Schleichende Veränderungen

Erschienen als Leitartikel in „Die Marginalie“, Nr. 4/2012, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern
 

Auf meine Alltagsfrage an andere Unternehmer, wie die Geschäfte laufen, mehren sich die sorgenvollen Antworten. Die Folgen der europäischen Krise, die eine grundsätzliche ist, beginnen sich schleichend zu zeigen, und die Unsicherheit steigt. Das ist nicht erstaunlich in Anbetracht von Schuldenwirtschaft, Arbeitslosigkeit, mangelnder Wirtschaftskraft, unverbindlichen politischen Zielen und Klientelwirtschaft quer durch den Kontinent: Das alles geht nicht einfach vorüber und wird uns während Jahren in Atem halten. Wir zeigen mit dem Finger auf Spanien, Portugal, Griechenland und Italien. Doch auch Frankreich und unser wichtigster Handelspartner Deutschland haben die Schuldenquote, die die EU zulässt, längst überschritten. Deutschland budgetiert für 2013 eine Zunahme der Verschuldung von Dutzenden Milliarden, obwohl die Wirtschaft gut läuft. Was geschieht bei einer Rezession? Die Problemstellungen sind derart komplex, dass niemand weiss, wie sie zu lösen sind. Versuchen und irren, das ist der Weg, den die Politiker gehen: Rettungsschirme, Kredite, Drohungen, Versprechen, Kürzungen. Reicht das? Wie lange schauen die Arbeitslosen zu? Wie lange die, die fürchten, arbeitslos zu werden? Die Angst der Politiker, den eigenen Wählern etwas wegzunehmen, steigt weiter an; Angst ist kein guter Berater.

Es geht uns in der Schweiz immer noch ausgezeichnet. Doch der Zenit ist überschritten, und grundsätzliche Veränderungen finden schleichend statt, was viele Politiker dazu verleitet nicht hinzuschauen. Schleichend heisst: Da etwas weniger Marktvolumen und mehr  Auftragseinbrüche, dort steigender Importdruck, hier Dörfer, die ennet der Grenze den täglichen Bedarf eindecken. Aber auch steigenden Käufe über das Internet, die die Landesgrenzen längst ignorieren.

Die hohen Schweizer Löhne und der ebenso hohe Lebensstandard sind für uns ein Segen. Wie lange noch, wenn die deutschen Löhne bereits gesunken sind und die Polen, als Beispiel, ein Viertel bis ein Drittel von uns verdienen? Wir werden uns an das Kostenniveau des Auslands annähern müssen, ob wir wollen oder nicht. Das ist nicht einfach, wenn wir wichtige Errungenschaften wie sozialen Frieden, Altersvorsorge, Bildungsniveau und Infrastrukturen behalten wollen.

Durch die globale Vernetzung ist die Komplexität im politischen Alltag massiv gestiegen. Wir können uns ihr nicht entziehen, und obwohl wir dies wissen, profitieren noch immer etliche Branchen von direktem und indirektem gesetzlichem Schutz, der die Unternehmer und Subventionsempfänger in falscher Sicherheit wiegen lässt – oder wiegen liess, denn die Schweiz ist mitten in einem strategischen Wandel, und das bereitet langsam auch denen erhebliche Sorgen, deren Unternehmen bis anhin in der «Komfort-Zone» lagen. Die steigende Unruhe ist gut, sie ist Zeichen dafür, dass die Wirtschaft in der ganzen Breite zu verstehen beginnt, welche Herausforderungen wir zu meistern haben.

Was bedeuten die schleichenden Veränderungen und die steigende Unsicherheit für unser Unternehmen? Ich blicke mit Zuversicht in die nahe und weitere Zukunft. Wir arbeiten in einer Branche, die seit gut 40 Jahren keinen gesetzlichen Schutz geniesst. Bald sind es 25 Jahre her, dass mein Bruder und ich das Unternehmen übernommen haben. Kein Jahr war entspannt, jedes war in Bezug auf Investitionen, technologische Anpassungen und Veränderungen der Kundenbedürfnisse eine Herausforderung. Das wird so bleiben und ist ein Zustand, den unsere Mitarbeitenden bestens kennen. Sie stellen sich ihm mit grossem Engagement und mit Freude, unseren Kunden Produkte und Lösungen mit Blick aufs Ganze zu bieten.

 

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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