Schauend reisen

Auf dem Cabo da Roca stehen, wichtiger, am westlichsten Punkt des europäischen Festlands stehen und in die unendliche Weite des Atlantiks schauen. Oder die Strasse von Gibraltar durchfahren: eindrücklich! Solche Orte faszinieren mich. Es fühlt sich unbeschreiblich wertvoll und glücklich an, an einem ganz besonderen Punkt der Landkarte zu sein, wortlos verbunden mit der ganzen Welt. Dies zu erleben, ist mir manche Reise wert.

Doch Reisen ist mehr. Dabei erleben wir ungewohnte Kulturen, Lebensformen und Lebensbedingungen, die bereichernd, irritierend oder gar abstossend sein können. Wie die Erfahrungen auch ausfallen, sie dienen dazu, unsere eigene Sicht und Annahmen zu überprüfen. Beim Reisen mit unseren Kindern haben wir oft die Lebenssituation anderer Menschen mit der unseren in Bern verglichen. Wir haben ergründet, was uns daran gefällt, überrascht und beeindruckt oder was uns, beispielsweise angesichts ärmlichster Verhältnisse, tief nachdenklich stimmt. Reisen erlauben die Auseinandersetzung mit sich selbst, also mit dem, was uns wichtig ist oder vielleicht doch nicht so sehr.

Besonders wertvoll ist mir diese Erkenntnis: Wo auch immer ich hinkam, traf ich auf freundliche und meist hilfsbereite Menschen. Vorurteile und heimliche Ängste schmolzen dahin. Hatte ich die Möglichkeit, Menschen vertieft kennenzulernen, nahm ich oft mit Schmunzeln wahr, dass es überall «mönschelet» und die Beziehungsfragen weltweit offenbar erstaunlich ähnlich sind. Wer neben Naturschönheiten und Kulturschätzen den Alltag der Menschen erfahren will, braucht Zeit. Eine Woche Strandferien in Phuket reicht nicht aus. Ich musste lernen, mich in einem neuen Land auf eine Region zu beschränken und nicht «alles» sehen und erleben zu wollen, was die Reiseführer als «zwingend» beschreiben. Ich empfinde das rasende Reisen als unbefriedigend oberflächlich. Weniger ist deutlich mehr.

Noch hält uns die Pandemie vom Reisen ab, aber träumen können wir bereits. Doch wohin darf man heute noch reisen? Macht es Freude, ein Land zu entdecken, in dem die Rechte von Andersdenkenden, von Frauen oder Homosexuellen mit Füssen getreten werden? Reisen nach Katar, Saudi-Arabien, Nordkorea oder auch in die Türkei, um nur einige zu nennen, verbiete ich mir. Aber klare Grenzen zu ziehen, was noch passt und was nicht, ist nicht so einfach. Die USA? Sie kennen die Todesstrafe und in Guantanamo die Folter. Japan hat seine Kriegsgräuel immer noch nicht anerkannt. Russland lässt Oppositionelle vergiften und Ägypten foltern und verschwinden. Wohin darf man noch? Ich kenne die richtige Antwort nicht, versuche aber, wenn ich schon in ein umstrittenes Land reise, mich mit der Situation auseinanderzusetzen und vor Ort die Zusammenhänge besser verstehen zu lernen. Reisen ohne waches Schauen ist fahrlässig und eine vertane Chance; diese zu nutzen, hingegen eine Bereicherung.

Erstmals erschienen in „Die Marginalie“, Hauszeitschrifte der Stämpfli Gruppe Bern, http://www.staempfli.com

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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2 Antworten zu Schauend reisen

  1. Beatrix R. Stämpfli-Gobet schreibt:

    An manchen Punkten meiner Reisen fühlte ich mich sehr stark als Europäerin und mit Europa sehr verbunden. Dieses Gefühl kenne ich erst seit etwa 15 Jahren. In den Jahren nach dem Studium, fühlte ich diese Verbindung vor allem mit den USA.
    In Europa gibt es noch viel zu entdecken. Da wären zunächst die östlichen EU-Staaten, die wir so lange von unseren Reiseplänen ausschlossen.
    Ich wünsche Ihnen spannende Reiseeindrücke in der Nachcoronazeit.

    Gefällt 1 Person

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