Unternehmerische Verantwortung

Kolumne, erschienen in der Berner Zeitung, 26.04.2012

Seit bald 24 Jahren bin ich Unternehmer. Ich habe das Glück, dass mir jeder Tag dieser Tätigkeit, sowohl in erfolgreichen wie auch in schwierigen Zeiten, Freude bereitet hat und bereitet. Die Freude ist stark mit der relativen Freiheit verbunden, die wir, mein Bruder und ich, als Familienunternehmer haben. Relativ, weil jedes Unternehmen in vielfältigen wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und kulturellen Abhängigkeiten steht.

Freiheit bedeutet «handeln können», also Ziele setzen und sie mit geeigneten Massnahmen erreichen. Joachim Gauck meint in seinem beachtenswerten Plädoyer «Freiheit»: «Ich nenne die Freiheit der Erwachsenen ‹Verantwortung›.» Ich trage meine Verantwortung abschliessend, es gibt keine höhere Instanz, der ich sie übertragen könnte, schon gar nicht dem Staat. Ich trage die Verantwortung glücklicherweise nicht alleine. Ich teile sie mit meinem Bruder, und ohne die engagierte und umfassende Unterstützung unserer Mitarbeitenden wäre sie unerträglich.

Die unternehmerische Verantwortung ist eine gesamtheitliche, sie umfasst mehr als die Ertragssicherung, sie ist weiter gefasst als in der Betriebswirtschaftslehre oft umschrieben. Sie umfasst das finanzielle Gedeihen des Unternehmens und schliesst die vielfältigen Wechselwirkungen und gesellschaftlichen und ethischen Fragen ein. Tatsächlich ist der Zweck eines Unternehmens, Kunden zu finden, die bereit sind, für die gebotenen Leistungen das zu bezahlen, was das Unternehmen benötigt. Das sagt nichts darüber aus, wie der Zweck erreicht werden kann, und nichts über den Sinn des Unternehmens.

Unternehmerische Verantwortung in unserem Jahrhundert bedeutet neben der betriebswirtschaftlichen zu allererst, die Mitarbeitenden als ganze Menschen und nicht nur als Arbeitskräfte ernst zu nehmen. Ich bin Ehemann, Vater, Bruder und Sohn, Nachbar, Stammkollege, Stiftungsrat und noch vieles mehr. Ich bin es immer gleichzeitig und bin nicht zeitweise Ehemann und dann wieder Unternehmer. Ich nehme die Stimmungen, Freuden und Sorgen von zu Hause mit an den Arbeitsplatz und umgekehrt. Dies ist bei allen unseren 350 Mitarbeitenden ebenso. Mit dieser Wechselwirkung zwischen privater und beruflicher Welt ist zu rechnen, und es gilt, in positivem Sinn auf sie Einfluss zu nehmen, ohne die Privatsphären zu verletzen. Dies ist auch insofern von Bedeutung, als wir wissen, dass Menschen besser arbeiten und glücklicher sind, wenn sie ihre Tätigkeit als sinnvoll empfinden und ihre Lebensbalance ausgeglichen ist.

Gesamtheitliche Verantwortung bedeutet, das eigene Unternehmen als Teil der Gesellschaft zu betrachten. Deren Wohlergehen, das möglichst einwandfreie Funktionieren des Staates, ein intaktes soziales, ökologisches und kulturelles Umfeld muss den Unternehmer interessieren, zum einen weil sein privates und berufliches Befinden davon abhängt, zum andern weil in einer direktdemokratischen Gesellschaft nicht die «Classe politique», sondern wir alle der Staat sind und jede und jeder im Rahmen ihrer und seiner Möglichkeiten einen Beitrag zur positiven Entwicklung leisten muss. Als Unternehmer trage ich aufgrund meiner Stellung und Möglichkeiten diesbezüglich eine besondere Verantwortung – immer.

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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