Spitzensport

Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung, 23. Februar 2013, S. 19

Die Faszination an herausragenden Leistungen wird in der Bevölkerung nirgendwo so unmittelbar spürbar wie im Spitzensport. Deutlich zeigt sich dies im Raum, den der Sport in den Medien findet, obwohl namentlich die Interviews von oft beeindruckender Leere sind. Auch mich packen sportliche Spitzenleistungen, seien es die zauberhaften barcelonesischen Spielzüge oder der irrwitzige Lauf einer 100-Meter-Staffel. Der Rausch des Erfolgs überträgt sich auf den Zuschauer. Doch in der Begeisterung beschleichen mich ungute Gefühle. Ist das, was wir zu sehen glauben, nicht die Utopie des glücklichen, unantastbaren Erfolges, den wir selber im Alltag vermissen? Geblendet vom Scheinwerferlicht, übersehen wir die langen Schatten des Spitzensports: Doping, Korruption, Geldwäscherei, politischer Missbrauch, Umweltzerstörung, gesundheitliche Schäden. Wir wissen und verdrängen es. Fragen bleiben im Raum stehen. Sind die Proteine, die der Juniorentrainer empfiehlt, harmlos oder bereits schädlich? Ist die mit den Dauertrainings verbundene Belastung des Körpers der Anfang von lebenslänglichen Schwierigkeiten? Weshalb kommt die Ärztin nicht ausgiebig zu Wort, die dem ehemaligen Spitzensportler hilft, seine Schmerzen halbwegs erträglich zu machen? Was wird aus den bejubelten Sportlern, wenn sie einmal nicht mehr top sind?

Welche Lebensleistung ist das überhaupt, in einer Sportart spitze zu sein? Erfolg im Spitzensport ist nur eine Sache von wenigen Jahren – bestenfalls. Ich stimme nicht ein in das Bedauern, dass die Schweiz nicht genügend international erfolgreiche Spitzensportler habe. Im Gegenteil, die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten sind Teil des Reichtums unseres Landes. Spitzensport ist nur eine und nicht die beste Möglichkeit, dass die Jungen aus sich etwas machen können. Der angeprangerte Mangel an Spitzensportlern ist ein Zeichen von gesellschaftlicher Stärke, er deutet darauf hin, dass die Schweizer die berufliche Auswahl nutzen. Daher stellt sich die Frage, weshalb Spitzenforscher, Berufsweltmeister und Spitzensportler nicht denselben gesellschaftlichen Stellenwert haben.

Der ehemalige Handballer-Nationaltorhüter Daniel Eckmann meint: «Bleibt die Frage, warum der Sport ethisch besser sein sollte als der Rest der Gesellschaft. Die Antwort ist einfach: Weil genau darin die Legitimation für seine Sonderstellung besteht. Weil Fairplay wichtig ist. Weil die Jungen glaubwürdige Idole brauchen, die weder dem Schiedsrichter den Finger zeigen, noch bei der erstbesten Urinprobe demaskiert werden.»

Fairplay sieht anders aus als Eltern, die Juniorentrainer unter Druck setzen, als die Machenschaften der FIFA, als die Korruption bei Olympischen Spielen oder als im Doping ein Kavaliersdelikt zu sehen. Fairplay bedeutet, dem Sport das Spielerische, das in ihm steckt, zu lassen, und zu widerstehen, dass er durch Geld und übersteigerten Geltungsdrang zerstört wird. Nur so findet der Sport die angemessene Position in unserer Gesellschaft. Das wissen wir eigentlich, aber der Trend läuft völlig anders. Hebt uns der zu jedem Preis erbrachte sportliche Erfolg anderer über unsere Schwächen hinweg? Verdrängen wir die Wahrheit, weil wir Erfolge brauchen, aber nicht das Scheitern? Dabei ist dies die beste Lehre aus dem Sport: Erfolg und Misserfolg gehören untrennbar zusammen.

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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2 Antworten zu Spitzensport

  1. dres schreibt:

    bravo, sehr gut formuliert!

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  2. johannes schreibt:

    ich kann jedes wort unterschreiben. sehr gut!

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