Identität

«Der Mensch ohne den Mitmenschen ist nicht der Mensch, sondern das Gespenst des Menschen. Deshalb ist Arbeit ein soziales, ein geselliges, ein kameradschaftliches Werk.» – Karl Barth

In der Schweiz weisen wir uns mit der ID oder dem Pass aus, wenn dies verlangt wird. Die Dokumente belegen unsere rechtliche Identität. In etlichen Nationen erhalten die Bürgerinnen und Bürger jedoch keinen Pass, und Flüchtende, die ihre Nationalität nicht ausweisen können, fallen in gewissen Staaten «zwischen die Grenzen», dadurch dass ihre staatliche Anerkennung und damit die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Nation) verweigert wird. Doch Anerkennung ist für uns lebenswichtig.

Menschen benötigen die Zugehörigkeit zu einer oder mehreren Gruppen. Ohne sie fühlen wir uns nicht anerkannt und verlassen. Für meine Gruppenzugehörigkeit ist es entscheidend, dass ich eine für die Gruppe und für mich sinnvolle Rolle habe, meine Fähigkeiten einbringen darf und meine Identität bewahren kann, indem sie von den anderen respektiert wird. Das gilt im Privaten wie an der Arbeitsstelle. Das Gegenteil streben Sekten an, die die Identität der Einzelnen unterdrücken, oder noch krasser: Gefangenenlager, die den Häftlingen nur Nummern vergeben. Der eigene Name ist wesentlicher Teil unserer Identität.

Wir bestimmen unsere Identität in Abhängigkeit von anderen, wir können nur einzigartig im Vergleich zu den Mitmenschen sein. Welche Eigenschaften habe ich, die ich nicht nur wegen anderer nutzen kann, sondern weil ich ich bin? Und welche helfen, um von einer mir wichtigen Gruppe anerkannt zu werden? Wenn andere mich ernst nehmen, verstärkt das meine Identität, und so ist gegenseitige Anerkennung im Team entscheidend für das Wohlbefinden und die Motivation aller. In einem Umfeld, in dem ich keine Bedeutung habe, in dem es einerlei ist, ob ich existiere oder nicht, gehe ich zugrunde. Darin liegt unter anderem der Skandal der modernen Sklaverei. Versklavte werden zu Arbeitsinstrumenten erniedrigt, ihre Identität hat keinerlei Bedeutung. Das Muster der Ausgrenzung kennen wir aber auch im Alltag vieler Organisationen, in denen Kolleginnen und Kollegen nicht ernst genommen oder gar gemobbt werden.

Auch Unternehmen haben eine Identität, die sich idealerweise in ihrer Marke spiegelt. Die Markenstruktur muss die Ausprägungen der Unternehmensidentität enthalten. Ist dies nicht der Fall, entpuppt sich das Unternehmen als unglaubwürdig. Das ist ein Grund, weshalb wir in der Stämpfli Gruppe Wert auf unsere Unternehmenskultur legen. Die Werthaltung, die das Unternehmen verkörpert, muss sich in unserer Marke wiederfinden. Dabei ist es entscheidend, die Unternehmensidentität zusammen zu teilen und gleichzeitig die je eigene, persönliche Identität behalten und stärken zu können. Das ist die Grundlage erfolgreicher Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Erschienen in „Marginalie“, Nr. 2/2022, die Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern. staempfli.com

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Plötzlich darf Sport politisch sein

Sport und Politik seien zu trennen, das galt lange Zeit. Doch seit dem Krieg Russlands in der Ukraine ist Sport plötzlich politisch. Davon sind jedoch andere kriegführende Länder nicht betroffen.

Gerade noch hatten weder die Nationalen Olympischen Komitees noch das IOC Bedenken wegen China. Sport habe mit Politik nichts zu tun, die Sportler und Sportlerinnen schon gar nicht. Und noch immer soll die Fussballweltmeisterschaft trotz Tausender toter Bauleute, miserablen Arbeitsbedingungen und mangelnden Freiheitsrechten in Katar bestritten werden. Der FC Bayern München pflegt weiterhin enge Beziehungen zu Saudi-Arabien, deren Monarchen sich die Menschenrechte als Treppenwitz erzählen, Journalisten einsperren oder hinrichten lassen, wenn sie nicht im Strom der vorgegebenen Meinung schwimmen, Homosexuelle verfolgen, Frauen als minderwertig betrachten und einen aggressiven Islamismus weltweit unterstützen – und die in Jemen einen Krieg führen, der gemäss der UNICEF zur momentan grössten humanitären Katastrophe führt, konkret einer Hungerkatastrophe. In den letzten zwölf Monaten vor dem 24. Februar 2022 war Weissrussland in der westlichen Welt die bedeutendste politische Aufregung in der unpolitischen Sportwelt. Nachdem Lukaschenko mit Rückendeckung Putins die Opposition niedergeknüppelt hatte, wurde die Eishockey-WM dem Land entzogen. Das geschah erst, als Sponsoren mit dem Entzug der Gelder drohten. Gleichzeitig fand die Handball-WM in Ägypten statt. Die Schweizer Nationalmannschaft hat teilgenommen, obwohl das Gastgeberland bezüglich Menschenrechtsverletzungen den Weissrussen in nichts nachsteht und in der Rangliste der korruptesten Länder selbst Belarus schlägt. Seit Jahren gelten die International Handball Federation und ihr ägyptischer Präsident als hochgradig korrupt. Das wissen alle, die Handball spielen. Trotzdem machten der Staff und die Spieler der Nationalmannschaft nicht den Eindruck, sich der Situation bewusst sein zu wollen: Sport hat ja mit Politik nichts zu tun, Sportler und Sportlerinnen wollen nur sportlich kämpfen.

Die Freude am Sport soll durch die Schrecken von Folter und Verfolgung nicht geschmälert werden. Hat diese Scheinheiligkeit mit dem Überfall des Systems Putin auf die Ukraine nun ein Ende? Wir reiben uns die Augen: In verblüffender Harmonie distanzieren sich Sportverbände, Clubs und Sportlerinnen und Sportler von Russland und seinen Verbänden, Unternehmen und Oligarchen. Unter Druck muss Abramowitsch den FC Chelsea verkaufen, Schalke 04 wirft das russische Staatsunternehmen Gazprom, ihren Hauptsponsor, nach Jahren der Zusammenarbeit raus, die UEFA zieht gleich, und das Zuger Eishockey-Unternehmen EVZ beendet die Partnerschaft mit Nord Stream. Dabei hatte zuvor kaum jemand begriffen, wieso Gazprom überhaupt als Sponsor auftrat. Niemand von uns konnte das Unternehmen als Energielieferanten wählen. Wen wollte Gazprom mit den Geldern beeinflussen? Aufmüpfig ist nun auch die FIFA geworden, die Russland ausschliesst. Sie hätte dies aufgrund der eigenen Regeln längstens tun müssen, weil Russland in Syrien Krieg führt. Auch Syrien müsste ausgeschlossen werden, ebenso Saudi-Arabien wegen des Jemenkriegs, und die USA hätten während des Irakkriegs fernbleiben müssen. Das alles kümmerte niemanden. An den chinesischen Genozid an den Uiguren mögen die Verbände gar nicht erst denken, zu viel Geld steht auf dem Spiel. Hier darf Sport nicht politisch sein.

Am 24. Februar jedoch wurde über Nacht der Schleier weggezogen, und Sport wurde offiziell politisch – was er schon immer war. Dies geschah zum Glück und endlich und in einer Geschwindigkeit und Konsequenz, die niemand für möglich gehalten hätte. Allerdings: Ohne politischen und öffentlichen Druck und die entsprechenden Sanktionen wäre es nicht so weit gekommen. Wer jahrelang Gazprom als Sponsor umworben hat, wem es einerlei war, wie Abramowitsch ultrareich geworden ist, wer akzeptierte, dass kriegsführende Staaten an Spielen teilnehmen durften und dürfen, wer ohne Sorgen Sport neben Verfolgten treiben konnte, der und die wird nach dem (hoffentlich raschen) Ende des Ukrainekriegs genau dort weiterfahren, wo sie am 24. Februar aufgehört haben. Es haben sich nur die Umstände und nicht die Menschen verändert.

Hoffentlich täusche ich mich, dann nämlich müssten die Einsichtigen nun China, Syrien, Ägypten, Saudi-Arabien und Katar und einige Staaten mehr in die Pflicht nehmen. Ich wage zu bezweifeln, dass diese Einsicht stärker als Macht, Geld und politische Vorteile ist und dass sie stärker als diese entsetzliche Gleichgültigkeit der letzten Jahre sein wird.

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Gemeinschaftssinn

‹Purpose›. Das Modewort ist bei uns angekommen. Ein Unternehmen, das etwas auf sich hat, muss seinen ‹Purpose› nennen, besonders junge Mitarbeitende würden Wert darauflegen. Doch neu ist das nicht. Sinn und Zweck zu kennen, war und ist in jeder Generation Grundlage unternehmerischen Handelns, und nicht nur Junge wollen einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. In unserer Vision beschreiben wir den Sinn des Unternehmens seit Jahrzehnten. ‹Arbeitsort ist Lebensort› und ‹Wirtschaftlich und menschlich erfolgreich sein› sind Grundsätze, die mein Bruder und ich als Eckpfeiler unseres unternehmerischen Handelns bei der Unternehmensübernahme gestellt haben. Dazu gehört ebenso ‹dem Ganzen und den Kunden eigenverantwortlich zu dienen› und jeden Menschen gleichwertig zu behandeln.

Unsere Haltung gründet unter anderem in der Geschichte unseres Familienunternehmens. Die fünf vorausgehenden Generationen prägen uns auf die eine oder andere Weise, auch wenn wir über die zwei ersten Generationen nur wenig wissen. Der frühe Tod der Männer der drei ersten Generationen zwang die Witwen, das Unternehmen weiterzuführen. In einer Zeit, in der Frauen kaum Rechte hatten, war dies schwierig und prägend. Es hat gezeigt, dass bei aller Umsicht Wesentliches unbeeinflussbar bleibt und die Ziele nur zusammen erreicht werden können. Daraus ist Gemeinschaftssinn entstanden, der bei unseren Urgrosseltern gut belegt ist und uns von unseren Eltern in die Wiege gelegt wurde. Unser Selbstverständnis, Mitarbeitende nicht nur als Arbeitskräfte, sondern als Mitmenschen auf einem gemeinsamen Weg zu gemeinsamen Zielen zu sehen, gehört dazu. Natürlich haben unsere Vorfahren für ihre Haltung der jeweiligen Zeit entsprechend andere Worte gefunden. Doch der Sinn war derselbe.

Menschen brauchen eine Gruppe, mit der sie sich identifizieren und in der sie ihre Kompetenzen einbringen können. Sie brauchen eine eigenständige Rolle und Anerkennung. Daraus entsteht Gemeinschaftssinn: Im gemeinsamen Sinn handeln. Die persönliche Rolle der Einzelnen ist dabei entscheidend, denn ‹alles beginnt bei mir›, ein Kernsatz unserer Kultur.  

Der Zusammenhalt, der zum Erreichen der wirtschaftlichen und humanistischen Ziele unabdingbar ist, benötigt mehr als nur Toleranz untereinander. Denn «Toleranz ist nicht mehr als Ablehnung, die durch Respekt gezähmt wird»[1]. Das reicht nicht. Es braucht Anerkennung und die Möglichkeit zur eigenständigen, kompetenten Wirkung. Alle sind bei uns mit den für unsere Unternehmen notwendigen Fähigkeiten willkommen, wobei unsere Unternehmenskultur den Identifikationsrahmen bildet. Sie sind willkommen als Expertinnen und Kollegen, als Mit-Arbeitende und Zusammen-Arbeitende. Alle mit ihren Eigenheiten, mit ihren Erfahrungen und ihrem Können, mit ihren Stärken und Schwächen. Einen solchen Rahmen zu bieten, ist der Grund, weshalb wir Unternehmer sind.

Dieser Text ist zuerst in „Die Marginalie“, Nr. 3/2021, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern, erschienen.


[1] Prof. Dr. Bernd Simon, Universität Kiel

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Schauend reisen

Auf dem Cabo da Roca stehen, wichtiger, am westlichsten Punkt des europäischen Festlands stehen und in die unendliche Weite des Atlantiks schauen. Oder die Strasse von Gibraltar durchfahren: eindrücklich! Solche Orte faszinieren mich. Es fühlt sich unbeschreiblich wertvoll und glücklich an, an einem ganz besonderen Punkt der Landkarte zu sein, wortlos verbunden mit der ganzen Welt. Dies zu erleben, ist mir manche Reise wert.

Doch Reisen ist mehr. Dabei erleben wir ungewohnte Kulturen, Lebensformen und Lebensbedingungen, die bereichernd, irritierend oder gar abstossend sein können. Wie die Erfahrungen auch ausfallen, sie dienen dazu, unsere eigene Sicht und Annahmen zu überprüfen. Beim Reisen mit unseren Kindern haben wir oft die Lebenssituation anderer Menschen mit der unseren in Bern verglichen. Wir haben ergründet, was uns daran gefällt, überrascht und beeindruckt oder was uns, beispielsweise angesichts ärmlichster Verhältnisse, tief nachdenklich stimmt. Reisen erlauben die Auseinandersetzung mit sich selbst, also mit dem, was uns wichtig ist oder vielleicht doch nicht so sehr.

Besonders wertvoll ist mir diese Erkenntnis: Wo auch immer ich hinkam, traf ich auf freundliche und meist hilfsbereite Menschen. Vorurteile und heimliche Ängste schmolzen dahin. Hatte ich die Möglichkeit, Menschen vertieft kennenzulernen, nahm ich oft mit Schmunzeln wahr, dass es überall «mönschelet» und die Beziehungsfragen weltweit offenbar erstaunlich ähnlich sind. Wer neben Naturschönheiten und Kulturschätzen den Alltag der Menschen erfahren will, braucht Zeit. Eine Woche Strandferien in Phuket reicht nicht aus. Ich musste lernen, mich in einem neuen Land auf eine Region zu beschränken und nicht «alles» sehen und erleben zu wollen, was die Reiseführer als «zwingend» beschreiben. Ich empfinde das rasende Reisen als unbefriedigend oberflächlich. Weniger ist deutlich mehr.

Noch hält uns die Pandemie vom Reisen ab, aber träumen können wir bereits. Doch wohin darf man heute noch reisen? Macht es Freude, ein Land zu entdecken, in dem die Rechte von Andersdenkenden, von Frauen oder Homosexuellen mit Füssen getreten werden? Reisen nach Katar, Saudi-Arabien, Nordkorea oder auch in die Türkei, um nur einige zu nennen, verbiete ich mir. Aber klare Grenzen zu ziehen, was noch passt und was nicht, ist nicht so einfach. Die USA? Sie kennen die Todesstrafe und in Guantanamo die Folter. Japan hat seine Kriegsgräuel immer noch nicht anerkannt. Russland lässt Oppositionelle vergiften und Ägypten foltern und verschwinden. Wohin darf man noch? Ich kenne die richtige Antwort nicht, versuche aber, wenn ich schon in ein umstrittenes Land reise, mich mit der Situation auseinanderzusetzen und vor Ort die Zusammenhänge besser verstehen zu lernen. Reisen ohne waches Schauen ist fahrlässig und eine vertane Chance; diese zu nutzen, hingegen eine Bereicherung.

Erstmals erschienen in „Die Marginalie“, Hauszeitschrifte der Stämpfli Gruppe Bern, http://www.staempfli.com

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Die Natur und wir

«Mit Geschäftsideen, die der Natur erste Priorität einräumen, könnten Geschäfte im Wert von gut zehn Billionen Dollar realisiert werden.» (*) Eindrücklich. Was aber heisst Natur und was erste Priorität? Natur ist ein vielschichtiger Begriff und unser Umgang mit ihr gelinde gesagt widersprüchlich. «Leben im Einklang mit der Natur» ist erstrebenswert; schränkt es mich ein, ist es mit der ersten Priorität vorbei. Die Natur bezeichnet in der Regel das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde (Wikipedia). Sie kann gefährlich sein, das wussten unsere Vorfahren. Barcelona, Lima, Kapstadt, Tokio und andere Städte wurden nicht unmittelbar ans Meer gebaut oder dann an eine Bucht, die vor Fluten und Winden schützt. Heute verdrängen wir das Bedrohliche der Natur. Die Gebirgswelt begehen wir mit funktionaler Bekleidung, bis die Rega uns holt. Wir sind auf Distanz zur Natur, wir schauen von aussen auf sie. Wir wollen sie im Griff haben. Corona haben wir nicht im Griff. Doch auch das Virus ist Natur, wie Amöben, die Würfelqualle oder der Tsunami.

Die wenigsten interessieren sich für Insekten. Ihr Rückgang bedroht das auf dieser Welt wichtige Gleichgewicht. Blüten werden nicht bestäubt, weil zu wenig Bienen fliegen, weil wir vergiften, was uns in die Quere kommt. Was uns an der Natur nicht passt, beseitigen wir oder versuchen, es technisch zu beherrschen. Natur soll sein, wie wir sie uns wünschen: «Im Dezember wurde eine Pflegerin von einem Krokodil in die Hand gebissen, doch sie überlebte. Das Krokodil wurde erschossen.» Das war für die Pflegerin eine glückliche Wendung, für das Krokodil weniger. Wie Natur sich zu benehmen hat, bestimmen wir, zumindest bei den Tieren. Auch den Taifun würden wir mässigen, wenn wir könnten. Dazu passt, wie wählerisch wir sind: Wir schützen den «prachtvollen» Elefanten (mehr oder weniger), doch die bedrohte Schneckenart interessiert uns nicht. Wir wollen die letzten Urwälder und die Antarktis sehen oder, wie eine Mutter sagte: «Ich reise mit den Kindern auf die Galapagos-Inseln, solange ich sie ihnen noch zeigen kann.» Wir besuchen das urtümlich Schöne. Wir erleben es als wertvoll und gefährden es.

Für uns Menschen ist die Natur wunderbar, wenn sie nützt. Wir wollen die Natur beherrschen, um sicher zu leben. Doch es ist längstens Zeit, uns zu hinterfragen, mit welchen Mitteln und in welchem Ausmass wir dies dürfen, um nicht uns selbst und anderen zu schaden. Das Hinterfragen beginnt bei mir selbst. Wie beeinflusst mein Verhalten die Natur: meine Reisen, meine Einkäufe, meine Mobilität, meine Lichtverschmutzung, meine Abfälle? Darf ich alles, was ich wünsche und was mir möglich ist? Erste Priorität kann bedeuten, vor dem Handeln nicht mein Ego, sondern den Nutzen für die und den Schaden an der Natur vor Augen zu haben. Ich kann freudvoll leben und mich schützen, ohne die Natur nachhaltig zu gefährden.

Zuerst erschienen in Die Marginalie, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe, Nr. 3/2020

(*) sda, Juli 2020 |
(**) Der Bund, Juni 2020
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Konzernverantwortung: Als Unternehmer sage ich Ja.

Die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) wird auch durch die Wirtschaft unterstützt.

(Dieser Text wurd am 04.06.20 in Der Bund  publiziert.)

Im seinem Kommentar (Der Bund, 30.05.20) argumentiert Peter Gehler gegen die KVI und suggeriert, die Initianten arbeiteten aus Eigennutz gezielt gegen die Wirtschaft. Er unterschlägt dabei wissentlich, dass gegen 200 Unternehmer/innen die KVI öffentlich unterstützen und weitere für die Anliegen der Initianten Sympathien ausdrücken, so die Lebensmittelindustrie und die Westschweizer Konzerne. Das kommt nicht von ungefähr: Die Schweizer Wirtschaft ist weltweit erfolgreich, weil sie sich auf unser Land verlassen kann. Rechtssicherheit, Meinungsfreiheit, Steuersicherheit, beste Infrastruktur und Ausbildung, verlässliche demokratische Prozesse und die Achtung der Menschenrechte haben unser Land stark gemacht. Davon profitieren wir alle.

Vor diesem Hintergrund ist die KVI zu verstehen. Es geht nicht an, dass Schweizer Konzerne die hiesigen Vorteile nutzen, um im Ausland in einer Weise tätig zu sein, die hier strikt verboten ist. Wenn mit dem Deckmantel «Schweiz» Menschenrechtsverletzungen begangen und üble ökologische Schäden verursacht werden, schlägt das auf uns zurück. Als Bürger und Unternehmer bin ich nicht bereit, zuzuschauen, wie unsere Werte und Errungenschaften zulasten von Menschen anderer Länder missbraucht werden. Deshalb setze ich mich für die KVI ein.

Das alles blendet Peter Gehler aus. Für ihn ist die KVI ein Instrument der Kolonialisierung. Dabei müsste er wissen, dass dies nicht stimmt: Mit der KVI wird an Schweizer Gerichten Schweizer Recht auf Schweizer Unternehmen angewandt. Die Initiative erlaubt es den Betroffenen, gegen Menschenrechtsverletzungen und massive ökologische Schäden, die von Schweizer Konzernen begangen werden, in der Schweiz vorzugehen. Kolonialistisch wäre es, den Geschädigten den Zugang zum Recht zu verwehren.

Weiter malt Gehler das Gespenst einer Klagewelle an die Wand und zeigt damit, dass er die Initiative nicht verstanden hat. Denn ein Geschädigter muss zuerst beweisen, dass die Tochterfirma des Schweizer Konzerns ihm einen Schaden zugefügt hat. Und selbst wenn dies der Geschädigte beweisen konnte, kann sich der Schweizer Konzern immer noch per Entlastungsbeweis aus der Haftung befreien, wenn er zeigen kann, dass die Konzernzentrale die notwendige Sorgfalt walten liess. Was heute mit der Schweizer Geschäftsherrenhaftung seit Jahrzehnten ein anerkanntes Instrument ist, soll sich mit der KVI auch auf Menschenrechte und Umweltstandards beziehen. Die Haftung erstreckt sich auf Tochtergesellschaften der Konzerne, aber nicht auf deren Lieferanten.

In Krisenzeiten wie der aktuellen wird deutlich, dass Wirtschaft und Gesellschaft nicht getrennt voneinander funktionieren. Die gegenseitige Akzeptanz zeigt sich darin, wie sich die Wirtschaft in drängenden gesellschaftspolitischen Fragen positioniert. Mit ihrer radikalen Ablehnung gegen verbindliche Regeln im Bereich Menschenrechte und Umweltstandards setzen einige Wirtschaftsverbände, namentlich Economiesuisse, diese Akzeptanz aufs Spiel. Was wollen sie verstecken? Sie werden nicht müde zu beteuern, wie sehr sich Schweizer Grosskonzerne bereits heute freiwillig an die Regeln halten. Dies will ich nicht in Abrede stellen: Das Gros der Schweizer Wirtschaft handelt verantwortungsvoll und hat durch die KVI auch nichts zu befürchten. Doch nicht alle handeln verantwortungsbewusst. Angesichts der schweren Leiden von Kindern in Peru, die mit Schwermetallen vergiftet sind, oder der Menschen im Tschad, die aufgrund von Chemikalien im Wasser grobe Hautverletzungen aufweisen, reichen Absichten allein nicht.

Für Konzerne, die im Ausland Menschenrechte oder einen minimalen Umweltschutz missachten, braucht es verbindliche Regeln, wie sie auch international angestrebt werden. Derweil verneint Peter Gehler die Notwendigkeit, Konzerne in die Pflicht zu nehmen. Er benutzt dabei dieselben Argumente, wie sie bereits gegen die Lockerung des Bankengeheimnisses oder gegen ein griffiges Geldwäschereigesetz vorgetragen wurden. Wir sollten inzwischen klüger sein.

Weiterführende Links:

https://konzern-initiative.ch

https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/glencoreoelfeld-fuehrt-zu-grossem-leid-im-tschad/story/27816530

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Farbe bekennen

Von Politikerinnen und Politikern darf erwartet werden, dass sie Haltung zeigen und klar machen, für was und wen sie einstehen. Doch zunehmend ist das nicht mehr der Fall.

Farben sind fast so aussagekräftig wie Namen. In der Politik verschmelzen Farben und Namen bei der Bezeichnung der Parteien: die Roten, die Grünen, die Schwarzen, die Gelben, die Braunen. In Deutschland spricht man von Ampel- oder Jamaika-Koalition, je nach den vertretenen Parteien. Wer hier Farbe bekennt, nimmt Stellung zu einer Partei oder einer politischen Stossrichtung.
Der Begriff «Farbe bekennen» hat allerdings einen anderen Ursprung. Er stammt aus dem 18. Jahrhundert und wird in verschiedenen Kartenspielen verwendet, in denen in gewissen Spielzügen eine bestimmte Kartenfarbe gespielt werden muss (Quelle: Wikipedia). Der Begriff wurde zur Redewendung und meint «sich zu einer Sache bekennen oder seine Meinung offen sagen».
Die Meinung offen oder gar öffentlich äussern. Viele tun es in der Politik, Wirtschaftsvertreter äussern sich zu gesellschaftlichen Fragen zu wenig. Bleiben die Politikerinnen und Politiker bei ihrer geäusserten Meinung? In der Mehrheit bestenfalls vielleicht. Wankelmütigkeit kennt viele Formen.

Farbe bekennen! Das bedeutet, öffentlich zu äussern, welche Meinung ich wirklich vertrete und was ich mit meinem Handeln bezwecke. Daran mangelt es mir in der Politik, es fehlt an Offenheit und Haltung. Eloquent wird für oder gegen eine politische Sache geworben, werden Fakten und Argumente gestapelt. Doch so manche kümmert es nicht, was sie gestern gesagt haben; heute ist ein neuer Tag, und die Dinge seien angeblich so komplex und so schwierig einzuordnen, wer will da eine gefestigte Meinung vertreten.

Wer eine gefestigte Meinung hat, ändert sie nicht einfach so. Menschen mit Haltung vertreten ihre Sache, bekennen sich jedoch zum alten Grundsatz, dass der oder die andere Recht haben könnte. Ändern sie ihre Meinung, wissen sie das glaubhaft zu begründen – und tun es von sich aus.
In aller Regel ist halbwegs klar, welche Politikerinnen und Politiker für was einstehen, nicht aber für wen sie es tun. Der Kampf um mehr Transparenz in der Politik ist noch nicht gewonnen. Welchen Einfluss nehmen welche Unternehmen und Branchen auf welche Vorlage? Wie hoch ist beispielsweise der Einfluss der Finanz- und der Gesundheitsindustrie sowie der Grosskonzerne auf die Regierungstätigkeit? (siehe unten „1“) Welche Menschen nehmen hier Einfluss, ohne öffentlich Farbe zu bekennen? Welche Politiker und Politikerinnen vertreten wen?

Anstelle von Transparenz treten zu häufig Scheinargumente. Wenn pauschal mit Schlagworten wie «die Arbeitsplatzsicherheit», «die Wirtschaft», «die Bevölkerung», «die Armen», «die Reichen» gefochten wird, ist Vorsicht geboten. So wird bei annähernd jeder politischen Vorlage die Arbeitsplatzsicherheit als Argument vorgebracht. Die Sorge um diese Sicherheit ist tatsächlich wesentlich, sie wird jedoch durch die politische Dauerwarnung ins Abseits gezogen.
Nicht Farbe zu bekennen, kennt auch die Form, die Stimmbevölkerung als schwer von Begriff zu betrachten. Das war, beispielsweise, bei der zweiten Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform III der Fall, als kaum eine Politikerin und kaum ein Politiker den Mut hatte, die anspruchsvolle Vorlage und die Folgen eines Scheiterns an der Urne offen, sachlich und in Worten darzustellen, die auch Nichtsteuerexperten – also ich – verstehen können. Stattdessen wurde verschleiert und ein Paket geschnürt, zu dem an der Urne möglichst wenige Nein sagen können: die verfassungswidrige Verbindung von Steuer- und AHV-Reform. Es ist in der Politik wie in den Unternehmen: Die angebliche Dummheit der Mitarbeitenden ist in erster Linie auf die mangelnde Offenheit und ungenügende Information durch die Führungskräfte zurückzuführen.

«Anstand ist, wenn der andere nicht ständig alles überprüfen muss, was ich tue. Anstand schafft Vertrauen», meinte Daniel Eckmann (siehe unten „2“) zu mir. Aber genau das Gefühl habe ich: die Aussagen zu vieler Politikerinnen und Politiker mehrfach auf ihre wirkliche Bedeutung und Faktengenauigkeit überprüfen zu müssen, um herauszufinden, um was es wirklich geht und welche Interessen sie tatsächlich verfolgen.

Offenheit schafft Vertrauen. Alle möglichen Farbkarten hinter dem Rücken zu halten, um die richtige im passenden Moment hochhalten zu können, ist unanständig. Mehr «Farbe bekennen» und mehr Offenheit wünsche ich mir, denn die Farben der Demokratie sind Transparenz und Klarheit.

„1“ Vgl. Marc Chesney, Vom Grossen Krieg zur permanenten Krise, Versus Verlag, 2014
„2“ Daniel Eckmann war u.a. Delegierter für Kommunikation von Bundesrat Kaspar Villiger.
Dieser Beitrag ist zuerst erschienen als Blog der Stämpfli Gruppe Bern. https://medium.com/@staempfli/farbe-bekennen-c74a11b58f52
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Ich und die Klimaerwärmung: Was tun?

Ich verheddere mich im Alltag in meinem ökologischen Fussabdruck auf der Suche nach dem richtigen Weg.

Weniger rotes Fleisch, meinetwegen, ist ja auch gesund. Ich esse nur scharrende Hühner. Regional und saisongerecht kaufen wir schon lange ein, keine Erdbeeren zu Weihnachten. Gemessen an der Diskussion, sind die Plastikröhrchen schuld an der Klimaerwärmung. Nun gibt es Papierhalme. Sind die aus Recyclingpapier und wie ist die Oberfläche beschaffen, damit der Halm beim Trinken nicht schlappt? Die Wirtin in den Berner Alpen wusste es nicht, aber das Röhrchen steckte sie schon mal in die Limonade. War unnötig, aber funktionierte. Ich glaube, sie war etwas frustriert, früher hatte sie farbige aus Plastik, die aus Papier gibt es nur in Weiss. Ist ja auch besser, wenn kein Farbstoff verwendet wird. Beim WC-Papier auch. Damit kann ich leben.

Palmöl vermeide ich. Ich will keine gerodeten Urwälder. Unter der Dusche fühle ich mich besser, wenn der Orang-Utan noch in den Bäumen schwingt. Vielleicht sollte ich gar nicht duschen. Unsere Vorfahren haben ohne überlebt und sich mit Waschlappen und Seife gewaschen. Eine Google-Abfrage braucht irre viel Strom. Nur gibt es da keinen Zähler, umso lustvoller wird Gedrucktes wegen des CO2 kritisiert. Die Speisen sind in Kunststoff verpackt. Die Organisation aller notwendiger Mehrweggefässe wird zur logistischen Heldentat, würde ich Quark, Reis, Waschpulver, Sugo und Honig offen kaufen. Im Kühlschrank wird die Ware nicht besser, wenn sie unverpackt ist, dann wird noch mehr weggeworfen. Ich esse mein Jogurt auch, wenn das Datum uralt ist und es noch gut riecht. Dann ist es so fein dick. Die Gesetze müssen ändern, damit Fleisch und Fisch nicht verpackt werden müssen. Welcher Fisch ist nicht überfischt? Trotz Apps bin ich unsicher, was ich kaufen darf. Das MSC-Label hilft mir aus der Patsche, ich will daran glauben. Irgendwie ist alles falsch, wenn man nicht vegan isst und sich dabei nicht darum kümmert, wie viele Tiere bei der Sojaernte ums Leben kommen. Die Ananas, die feine, lasse ich im Laden. Aber von was leben nun die Bauern in Übersee?

Fliegen sollte ich mit American Airlines, die streichen ihre Flieger nur knapp an. Die sparen da dreifach: Farbe, Kerosen und CO2. Ich bin dieses Jahr 35’000 km geflogen, dem Reisen zu liebe. Da flog viel Farbe mit. Ich sollte nur noch in Länder reisen, die mit dem Zug erreichbar sind. Das ist CO2-neutraler, wenn nicht gerade mit Kohlestrom eingeheizt wird. Mein Auto lasse ich immer häufiger stehen, doch was geschieht mit der Batterie meines Velos, wenn sie nicht mehr tut? Meine Kleider sind in Asien gefertigt worden. Ich wechsle sie nicht jeden Tag, wasche sie gelegentlich und trage sie so lange, bis meine Frau die Stirne runzelt. Das hilft. Aber sie kommen trotzdem durch viel Schwerölverbrennen zu uns.

Ich tue mich schwer, meinen Weg durch die heutigen Anforderungen zu finden. Aber ich glaube, es lohnt sich, ihn zu suchen.

Dieser Text wurde erstmals veröffentlicht in „Die Marginalie“, Nr. 3/2019, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe. http://www.staempfli.com/marginalie
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Was mich beschäftigt

Die heutige politische Entwicklung darf uns nicht gleichgültig sein. Wenige Menschen aus Politik und Wirtschaft setzen ihre Macht egozentrisch und autokratisch ein und zielen direkt auf die Freiheit und den Wohlstand der Bevölkerung. Unsere Demokratie, die durch ihren starken Einbezug der Bürgerinnen und Bürger einzigartig ist, ist gefährdet, wenn wir uns nicht weiterentwickeln und die innere Freiheit verteidigen, ohne uns abzuschotten.

Die Frage eines Bekannten kam überraschend: «Was beschäftigt dich?» Ich war spontan überfordert, zu vieles vermischte sich, doch die Frage liess mich nicht los. Was beschäftigt mich wirklich?

Zuallererst die Hoffnungen für unsere erwachsenen Kinder, für deren Ausbildungswege und für ein Umfeld, das sie zufrieden macht und sie weiterbringt. Dieser Gedanke ist immer da, nicht belastend, aber umso wichtiger. Dann die glückliche Beziehung mit meiner Frau. Aber auch die Sorge um die Gesundheit der Grossmütter der Familie. Überhaupt: Die ganze weite Familie ist nahe und lässt mich nie los. Das eigene Unternehmen ist immer präsent. In jedem Moment hat es Bedeutung, manchmal voller Freude, bisweilen sorgenvoll, meist kreativ vorwärtsschauend. Das alles ist gut so.

Doch ich gestehe, anderes überlagert diese Gedanken stärker, als mir lieb ist. Es beschäftigt mich, wenn ich von den 26 reichsten Menschen lese, die gleich viel besitzen wie die 50 Prozent ärmsten. Die Zahlen mögen Unschärfen haben, doch das Missverhältnis bleibt drückend. Es zeigt plakativ, wie schief unsere Welt ist, auch wenn der Kampf gegen den Hunger und den Analphabetismus Fortschritte macht. Die krassen Vermögensunterschiede sind oft mit anderen Missständen gekoppelt, etwa mit der Korruption. An den Kriegen bereichern sich einige schamlos und grenzenlos. Der Machthunger treibt Egomanen wie Erdogan, Orban, Xi Jinping, Trump, Le Pen, Macron, Putin und Salman ibn Abd al-Aziz zu Entscheidungen, die wenigen dienen und Millionen schaden. Es erstaunt nicht, wenn sich Menschen nicht ernst genommen fühlen und auf die Strasse gehen wie in Deutschland oder Frankreich. Sie schauen in ihrer Wut oder Verletztheit zu einem Nazi wie Höcke hinauf oder wählen Scharlatane wie Salvini, Kaczyński und den Rechtsextremen Bolsonaro. Man hört ihnen trotzdem nicht richtig zu, um zu erfahren, was sie wirklich beschäftigt.

In Grossbritannien ringen sie fassungslos um ihre Zukunft. Grossmäuler haben die Bevölkerung in die Brexit-Falle manipuliert und dann rückgratlos die Verantwortung abgegeben, um nun May zu beschimpfen. Nicht wenige Grosskonzerne nutzen alle staatlichen Vorteile, bezahlen aber nirgendwo Steuern, und einige sind völlig gleichgültig gegenüber Menschenleben und Umwelt. Es kann nicht erstaunen, wenn aus Ländern ohne Zukunftsperspektive die Menschen wegwollen. Unsere Vorfahren haben es nicht anders gemacht; wir würden es heute wieder tun. Die Mitschuldigen der grössten Finanzkrise aller Zeiten sind wieder in lukrativen Positionen und machen weiter wie vorher. Die Zeche werden die Steuerzahler nicht mehr wie 2008 stemmen können, die Staaten sind klamm, und die Zinsen liegen unter null. Dass Folter, Unterdrückung und Staatsmorde zum Alltag dieser Welt gehören, treibt mich um. Das alles und mehr beschäftigt mich. Macht, Geld und Gleichgültigkeit führen die Welt in eine Richtung, die uns hellwach halten muss.

Es beschäftigt mich, aber es bremst mich nicht. Die Gedanken stärken meine Überzeugung und die Kraft für mein gesellschaftliches Engagement. Wir leben in einem Land mit ausserordentlichen Freiheiten, Rechten und Sicherheiten. Wir haben Einzigartiges erreicht, das wir nicht einfach weiterschreiben können. Wir müssen die Demokratie weiterentwickeln. Wir benötigen mehr Einbezug der Bürgerinnen und Bürger und mehr Engagement. Wir sind frei und abhängig zugleich, diese Balance gilt es stets von Neuem mit selbstbewusster Offenheit zu suchen. Dabei fehlen mir Politiker, die mit festem Rückgrat der Bevölkerung die unangenehmen, aber notwendigen Lösungen erläutern, statt sich mit nervösem Blick auf die nächsten Wahlen wegzuducken. Wir brauchen Unternehmer und Politiker, die die Werte, die die Schweiz stark gemacht haben, auch im Ausland vertreten und nicht des Geldes wegen einknicken.

Das Politische macht mich hellhörig. Hellhörig gegenüber eigennützigen Parolen, die das Wohl aller halluzinieren oder die die Mächtigen schützen, aber alle in die Verantwortung nehmen. Es lohnt sich, hinter das einzelne Wort zu schauen.

Ich bin misstrauisch geworden. Misstrauisch gegenüber Menschen, die behaupten, unersetzlich zu sein, und deshalb Millionenboni erhalten, gegenüber Heilsverkündern, selbsternannten Patrioten, Nationalisten, Machthungrigen und Gleichgültigen, gegenüber Extremen und solchen, die Soziales fordern, um ihre eigene Komfortzone zu schützen. Sie alle brauchen wir nicht, wir können es selber besser.

Sie alle verhindern eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung. Wir brauchen sie nicht, wir können es alleine besser, wenn wir uns für mehr als uns selber engagieren.

 

Erschienen in „Die Marginalie“, Nr. die Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern, Nr. 1/2019:

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«Zäune bedeuten Freiheit» (Alice Weidel)

«Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!»

Das sind die Leitsätze des ‹Ministeriums für Wahrheit› in Georges Orwells ‹1984›. Es lohnt sich, das Buch erneut zu lesen, es ist erschreckend aktuell. Die Leitsätze erinnern an das Interview mit Alice Weidel (AfD) in der NZZ am Sonntag (07.10.2018). Sie behauptet propagandistisch präzis:

«Zäune bedeuten Freiheit»

Und sie begründet:

«Es hört sich als Widerspruch an, ist es aber nicht. Freiheit braucht Zäune und unsere Freiheit wird überall eingeschränkt.»

«Zäune bedeuten Freiheit» ist Orwelsches ‹Neusprech›, in der der eigentliche Sinn pervertiert und als Lösung präsentiert wird. Das ist rechtsradikale Stimmungsmache, der widersprochen werden muss.

Es gibt diese offenen und unterschwelligen Forderungen nach massiver Grenzkontrolle, es gibt diese pauschalen Verurteilungen der Ausländerinnen und Ausländer, der Fremden, der Anderen auch in der Schweiz. Keine Frage, der Anteil krimineller Ausländer ist zu hoch. Dies beunruhigt uns, und es gibt diesbezüglich keinen Grund, falsche Toleranz zu üben. Doch wir haben funktionierende rechtsstaatliche Mittel und Institutionen, die Kriminalität zu bekämpfen und Täter und Täterinnen zu verurteilen. Nicht nur auf den Sozialen Medien äussern sich allerdings etliche, die die Kriminellen ohne Anhörung vor Gericht «einfach zurückschieben», «über ihrem Heimatland an einem Fallschirm abwerfen» oder «irgendwie loswerden wollen».

Die Schweiz ist gerade daher besonders stark, weil wir einen verbindlichen Rechtsstaat kennen. Er sichert uns faire Gerichtsverfahren zu, die Willkür und eine Justiz durch den Mob ausschliesst. Der Rechtsstaat bedeutet für uns Schweizerinnen und Schweizer Sicherheit, denn auch hierzulande gibt es falsche Gerichtsurteile. Die Möglichkeit des Rekurses an ein höheres Gericht ist eine bedeutende Errungenschaft unseres Justizsystems. Die Rekursmöglichkeit reicht bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, denn die Menschenrechte stehen immer über den nationalen Verfassungen und Gesetze.

Bei einem Ja zur Selbstbestimmungsinitiative wird es möglich, die Menschenrechte in der Verfassung abzuschwächen. Das mag heute unwahrscheinlich klingen. Und in Zukunft? Die wählende Bevölkerung in Polen, in Ungarn und in der Türkei haben uns das Undenkbare vorgemacht und Regierungen gewählt, die sie bevormunden, unterdrücken und die demokratischen Rechte und Institutionen aushebeln.

Ausländerinnen und Ausländer werden heute polemisch und bisweilen gezielt als Gefahr dargestellt. Doch wir leben in einem Land, das von ausländischen Mitbürger/innen seit Jahrhunderten profitiert. Wir leben tagaus, tagein mit Nichtschweizern zusammen, die mit uns arbeiten und uns bereichern. Sie werden durch die Aussagen polemischer und extremer Politiker/innen und selbsternannten ‹Kämpfende für unsere Nation› beschämt und entmutigt. Durch Ausgrenzung und Abschottung verlieren wir Schweizerinnen und Schweizer, wir Menschen, weit mehr als nur wirtschaftliche Vorteile.

Wir alle können uns im Alltag für eine offene, menschenwürdige, zukunftsgerichtete und demokratische Schweiz einsetzen. Dies beginnt damit, Andersdenkenden zuzuhören und uns klar zu äussern, wenn diese andere Menschen ausgrenzen und die Demokratie und die Menschenrechte einschränken wollen. Es ist wichtig, die eigene Meinung zu äussern, hinzustehen und sich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufzulehnen und für ein Zusammenleben auf Augenhöhe einzustehen – immer wieder.

Auch deshalb stimme ich Nein zur Selbstbestimmungsinitiative. Sie ist eine Anti-Menschenrechtsinitiative. Sie ist ein provokatives Hilfsmittel des SVP-Wahlkampfs, das der Schweiz nicht würdig ist.

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