger bezahlen muss.

Stämpfli: Alle, die bei uns arbeiten, werden als gleichwertige Menschen wahrgenommen. Es wäre absurd, eine Gruppe, egal ob Frauen, Männer, Alte, Junge, als weniger wertvoll zu behandeln. Und der Lohn ist nun mal ein Ausdruck von Wertschätzung.

ZEIT: Wann haben Sie zuletzt einer Mitarbeiterin gesagt: Wir haben Ihnen einen zu tiefen Lohn gegeben. Ab nächstem Monat erhalten Sie mehr.

Stämpfli: Das weiß ich nicht. Wir wissen aber, dass Frauen bei Einstellungsgesprächen oft weniger hart über den Lohn verhandeln. Das berücksichtigen wir, und da kann es vorkommen, dass wir sagen: Wir geben Ihnen die Stelle, aber Sie kriegen 500 Franken mehr, als Sie verlangt haben.

ZEIT: Warum tun Sie das?

Stämpfli: Ich will abends in den Spiegel schauen können. Wir wollen nicht, dass eine Frau weniger bekommt, als ihr fairerweise zusteht, bloß weil sie sich nicht getraut, mehr zu verlangen.

ZEIT: Nun denkt in der Schweiz aber nicht jeder Unternehmer wie Sie, Herr Stämpfli. Auch nicht jeder Politiker. Ende Februar lehnte es der Ständerat ab, dass größere Firmen künftig regelmäßig eine Lohnanalyse durchführen müssen.

Stämpfli: Ich persönlich hätte mit dieser Regel politisch leben können. Vor allem weil sie die Sachdiskussion gefördert hätte …

ZEIT: … weil es ein Zeichen der Wirtschaft gewesen wäre: Wir sind bereit, etwas zu tun.

Stämpfli: Genau. Auch wenn es für uns Zusatzaufwand bedeutet hätte …

ZEIT: … ein paar wenige Arbeitstage alle vier Jahre.

Stämpfli: Vielleicht auch mehr. Das hängt von der Methode ab.

ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass der Arbeitgeberpräsident den Ständeratsentscheid verteidigte?

Stämpfli: Ich kann und will ihn nicht beurteilen. Aber es gibt halt einen natürlichen Widerwillen von Unternehmen, auf staatliches Geheiß zusätzliche Arbeiten erledigen zu müssen. Diesen Widerwillen teile ich voll und ganz.

ZEIT: Ohne staatlichen Zwang scheint sich in der Schweiz diesbezüglich nichts zu ändern. Das Beispiel des gescheiterten Lohndialogs zeigt: Freiwillig bewegen sich die Firmen nicht.

Stämpfli: Unsere Firma beweist das Gegenteil. Aber ja, Unternehmen können noch familienfreundlicher werden, und zwar ohne Verlust. Bei uns kann man seit 25 Jahren Führungspositionen in Teilzeit übernehmen. Lange wurde das so gut wie nie genutzt, nun kommt es langsam. Bei uns ist das Verständnis vorhanden, dass ein Vater sein Kind aus der Krippe holen muss, weil es krank ist. Das lohnt sich zigfach, es ist ein Geben und Nehmen.

ZEIT: In Island werden seit Anfang Jahr Firmen bestraft, die keinen gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit bezahlen.

Stämpfli: Was ist gleichwertige Arbeit? Dieses Kriterium ist nicht abschließend bestimmt. Trotzdem staune ich, dass die Politik noch nicht über Strafen diskutiert. Ich möchte das auf keinen Fall, aber …

ZEIT: … es würde das Problem lösen …

Stämpfli: … oder die Sache vorantreiben. Heute widmen wir uns lieber ideologischen Milchbüchleinrechnungen. Es heißt, Frauen würden mehr unbezahlte Arbeit in Familie und Gesellschaft leisten, da sei es nichts als recht, wenn sie früher in die Pension dürften. Das ist doch schwachsinnig! Wenn man so rechnet, müsste man auch die kürzere Lebensdauer der Männer einkalkulieren oder den Militärdienst, den sie leisten. Der Grundkonsens bleibt auf der Strecke, der besagt, dass wir gemeinsam unterwegs sind. Links und rechts, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Mann und Frau.

ZEIT: Gibt es diesen Konsens außerhalb Ihres Unternehmens?

Stämpfli: 90 Prozent der Schweizer Unternehmen sind KMU. Ich kann nicht für jedes einzelne sprechen aber im Großen und Ganzen gibt es dort diesen Konsens.

ZEIT: Umso erstaunlicher, dass sich diese nicht mehr Gehör verschaffen in der politischen Diskussion.

Stämpfli: Die Unternehmer engagieren sich tatsächlich zu wenig in der Öffentlichkeit und in den politischen Debatten. Und die Arbeitgeberverbände haben noch nie eine Umfrage gemacht, wie wir zum Thema Gleichberechtigung stehen. Allen voran Economiesuisse entscheidet Dinge im Namen der Wirtschaft, die mit uns gar nichts zu tun haben. Es gibt keine Diskussionskultur unter den Mitgliedern, auch nicht beim Arbeitgeberverband. Das ist schade.

ZEIT: Liegt das auch daran, dass unter den Meinungsführern vor allem Männer sitzen?

Stämpfli: Gemischte Teams bringen per se bessere Ergebnisse. In der Economiesuisse ist das Problem aber auch, dass kleinere Unternehmen wie das unsere im Vorstand kaum vertreten sind. Das gibt einen einseitigen Blick.

ZEIT: Aus ökonomischer Sicht müsste die Schweizer Wirtschaft doch alles Interesse daran haben, dass möglichst alle Arbeitskräfte einen ihren Fähigkeiten möglichst entsprechenden Job haben – und eine möglichst hohe Wertschöpfung erzielen.

Stämpfli: Richtig. Doch die Menschen, die Familien, müssen selber entscheiden, wie viel sie arbeiten wollen. Wir sagen unseren Mitarbeiterinnen sicher nicht, dass es verwerflich sei, wenn sie nach dem Mutterschaftsurlaub nur noch 50 Prozent oder gar nicht mehr arbeiten wollen.

ZEIT: Gleichzeitig entscheiden die Familien diese Fragen nicht im luftleeren Raum. Ein Paar weiß, der Mann hat es meist einfacher, das Geld heimzubringen, schlicht darum, weil er mehr verdient.

Stämpfli: Auch das stimmt nur teilweise, wie Untersuchungen zeigen. Viele Männer sagen: Ich will nicht daheim bleiben! Es ist nicht an mir als Unternehmer und Mitbürger, zu entscheiden, ob das gut oder schlecht ist.

ZEIT: Aber es ist am Staat, dafür zu sorgen, dass die Entscheide wirklich frei gefällt werden können. Solange es die Lohndiskriminierung gibt, kann man nicht frei entscheiden.

Stämpfli: Genau das stört mich an dieser Diskussion! Diskriminierende Löhne haben überhaupt nichts mit der Frage zu tun, für welches Modell sich eine Familie entscheidet. In meinem Umfeld habe ich mehr als einmal erlebt, dass eine Frau auch dann nicht mehr arbeiten wollte, wenn sie einen Krippenplatz hatte. Sie wollte das Kind selber betreuen.

ZEIT: Welche Rolle spielen die Väter?

Stämpfli: Wir hören manchmal, dass Männer sagen, sie würden sehr gerne auf 80 Prozent reduzieren, um einen Tag zum Kind zu schauen. Angeblich erlauben das die Arbeitgeber aber nicht. Ich habe den Verdacht, dass das nicht selten einfach eine sackgute Ausrede ist, um nicht daheim bleiben zu müssen. Lasst doch die Leute sein, wie sie sind!

Veröffentlicht unter Marginalie Leitartikel | Kommentar hinterlassen

NoBillag ist ein Totenschein, kein Denkzettel

Ein Gastkommentar von Daniel Eckmann*

„Der Initiativtext ist ebenso radikal wie eindeutig. Und die Folgen wären schwer. Nun, wer die Abschaffung von öffentlich getragenem Radio und Fernsehen anzettelt, soll dazu stehen und nicht so tun, als sei im letzten Moment doch noch eine Landung in Watte möglich.“ Daniel Eckmann

Zuerst die Fakten. Eigenständiges Radio und Fernsehen mit einem umfassenden Auftrag kann in der viersprachigen Schweiz nicht selbsttragend sein. Unser Medienraum ist dafür schlicht zu klein. Zum Vergleich: Die BBC hat 5,6 Milliarden pro Jahr zur Verfügung und sendet nur in einer Sprache. Die ARD braucht gar 6,9 Milliarden. Sogar das ZDF hat ein Budget von über 2 Milliarden – nur für Fernsehen, ohne Radio, bloss deutsch. Selbst die Riesen basieren zur Hauptsache auf Gebühren. Die SRG kommt mit 1,6 Milliarden aus. Und zwar für Radio und Fernsehen in gleich vier Sprachen, für Seh- und Hörbehinderte, für Mehr- und Minderheiten. Rund ein Viertel bringt die Werbung ein. Der Rest muss öffentlich finanziert werden. Oder dann halt von Investoren, deren Agenda niemand kennt. Oder anders gesagt: Mit NoBillag würde das einzige funktionierende Finanzierungsmodell für unabhängiges Radio und Fernsehen abgeschafft.

Dann zu NoBillag. Die Initiative will dreierlei. Erstens: Die Radio- und Fernsehkonzessionen sollen neu versteigert werden. Zweitens: Der Bund darf keine Empfangsgebühren mehr erheben. Drittens: Der bestehende Kultur-, Bildungs- und Meinungsvielfaltsauftrag wird gestrichen. Alles nachzulesen im Wortlaut. Das heisst: Entweder ersteigern Geldgeber die Konzession, die sich ihr politisches Gewicht sehr viel kosten lassen. Das ist keine beruhigende Option. Oder dann füllt sich das Vakuum mit ausländischem Fernsehbusiness, dem unsere Dialekte, unser Brauchtum und unsere Eigenheiten egal sind. Die Folge beider Szenarien: Keine unabhängige eigene Beurteilung mehr, dafür Fremdbestimmung. Und: Auch die schweizerischen Privatsender hätten keine Gebührenanteile mehr.

Hoch mit den Masken. Pro Initiative kursieren Schlagworte, die zu entlarven sind: Man solle nur zahlen müssen, was man konsumiert. Und die Schweiz brauche keine Staatsmedien. Kurz: Es gäbe einen Plan B. Zuerst zum „nur zahlen, was man konsumiert“. Die SRG produziert ja keine Schattenprogramme ohne Publikum. Täglich nutzen Millionen die Radio- und Fernsehangebote klassisch oder über Internet. Und es gehört zur „Idee Schweiz“, dass solidarisch finanziert wird, was zwar nicht immer alle nutzen, aber trotzdem wichtig ist. Universitäten oder Kindergärten werden ja auch nicht nur von Eltern bezahlt, Strassen nach Jenaz nicht nur von Prättigauern und Spitäler nicht nur von Kranken. Dann zu den „Staatsmedien“. Ein Wort, über das man gut nachdenken sollte, bevor man es braucht. Russland hat Staatsmedien, Nordkorea hat Staatsmedien – Iran, Syrien, Libyen haben Staatsmedien. Ungarn ist auf dem Weg dazu. Wir in der Schweiz sind stolz auf freie Medien und glücklich, nicht in einem totalitären Staat leben zu müssen. Und drittens zum behaupteten „Plan B“, wonach es der SRG nach der Initiative sogar besser gehe als zuvor. Es liege genug Geld herum. Man müsse sich nur etwas einfallen lassen. Keiner dieser Trugschlüsse hält ökonomisch stand. Von der Unlust auf noch mehr Werbung ganz zu schweigen.

Und überhaupt. Der Initiativtext ist ebenso radikal wie eindeutig. Und die Folgen wären schwer. Nun, wer die Abschaffung von öffentlich getragenem Radio und Fernsehen anzettelt, soll dazu stehen und nicht so tun, als sei im letzten Moment doch noch eine Landung in Watte möglich. Die Initiative will nicht einfach nur ein Zeichen setzen. Sie zerschlägt ein Stück Stabilität, ein Stück Identität, ein Stück Schweiz. Zweifellos muss sich die SRG gründlich reformieren. Sie muss durchaus vom hohen Ross und kann einiges besser machen. Das weiss die SRG und das will ihr neuer Generaldirektor ja auch. Aber reformieren kann man nur, was noch besteht. Machen wir uns also nichts vor: NoBillag ist kein Denkzettel, sondern ein Totenschein.

Mit der Verfassung spielt man nicht. Das Grundsätzliche zum Schluss: Aus Angst vor dem eigenen Mut, verlangen die Anhänger von NoBillag nun eine „kreative Umsetzung“ des Verfassungswortlauts. Ein böses Erwachen vor Augen, schweben ihnen plötzlich Hintertür-Träume vor. Also die Verwässerung von Volksentscheiden. Ist das die politische Kultur, um die uns alle Welt beneidet? Wie weit wollen wir mit der Degradierung der Bundesverfassung zur Sammlung halbverbindlicher Empfehlungen noch gehen? Bis hin zur à-la carte-Verfassung, aus der jeder nimmt, was gerade nützt? Hoffentlich nicht. Unausgegorene Spass-, Wut- oder Neid-Initiativen haben keinen eingebauten Anspruch auf frisierte Teilwirkungen. Das höchste demokratische Recht, nämlich die Verfassung selber zu bestimmen, darf nicht mit unbedarften Experimenten entwertet werden, sondern verlangt Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit und Verantwortungssinn. Medienpolitik wird nicht mit impulsiven Instant-Experimenten gemacht. Weitsichtiger sind Reformen, welche die Schweizerische Medienlandschaft insgesamt neu ordnet. Und das macht man gescheiter nicht beim Bier. Deshalb gibt es nur einen staatspolitisch würdigen Plan B zur NoBillag-Initiative. Es ist ein Plan mit bloss vier Buchstaben. Nämlich einem Nein.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen KLAUS-METZLER-ECKMANN-SPILLMANN und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger.

Veröffentlicht unter Gesellschaft und Staat, Politik, Texte anderer Autoren, Volksinitiativen und Referenden | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Staatsmedien?

Wer noch daran zweifelt, ob eine SRG nötig ist, der lese den Leitartikel von Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, in der heutigen Ausgabe. Er ging bereits gestern online: https://www.nzz.ch/meinung/die-schweiz-braucht-keine-staatsmedien-ld.1339261

Gujers Artikel ist eine erschreckend emotionsgesteuerte Schreibe, die nur ein Ziel hat: Die eigenen wirtschaftlichen Ziele erreichen, ohne auf die Direkte Demokratie zu achten.
«Sie ist das Kind einer Zeit, in der Hitler und Stalin die neue Radiotechnik nutzten, um ihre Propaganda zu verbreiten, und ein demokratischer Staat wie die Schweiz mit dem Konzept der geistigen Landesverteidigung antwortete», schreibt Gujer. Er unterschlägt, welche Medienvielfalt damals im Gegensatz zu heute bestanden, und welche Bedeutung die SRG in der Information der Bevölkerung heute hat.

Totalitäre Worte
Gujer verwendet Worte wie ‹Staatsrundfunk› und ‹Staatsmedien›, Worte, die aus der totalitären Schatulle stammen. ‹Staatsmedien› bedeuten Medien, die von der Regierung direkt beeinflusst werden, wie in Russland und China. Das ist in der Schweiz, bei aller Kritik an der SRG, nicht der Fall. Eric Gujer weiss das. Er drückt sich absichtlich falsch aus, um seine Ziele erreichen zu können. Er macht dies unter dem Deckmantel der liberalen Logik, doch darunter prangt der Eigennutzen. Fakten nützen Gujers Anliegen nichts.

Man muss die SRG und ihr Programm diskutieren.
Es ist richtig zu hinterfragen, ob die Sendervielfalt notwendig ist, ob ‹Virus›, ‹Radio Swiss Pop› und Formel 1 zum Auftrag gehören. Ich finde es falsch, dass eine Admeira (Werbeplattform von Ringier, Swisscom, SRG) gegründet wurde, gegründet werden konnte. Doch darum geht es bei ‹nobillag› nicht: Wir stimmen darüber ab, ob es die SRG überhaupt noch geben soll oder nicht. Der Initiativtext ist präzis:

3 Der Bund versteigert regelmässig Konzessionen für Radio und Fernsehen.
4 Er subventioniert keine Radio- und Fernsehstationen. Er kann Zahlungen zur Ausstrahlung von dringlichen amtlichen Mitteilungen tätigen.
5 Der Bund oder durch ihn beauftragte Dritte dürfen keine Empfangsgebühren erheben.
6 Der Bund betreibt in Friedenszeiten keine eigenen Radio- und Fernsehstationen.

Journalistische Qualität
Eric Gujer ist offensichtlich der Meinung, die SRG gehöre abgeschafft. Es ist sein Recht, seine Meinung in einem Kommentar zu vertreten. Die Art und Weise, wie er das tut, widerspricht journalistischer Sorgfalt. Er klammert, ich muss annehmen, bewusst wesentliche Leistungen der SRG aus, er nennt Halbwahrheiten zur SRG und unterschlägt, dass über 2.5 Mio. SRF-Radio hören und die SRG alle Landesteile und Landessprachen abdeckt.

René Scheu wird vorgeworfen, er habe das NZZ-Feuilleton nach rechts rutschen lassen. Möglich, man mag die Inhalte oder nicht, doch sind sie auf einem journalistischen Niveau, das der NZZ entspricht. Das Niveau von Eric Gujers Artikel ist grauenhaft, eines, das wir uns nicht einmal von der Weltwoche gewöhnt sind. Jedenfalls ist die Qualität jedes ‹Echo der Zeit› auf Radio-SRF wesentlich gehaltvoller, als die Schreibe des Chefredaktors der NZZ.

Veröffentlicht unter Gesellschaft und Staat, Volksinitiativen und Referenden | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Von schrägen Bildern

Der Begriff «Work-Life-Balance»ist missverständlich. Er trennt Arbeit und Leben, doch eine positiv herausfordernde Arbeit ist Bestandteil eines erfüllten Lebens; wer das nicht so recht glauben will, soll sich mit Arbeitslosen unterhalten. Allerdings ist Arbeit nicht alles.

Meine Mutter gab mir in der Schulzeit oft den Rat, ich solle an etwas denken, auf das ich mich heute freue. Ich solle dann aber zuerst das machen, was mir gleichbleibend zuwider war: die Hausaufgaben. Aus lauter Vorfreude führte das bisweilen zu einer hastigen Erledigung. Doch der Rat hat sich bewährt und bewährt sich noch immer. Worauf freuen Sie sich heute?

Es gibt in jedem Beruf Aufgaben, die man ungern macht, auf die Dauer ist etwas ungern tun jedoch ermüdend. Wir sollten einer Arbeit nachgehen, die insgesamt Sinn ergibt und Freude bereitet. Das ist bei mir der Fall. Meistens zumindest, denn es ist wie mit der Schoggimousse, die ich liebe. Zuviel des Guten verleidet, ein Stück Käse zwischendurch bringt Abwechslung; es kann auch Gemüse sein. Mit der Arbeit ist es dasselbe. Wir brauchen Pausen, Freizeit und Erholung. Musse und Distanz zum Geschehen zu finden, ist erfrischend. Es braucht Ausgleich: Das meinen wir mit Lebensbalance, auch wenn einige darunter ein zeitgeistiges esoterisches Gesäusel verstehen. Körperliches Wohlbefinden, ein tragendes soziales Netz, Sinn im Leben und eine positiv herausfordernde Arbeit müssen sich die Hand geben. Wer seine Balance nicht halten kann, dem verleidet das eine oder das andere grundsätzlich. Wenn wir immer wieder dasselbe tun, kapituliert die Freude. Zur Lebensbalance gehört der Ausgleich; Anstrengung und Entspannung, Arbeit und Ruhe geben sich die Hand.

Um Ausgleich zu finden, bedarf es der Offenheit. Röhrenblicke schränken ein, andere Blickwinkel eröffnen neue Horizonte, und Ungeahntes wird zur Bereicherung. Ein Rundumblick ist entspannender als das Spotlicht auf die Mücke, die ärgert. Schon nur deshalb sollten in der Freizeit nicht dieselben Leistungsregeln wie bei der Arbeit gelten. Wer montags müder zur Arbeit kommt, als er sie freitags verlassen hat, muss über die Bücher oder eines lesen und zur Ruhe kommen. Wer bei der Arbeit dauerhaft unzufrieden ist, wird dies auch durch die freudvollste Freizeitgestaltung nicht ausgleichen können. Auch viel Schoggimousse kann Bittermandeln nicht mildern. Die Schräglage muss dort angegangen werden, wo sie entsteht.

Das Bild, das auf unsere Augen trifft, steht auf dem Kopf. Unser Hirn hat gelernt, es zu drehen, und so meinen wir, richtig zu sehen. Unser Hirn gleicht auch andauernde Schräglagen aus. Sie werden normal, da nützt manchmal alle Distanz nichts mehr. Umso mehr sind Kolleginnen und Kollegen gefragt, die das Bild zurechtrücken. Auch das gehört zur Begegnung auf Augenhöhe: die anderen auf Schräges aufmerksam zu machen — und einander immer wieder als gleichwertige Menschen zu bestätigen.

Dieser Blog ist als Editorial erschienen in Die Marginalie, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern, Nr. 3/2017. http://www.staempfli.com

Veröffentlicht unter Marginalie Leitartikel | Verschlagwortet mit , , , , , , | 2 Kommentare

Olympische Spiele und die World Skills

Eine Milliarde für die Standortförderung? Es gäbe wichtigere und nachhaltigere Möglichkeiten als die Olympischen Winterspiele. Dem Bundesrat fehlt es an der Orientierung auf das Wesentliche.

Der Bundesrat hat entschieden, die Olympischen Winterspiele mit einer Milliarde, also 1000 Millionen, zu unterstützen, sollten sie im Wallis stattfinden. Der Bundesrat hat auch entschieden, die World Skills, die Berufsweltmeisterschaften, nicht zu unterstützen; es wäre um 30 Mio. gegangen. Die Begründung für den negativen Entscheid lautet gemäss SRF News (Link siehe unten):

«Das sind heute Mega-Events, die in der Schweiz kaum mehr ausgerichtet werden können. Die Strategie von World Skills international ist, noch mehr zu wachsen – und das macht es schwierig», sagt dazu Josef Widmer, Stellvertretender Direktor des Staatssekretariats für Forschung, Bildung und Innovation.

In Basel wäre man bereit gewesen, den Anlass zu organisieren.

Man mag über beide Anläss halten, was man will. Doch die Begründung der Bundesstellen ist bemühend. Wenn etwas in der Vergangenheit ein Mega-Eent war, dann die Olympischen Spiele, die für die Schweiz weit weniger bedeutend sind, als die Berufslehre. Mit der Olympia-Milliarde könnten die World Skills während 30 Jahren in der Schweiz durchgeführt werden.

Der einzige legitime Grund, weshalb es für Bundesbern Sinn machen kann, sich an den Olympischen Spielen zu beteiligen, ist die Standortförderung, die Werbewirksamkeit, von der die ganze Schweiz profitieren soll. Es ist zu bezeifeln, ob das gelingen wird. Und es wäre angebracht nüchtern zu analysieren, welche weiteren Varianten der Standortförderung bestehen, wenn schon eine Milliarde eingesetzt werden kann. Z.B.: Wenn wärend zehn Jahren je 100 Mio. für Tourismuswerbung und Werbung für die Wirtschaftsstandorte eingesetzt würden, wäre dies massiv nachhaltiger, als ein Sportanlass während weniger Wochen.

Die Prioritäten des Bundesrates sind, in den hier genannten Fällen, nicht im Interesse der Schweiz.

SRF News: https://www.srf.ch/news/schweiz/berufs-wm-in-abu-dhabi-schweizer-lehrabgaenger-bringen-20-medaillen-nach-hause

Veröffentlicht unter Randnotizen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Ein einzigartiges Land | 1. August

Wir haben in und mit unserem Land viel erreicht. Unser Wohlstand ist weltweit Spitze. Wissend um alle Unzulänglichkeiten stelle ich fest: Wir leben in einem einzigartig guten Umfeld. Es lohnt sich, am 1. August innezuhalten und über unser Land und die eigene Rolle nachzudenken.

Wir müssen uns weder um die tägliche Nahrung noch um sauberes Wasser sorgen.

Wir sind frei. Wir können uns frei bewegen, äussern und politisch mitwirken, wie in keinem anderen Land. Wir leben in einer Demokratie mit intakter Gewaltenteilung und weitgehenden Mitbestimmungs- und gestaltungsrechten auf allen politischen Ebenen.

Unser Rechtssystem ist verlässlich und behandelt alle gleich. Zu staatlichen Leistungen haben alle denselben Zugang.

Unsere Gesellschaft ist annähernd frei von Korruption; und wo sie doch besteht, wird sie geahndet. Wir sind vor staatlicher Willkür geschützt.

Wir werden ausgebildet und haben Weiterbildungsmöglichkeiten, die wir selber bestimmen können.

Unsere Wirtschaft ist innovativ und widerstandsfähig.

Unsere sozialen Netzwerke sind stark, unser Gesundheitssystem ist erstklassig und allen zugänglich. Unsere Solidarität mit den Schwachen der Gesellschaft ist intakt.

Unsere Kultur ist reichhaltig und lebendig. Kulturelle Tätigkeit ist allen möglich und vom Staat nicht kontrolliert.

Wir leben in einem weitgehend gewaltfreien Raum. Die Menschen auf der Strasse können einander vertrauen.

Unsere Natur ist bedrängt, doch besteht ein breites Bewusstsein, sie zu schützen.

Wo Missstände auftreten, werden sie angegangen und gemeinsam korrigiert.

Wir leben in einer einzigartig guten Welt: Was tue ich persönlich dazu, um diesen Zustand nicht nur zu erhalten, sondern Schritt für Schritt weiterzuentwickeln, ohne dass die wertvollen Errungenschaften auf der Strecke bleiben?

Veröffentlicht unter Gesellschaft und Staat, Politik, Verantwortung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 2 Kommentare