Zu sagen, Sport habe nichts mit Politik zu tun, ist verlogen

Wer glaubt, es laufe im IOC und in der FIFA wie geschmiert, der dürfte richtig liegen. Der Spitzensport bietet zweifelhaften politischen Regimen das grösstmögliche Schaufenster – und alle spielen dabei mit. Der Weltsport ist längst verpolitisiert,

schreibt Daniel Eckmann in dieser Gastkolumne, die in der NZZ am Sonntag vom 02.02.2014 erschienen ist.
Danke, für diesen Beitrag, den ich hier publizieren darf. 
Daniel Eckmann, 64, ist Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter an der Uni Bern. Als Handballtorhüter spielte er 95-mal für die Nationalmannschaft, verzichtete aber 1980 aus Überzeugung auf die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Moskau, die wegen des Einmarsches in Afghanistan teilweise boykottiert wurden.

Sport habe nichts mit Politik zu tun, hört man beinahe täglich. Man müsse beides trennen, und überhaupt gehe es nicht an, Feste der Freude zu verderben. Schon gar nicht mit kleinkariertem Denken. Man müsse das Grosse und Ganze sehen, die olympische Idee zum Beispiel oder das Völkerverbindende, das den Sport über die Politik erhebe. Kurz vor den Winterspielen in Sotschi mehren sich genau solche Stimmen wieder.

Aha! Wie wenn der Sport nicht schon längst politisch wäre. Wie wenn die undurchsichtige Vergabe der 50 Milliarden Franken schweren Winterspiele an eine Diktatur am Schwarzen Meer nichts mit Politik zu tun hätte. Olympia ist zum Inbegriff von Gigantismus geworden – und Gigantismus hat seinen Preis. Halbe Armeen sorgen für Sicherheit, wenn die Athleten einen Berg hinunterfahren. Die Bevölkerung wird hinter Gitter gesperrt, ganze Orte werden abgeschottet, Grundrechte eingeschränkt, und nichts ist fester verschlossen als die Flasche mit dem olympischen Geist. Alles kein Grund zur Aufregung, bläut man uns ein. Man habe alles im Griff. Ein toller Ausdruck des wahren Sports ist auch die geplante Fussball-WM in Katar. Wer sagt, es laufe wie geschmiert, dürfte richtig liegen. Nur dumm, dass es dort so heiss ist. Das hat man jetzt sogar bei der Fifa gemerkt. Nun denkt man daran, die Wüste zu kühlen.

Menschenfreundlich?

Im Weltsport geht es schon fast regelmässig darum, dass die internationale Sportfamilie dem meistbietenden Regime zu einem menschenfreundlichen, fortschrittlichen und friedliebenden Image verhilft und zu Fernsehbildern des Händchenhaltens, die um die Welt gehen. Der Jubelchor macht Überstunden, alles andere wird ausgeblendet. Apropos menschenfreundlich: Mittlerweile sind im katarischen Stadionbau über 300 Arbeiter in der glühenden Hitze gestorben. Man weiss das schon lange. Aber weil die Stadien rechtzeitig fertig sein müssen, sind die Toten ebenso wenig ein Thema wie die trüben Verfahren rund um die Wahl der Austragungsorte. Und von wegen Händchenhalten, da denke man an die Ketten, die in den russischen Kerkern die Hände halten.

Ein Glück, hat all das nichts mit Politik zu tun. Dennoch leisten nicht nur die Sportler der Einladung Folge, sondern auch Politiker, Prominenz und andere, für die das Scheinwerferlicht nicht da ist, um zu sehen, sondern um gesehen zu werden. Die Bilder aus den Stadien zeigen nichts als Fröhlichkeit. Die Sportlerinnen und Sportler dienen als Staffage für die Vorspiegelung friedlicher Zustände, das politische Spitzenpersonal als Symbol der Duldung. Alles spielt sich im Schwenkbereich der Kameras ab. Es sind Bilder wie aus Hollywood: schön, aber nicht echt. All das können sich rein politisch motivierte Regierungen kaufen, um sich der Welt als Hort der Menschenrechte und dem eigenen Volk im Kunstlicht präsentieren zu dürfen, im Namen des Sports, der Fairness und des olympischen Geists. Sport und Politik sind also hoffnungslos verflochten. Noch grösser als das Verlangen der Weltverbände nach politischem Einfluss ist nur noch die Sucht der Politik, sich auf dem Trittbrett des Spitzensports zu profilieren.

Ehrlichkeit gefragt

Wenn die Diskussion wenigstens ehrlich wäre. Wenn die wallfahrenden Politiker zugäben, dass es ihnen ums Kalkül geht, ums Dabeisein und um den Zuckerguss auf der Popularitätskurve. Oder wenn sie die Sportbühne zur politischen Bühne machten, um darauf Klartext zu sprechen und Forderungen zu stellen. Und das sollte mehr sein als nur die üblichen mahnenden Pflichtworte, die sogleich versiegen. Oder wenn auf der andern Seite die Spitzensportler wenigstens sagen würden, sie gingen schlicht und einfach ihrem Geschäft nach, das in Russland ebenso wenig mit olympischen Idealen verknüpft ist wie ein Geschäft mit Schrauben oder Geld. Sie hätten trainiert, seien in Form und suchten den verdienten Erfolg. Das wäre okay. Denn dass die Wettkampforte von den obersten Hütern der sportlichen Werte beinahe systematisch in die finsteren Ecken der politischen Welt verlegt werden, dafür können die Sportler nichts. Es soll nur niemand sagen, Sport und Politik hätten nichts miteinander zu tun.

Die Rolle des Bundesrats

Dass die Athleten hingehen, ist also zu respektieren. Wenn sie sich dabei auch noch Gedanken machen – umso besser. Ein Boykott der Spiele wäre auch ein Weg, aber ein extremer. Er trifft just jene am härtesten, die am wenigsten dafür können –die Sportlerinnen und Sportler. Olympische Spiele zu boykottieren, ist ein persönlicher Gewissensentscheid. Das muss jede und jeder mit sich selber ausmachen. Man verzichtet auf einen Traum. Boykotte sollten darum nicht vorgeschrieben, sondern dem einzelnen Ermessen überlassen und ebenso respektiert werden wie eine Teilnahme. Was hingegen zu überlegen wäre, ist eine demonstrativ kleine politische Begleitung aus der Schweiz. Der Sportminister reicht. Der Bundesrat ist eine Landesregierung, nicht ein Escort-Service.

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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2 Antworten zu Zu sagen, Sport habe nichts mit Politik zu tun, ist verlogen

  1. alphachamber schreibt:

    Mir bedeutet der Olympische Rummel nichts und weiß nicht viel über die Mechanismen der Selektionen. Wenn nach einem Beschluss/Wahl eine Nation die Spiele ausführen darf, sollte es auch keine Boykotte mehr geben (außer vielleicht in dem extremen Fall eines Regimewechsels). Es ist Unsinn kulturelle Vielfalt zu feiern und dann wegen eben diesen Unterschieden zu boykottieren. Besser wäre es von vornherein Kriterien zu setzen für das Verhalten der ausführenden Nationen. Das IOC ist zuerst reformbedüftig.
    Nette Grüße.

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