Schritt um Schritt

Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung, 6. April 2013

Manchmal löst bei mir ein einfacher Text einen Gedankenstrom aus. Im Briefkasten finde ich die Werbekarte «Tibet braucht dich!». Ja, schon. Die Tibeter sind unter Druck, haben kein freies Leben, wie wir es kennen. Ich lese in den Medien darüber, dass nicht nur die Chinesen die Tibeter unterdrücken, sondern dass die Tibeter selber sich nicht grün sind. Kann ich das beurteilen? Ich muss Vertrauen in die Hilfsorganisationen haben, vertrauen, dass die wissen, was sie tun. Daher unterstütze ich Institutionen, deren Verantwortliche ich kenne, je eine Schule in Kambodscha und in Nepal oder die Cat Specialist Group, die sich für die Erhaltung der Wildkatzen einsetzt, um Beispiele zu nennen. Ich spende auch an Amnesty International. Die kenne ich nicht persönlich, aber ich bin überzeugt, dass ohne sie einiges in der Welt grauenvoller wäre.

Man sollte so viel tun. Hunderte von Organisationen bemühen sich um Hilfe. Sie kommen sich bisweilen in der Quere, weil zu viele am selben Ort anpacken wollen; ich finde es irgendwie bemühend, wenn mit westlichem Marketingeifer dort geholfen wird, wo gerade alle hinschauen. Eine Reise nach Indonesien hat mir erneut vor Augen geführt, was das Leben in einer 2-Dollar-pro-Tag-Gesellschaft bedeutet, in einem Gefüge, wo die Mächtigen bestimmen, wo Korruption das zerstört, was von unten erwächst. Muss ich da helfen? Und während ich darüber nachdenke, wie man einer 2-Dollar-Familie helfen könnte, muss ich mich zu Hause darum bemühen, die Herausforderungen der 2000-Watt-Gesellschaft zu verstehen. Und auch in der Schweiz haben wir benachteiligte Familien, Menschen, die besondere Unterstützung brauchen. Es bedeutet viel Arbeit, damit unsere Gesellschaft das bleibt, was sie heute ist: frei und wohlhabend, dass also ausreichende, gesunde Ernährung, frisches Wasser, demokratische Rechte, freie Meinungsäusserung, keine Korruption, gute Ausbildungsmöglichkeiten für alle, kultureller Reichtum, soziale Sicherheit und vieles mehr vorhanden sind. Hierzu ist mein Beitrag gefragt, doch wie bringe ich das unter einen Hut neben Familie und Beruf? Was tun, damit ich nicht überall etwas gebe, ohne nirgendwo etwas zu bewegen?

Ich muss die Welt nicht retten. Aber ich kann im Rahmen meiner Kräfte Beiträge für die Allgemeinheit leisten, Schritt um Schritt, nicht schnell, aber stetig. Dieser Beitrag kann weit grösser sein, als ihn die meisten Schweizerinnen und Schweizer heute erbringen. Die alte Regel, wonach in einem Verein 10% aktiv mitarbeiten und 90% windschattenfahren, gilt in der Schweiz flächendeckend. Was könnten wir alles bewegen, wenn sich schon nur 20 oder 30% für die Gesellschaft engagieren würden? An Zeit mangelt es nicht. Noch nie hatte eine Generation so viel Freizeit wie die unsere. Noch nie lebten so viele in der Komfortzone. Die gilt es, zu verlassen, wenn wir nicht nur von dem leben wollen, was vorherige Generationen erschaffen haben. Vom sozialen Frieden beispielsweise, der unter anderem von der gesunden Machtbalance zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen lebt. Wer engagiert sich heute noch für sie? Sozialer Frieden ist wesentliche Ursache unseres Wohlstandes – er ist nicht gesichert. Tibet und Dutzende weitere Länder zeigen uns drastisch auf, was es bedeutet, wenn kein sozialer Frieden besteht. Ein Blick auf einige europäische Länder reicht dazu allerdings auch schon aus.

Was tun Sie dafür, dass die sozialen Spannungen in der Schweiz nicht zunehmen? Was tun Sie konkret und persönlich heute, morgen, jeden Tag?

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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