Randnotiz: Ladenöffnungszeiten

Zwiespalt: Die einen plädieren für zumindest einen kollektiven freien Tag in der Woche, ein Ruhetag, an dem die Alltagshektik bei möglichst allen unterbrochen wird, an dem wir anderes tun, als arbeiten und einkaufen. Ein Tag, der dem Ausgleich dient, kollektiv verordnet, damit kein Stress aufkommt, ob ich den Tage frei nehmen soll oder nicht.

Dem steht das Verhalten einer wachsenden Bevölkerungsgruppe gegenüber, die auch an Wochenenden und in der Nacht einkaufen will, gerade weil sie während der Arbeitszeit dazu zu wenig Zeit hat. Ein verändertes Verhalten auch deshalb, weil immer mehr Menschen den einen freien Tag nicht am Sonntag, sondern unter der Woche nehmen wollen oder müssen. Allenfalls ein verändertes Verhalten auch, weil eine wachsende Anzahl Menschen mit ihrer Freizeit nichts mehr anzufangen wissen?

Unklar ist, was wir als Gemeinschaft (Staat) wollen: Einkaufen oder Ruhetag? Weil wir es nicht wissen, haben wir unfaire Regelungen: Während Tankstellenshops und Läden an Bahnhöfen abends und an Wochenenden offen sein dürfen, bleibt dies allen anderen Läden verwehrt, mit Ausnahmen in Tourismusregionen. Das ist störend. Die einen dürfen, die anderen dürfen nicht, und unterschieden wird dies anhand des Standorts (Bahnhof, Tankstelle). Weshalb darf der Laden ennet der Bahnhofstrasse nicht öffnen, der aber auf dem Bahnhofgelände schon?

Ob die Ladenöffnungszeiten freier gestaltet werden, ist anhand der Frage zu diskutieren, ob wir immer noch einen kollektiven Ruhetag durchsetzen wollen oder nicht. Wollen wir dies, dann müssten viele Lokale, die heute sonntags offen haben, zukünftig schliessen, damit möglichst wenig Menschen arbeiten müssen und der Ruhetag wirklich einer ist. Wollen wir dies nicht, müssen wir es allen ermöglichen, sonntags und abends offen zu haben, und wir werden nach neuen Formen von Ruhetagen suchen müssen, um nicht sieben Tage lang zu rotieren.

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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6 Antworten zu Randnotiz: Ladenöffnungszeiten

  1. Christian Leu schreibt:

    Ich war die letzten Wochen in Bratislava und musste mich auch zuerst daran gewöhnen, dass der Tesco, sozusagen meine Coop dort auch am Sonntag geöffnet hat. Dasselbe war auch in den grossen Shoppingmalls der Fall, die eigentlich jeden Tag geöffnet haben. Interessant war, dass eigentlich in jedem Fall Sonntags meiner Meinung nach sehr wenig los war. Ich denke dasselbe würde hier in der Schweiz auch passieren, würden die Ladenöffnungszeiten freigegeben, kann es durchaus für ein Einkaufszentrum interessant sein an einem Sonntag zu öffnen, anderseits wären vielleicht nur wenige Geschäfte in der Berner Innenstadt daran interessiert den Mehraufwand zu tragen um ein paar Sonntagsshopper zu bedienen. Die Frage ist tatsächlich, warum dürfen Detailhändler auf dem Areal des Bahnhofs jeden Quadratmeter ihrer Läden vergolden und rundherum ist es verboten. Ich bin für eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten, da ich denke, dass die Marktwirtschaft am Schluss auch für eine Regulierung sorgt.

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  2. Anna Stämpfli schreibt:

    wir haben viel zu viele Vorschriften, was die Ruhetage anbetrifft. Eine grossangelegte Umfrage
    wäre vielleicht hilfreich. Ist es heute nicht so, dass imgrunde schon alles irgendwie geregelt ist, jedoch stets und immer wieder irgend jemandem missfällt. Neid, Missgunst?
    Denken wir an die Berufe, bei denen es keine Frage ist, wann die Ruhezeit bezogen werden
    kann: Spitäler, Notfallpraxen, öffentliche Verkehrsbetriebe, Gasthöfe, Bauernbetriebe usw. usf.
    Ein bisschen weniger Verordnung und ein bisschen mehr Eigenverantwortung, weniger Missgunst,
    mehr gegenseitiges Vertrauen.

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  3. Hans Peter Rubi schreibt:

    Am schönsten ist es Frei zu haben, wenn andere Arbeiten. Alle Dienste sind verfügbar. Man ist Frei zu machen was man will. Der Freundeskreis wird sich angleichen, gar erweitern. Was nützt der freie Sonntag, wenn „die Pflicht ruft“ in die Kirche zu eilen. Die Pfarrer / Priester dürften auch nicht Arbeiten. Wieso soll die Gemeinschaft dem Indiviuum vorschreiben wann und wie es seine Freizeit verbringt. Die Zeiten der Macht-Kommunikation der Kirchen für die Herrschenden ist eh vorbei. Praktisch mag es für einige Betriebe sein, wenn alle MA zur gleichen Zeit Frei haben. Andere fahren besser im abwechslungsreichen Schichtmodell. Mit BGE (bedingungsloses Grundeinkommen) wäre der Druck weg um jegliche Arbeit anzunehmen. Der Markt, Angebot und Nachfrage, wird sich selber regeln.

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  4. juergwyss schreibt:

    Ich habe viele Städte bereist. Die meisten bieten die Möglichkeit, rund um die Uhr zu shoppen, inklusive Sonntage. Was geht dort ab?
    Nachts haben kleine Läden offen, die durch Familien betreut werden, die so ihr Einkommen erwirtschaften. Dabei hat es genau so viele, wie es braucht. Marktwirtschaft und Arbeitsbeschaffung.
    Daneben gibt es die Shopping-Malls, die an Sonntagen in einigen Ländern halb leer, in andern überfüllt sind. Dort wo es halb leere Malls gibt, haben längst nicht alle geöffnet, dort wo sie überfüllt sind, haben alle geöffnet. Marktwirtschaft. Die Malls, die an Sonntagen offen sind, haben Vollbesetzung. Arbeitsbeschaffung.
    Ich würde mir wünschen, dass wir hier diesem Thema gegenüber offener sind, denn ich sehe mehr Vor- als Nachteile.

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  5. Da ich mir nicht gerne den Kopf von anderen zerbreche, habe ich die Frage (vor allem) für mich selbst durchgekaut. Mit folgenden Ergebnissen:
    Würde ich die Wirtschaft fördern, mehr konsumieren? Nein, ich habe nicht mehr Geld.
    Würde ich selbst am Sonntag arbeiten wollen? Nein, ich habe gerne dann frei, wenn auch die meisten Nachbarn und Bekannten frei haben.
    Würde meine Frau zusätzlich am Sonntag arbeiten, und damit unser Familieneinkommen erhöhen? Nein, wir haben gerne gemeinsam frei.
    Könnte ich mir ein Familienunternehmen mit einem 24/7-Laden vorstellen? Nein, dann ist ja immer ein Familienmitglied im Laden und man muss Betriebsferien machen, damit die ganze Familie gleichzeitig frei hat. Oder die Familie arbeitet am Wochenende und die Angestellten unter der Woche … denn die Liberalisierung, wie sie jetzt zur Debatte steht, würde ja keinen Angestellten Sonntagsarbeit erlauben, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich möchte auch meinen Kindern nicht vorschreiben, dass sie im Familienbetrieb arbeiten müssen.

    Natürlich müssen auch viele Menschen in Spitälern, bei der Polizei, im Verkehr und im Tourismus sonntags arbeiten – hier ist es notwendig oder liegt in der Natur der Sache. Im Handel aber erscheint mir ein einkaufsfreier Tag pro Woche durchaus verkraftbar, für Notfälle ist ein eingeschränktes Angebot und ein weiterer Weg in Kauf zu nehmen. Der einzige ökonomische Vorteil wäre die – theoretisch mögliche, praktisch aber fragliche – bessere Auslastung der Infrastruktur. Das gilt aber genauso für Industriebetriebe, Baustellen und praktisch jedes andere Unternehmen. Würde der Verkauf komplett liberalisiert, gäbe es auch für alle anderen Branchen Gründe für Sonntagsarbeit – und der Ruhetag würde hinfällig. Das wäre dann zwar in einem gewissen Sinne «gerecht». Aber ungerecht, für die Mehrheit angenehm, ist mir lieber als gerecht generell schlecht.

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  6. pstaempfli schreibt:

    Thomas Elmigers Antwort fasst auch mein Empfinden gut zusammen. Ein freier Sonntag ist keine religiöse Erfindung, die es aus Glaubensgründen aufrecht zu halten gibt. Sondern ein Tag, der ohne Begründung einfach frei ist und an dem die meisten Menschen aus meinem Umfeld auch frei haben.
    Anders ist dies mit der Abend- und Nachtöffnungszeiten, die ich werktags (Montag bis Freitag) befürworte.

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