Firmenansiedlungen: Bedeutung von Politik und Behörden

Seit Jahren liefern sich der Kanton Bern und Zürich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Spitzenplatz als Schweizer Industriekanton.In beiden Kantonen arbeiten je rund 90‘000 Personen im 2. Sektor. Es ist aber nicht die geographische und demografische Grösse, welche Bern zur Toprangierung verhilft.

Der Nord-Süd-Gürtel zwischen Biel, der Uhrenstadt am Jurafuss, über Bern nach Thun ist seit vielen Jahrzehnten geprägt von der industriellen Produktion. Die oft exportorientiert arbeitenden Unternehmen bieten im industriellen Bereich High-Tech-Leistungen an: Marken wie Omega, Rolex, Longines und Swatch geniessen Weltruf. Aber auch zahlreiche KMU stellen innerhalb einer bestimmten Nische technische Spitzenprodukte her. Man befruchtet sich gegenseitig, weil das aus der Uhrmacherkunst hervorgegangene technische Know-how heute zunehmend auch Unternehmen in den Bereichen Medizinaltechnik, Telekommunikation und Informatik sowie in der Präzisions- und Maschinenindustrie befruchtet.

Bern lässt aufhorchen
Der wegen seinen Gesamtbezügen aus dem Nationalen Finanzausgleich oft kritisierte Kanton Bern liess im Mai dieses Jahres aufhorchen, als der australische Biotechnologiekonzern CSL Behring bekannt gab, dass er in Lengnau bei Biel eine neue Produktionsanlage bauen wird.

Das Ausmass der neuen Anlage ist im innerschweizerischen Vergleich in der Tat imposant: Auf dem über 120‘000 m2 umfassenden Grundstück, das die Firma im Baurecht erwirbt, werden in den kommenden Jahren mehrere hundert Millionen Franken in den Bau einer Produktionsanlage investiert, so dass voraussichtlich ab 2019 hunderte von Arbeitskräften auf der Basis einer komplett neuen Technologie drei sogenannt «rekombinante» Gerinnungsfaktoren herstellen werden. CSL hat das Grundstück bezüglich seiner Grösse so gewählt, dass der Standort in mehreren Etappen weiter ausgebaut werden kann.

Das ist ein grosser Erfolg für den Standort Bern, ein Beweis für das ausbaufähige wirtschaftliche Potenzial und damit eine klare Ansage an seine Kritiker im Rahmen des Nationalen Finanzausgleichs: Industrielle Ansiedelungen in der Schweiz stellen heute zunehmend eine Ausnahme dar. Natürlich haben viele Schweizer Firmen im Industriebereich in den letzten Jahren ausgebaut. Doch gleichzeitig haben viele von ihnen eine stolze Zahl von Arbeitsplätzen sukzessive in Länder transferiert, wo die Löhne tief sind, Landflächen zu günstigen Preisen zur Verfügung stehen und – das ist jedenfalls meine Annahme – sich Steuerfragen unkompliziert regeln lassen.

Warum Bern?
Damit stellt sich natürlich die Frage, warum der Verwaltungsrat des CSL-Konzerns im fernen Aust-ralien sich dafür entscheidet, solch grosse Ausbaupläne nicht nur in der Schweiz, sondern sogar auf Berner Boden umzusetzen? Zufällig sei es nicht gewesen, bestätigt mir Uwe E. Jocham, Direktionspräsident der CSL Behring AG. Die Firma habe in der Vorselektion insgesamt 45 mögliche Standorte angeschaut. Die Tatsache, dass die neue Produktionsstätte nur 35 km vom bestehenden Standort in der Stadt Bern gebaut werden kann, hat in der Planung geholfen. So hat CSL Behring in den letzten zehn Jahren in der Hauptstadt mehr als 300 Mio. Franken für Kapazitätserweiterungen am Standort sowie für das Herstellen neuer, innovativer Produkte investiert.

Im Gespräch von Unternehmer zu Unternehmer zeigt Uwe E. Jocham aber andere, mindestens ebenso wichtige Gründe für den Entscheid des CSL VR auf: So hat auch der direkte Kontakt mit und das starke Engagement der Behörden – Bundesrat, Regierungsrat, Gemeinde, Burgergemein-de und Standortförderung – wesentlich zum Entscheid der Firma beigetragen, die Schweiz als neuen Produktionsort zu wählen und damit die Standort-Konkurrenz aus Fernost auf die Ehrenplätze zu verweisen. Die Möglichkeit, sich direkt und unkompliziert mit den politischen Verantwortungsträgern auszutauschen und zu spüren, dass die Ausbaupläne willkommen sind, habe insbesondere auch die Mitglieder des Verwaltungsrats stark beeindruckt. Natürlich hatte die Schweiz auch andere Trümpfe in der Hand, um die Konkurrenz auszustechen. Geholfen hätten unter anderem das hohe Bildungsniveau, die gute Erschliessung und die stabilen politischen Verhältnisse. Einzig das Ja des Stimmvolks zur Zuwanderungsinitiative habe im Februar 2014 bei den Entscheidungsträgern einen kurzen Moment Verunsicherung ausgelöst. Aber auch in dieser Phase habe der direkte Kontakt zur Politik klärend gewirkt.

Verlockung aus dem Osten
In meiner operativen Verantwortung für ein mittelgrosses, in der Stadt Bern tätiges Verlagshaus kann ich nur bestätigen, wie wichtig es ist, offene Türen in Politik und Verwaltung vorzufinden. Und zwar nicht, um sich in gegenseitiger Abhängigkeiten Gefälligkeiten zu erweisen, sondern im echten Bemühen aller Beteiligter, ein Industrieausbauprojekt zügig und korrekt umzusetzen mit dem Ziel, ab der Inbetriebnahme des Werks möglichst rentable, aber auch sozialverträgliche und umweltge-rechte Wertschöpfung zu schaffen.

Der Entscheid von CSL Behring hat mir bestätigt, dass der Kanton Bern nicht nur für die staatsnahen Betriebe wie SBB, Post und Swisscom, sondern auch für die Privatindustrie einen attraktiven Standort bietet. In Zeiten, in den viele westeuropäische Firmen der Verlockung von Produktionsauslagerungen nach Osteuropa oder noch weiter nach Osten nicht oder zumindest nur teilweise widerstehen können, schafft ein ausländisches Unternehmen mehrere Hundert Arbeitsplätze mitten in der Hochpreisinsel. Und es schafft nicht primär gut bezahlte Stellen für das obere Management in Holdingfirmen, auch keine Traderjobs in der Rohstoffbranche und ebenfalls keine Stellen in der Vermögensberatung. Stattdessen schafft das Unternehmen Arbeit im industriellen Bereich, wo Reagenzglas, Zentrifuge und Verpackungsroboter dominieren – und weniger das Auf und Ab der Börsenkurse.

Nicht einseitig die Dienstleistungsbranche fördern
Ich will damit nicht sagen, dass in den hier erwähnten Tätigkeiten keine Wertschöpfung erzielt würde, je nach Geschäftsgang ist dies sogar eine sehr hohe. Aber unser Land darf auch im 21. Jahrhundert nicht nur Jobs in der Dienstleistungsbranche schaffen. Wir brauchen weiterhin einen starken Industriesektor, der sich weiter entwickelt und der sich dank Innovation und Effizienz auch international durchsetzt. Es wäre bedauerlich, wenn die Welt künftig auf die vielen, in den letzten hundert Jahren in der Schweiz entwickelten Erfindungen verzichten müsste, weil die Dienstleistungsbranche einseitig gefördert wird. Damit sich der Industriebereich auch künftig weiter entwickeln kann, braucht es neben der oben erwähnten Zugänglichkeit auch ein intensives Bestreben der Behörden, die Ausbildung im Bereich der technischen Berufe weiter voranzutreiben. Ein Industrieanteil von 20 Prozent sollte für unsere Volkswirtschaft der Richtwert sein, damit das Erfolgsmodell Schweiz weiter geht.

Als Präsident der Unternehmerinitiative «Fokus Bern», die sich zum Ziel setzt, Bern als Standort zu stärken und den Kanton vorwärts zu bringen, habe ich mich riesig über den Entscheid von CSL gefreut, in Lengnau neue Produktionskapazitäten aufzubauen. Es stärkt mich in der Überzeugung, dass es uns im Kanton gelingen wird, in den kommenden Jahren noch mehr Industrie anzusiedeln. «Bern rückt in das Zentrum des Interesses», hat die Berner Zeitung vor kurzem getitelt, weil ver-schiedene amerikanische Firmen das Verlegen von Firmensitzen nicht nur nach Zug, Genf und Waadt, sondern in den Kanton Bern ins Auge fassen. Zusammen mit der CSL-Ansiedelung stärkt dies das Ressourcenpotenzial des Kantons.

Die Zunahme der Ressourcenstärke verringert die Abhängigkeit Kantons Bern von den Zahlungen aus dem nationalen Finanzausgleich, eine Entwicklung zum Wohl der anderen Kantone. Zürich wird es als Geberkanton innerhalb des Finanzausgleichs darum bestimmt gern verkraften, wenn Bern dank der Stärkung des zweiten Sektors künftig alleiniger Spitzenreiter bei der Zahl der angebotenen Industriearbeitsplätze wird.

Dies liegt meiner Ansicht nach ganz auf der Linie der politischen Ausrichtung des Kantons Bern: Die eigene Finanzkraft zu verbessern und auf der Liste der Empfängerkantone dank tieferen Aus-gleichsbeträgen nach oben zu rücken, damit er seine Aufgaben autonom, bürgernah und weniger abhängig von gegenseitigen Verflechtungen und Finanzflüssen wahrnehmen kann.

Erschienen in PRIVATE. http://www.private.ch

 

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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