Weil wir Bürger und Unternehmer sind

Schweigen kostet mich mehr Kraft, als mich öffentlich zu äussern. Es reicht mir nicht, mich nur für meine Familie und unser Unternehmen einzusetzen, wohl wissend, dass beide in Abhängigkeit von Gesellschaft und Politik stehen. Ich sehe es darum nicht nur als mein Recht, mich zu engagieren, sondern geradezu als Pflicht, für eine gesunde Weiterentwicklung unseres Landes einzustehen. Als Mensch, aber auch als Unternehmer.
Und so lebe ich, was neulich die beiden Autorinnen Heike Scholten und Katja Gentinetta in ihrem Artikel »Mischt euch ein!« (ZEIT Nr. 11/16) auf den Punkt brachten: »Ein guter Wirtschaftsstandort fällt nicht vom Himmel. Abgesehen von natürlichen Gegebenheiten und geografischer Lage ist er das Ergebnis von politischen Prozessen und Entscheiden. Und weil dem so ist, müssen die Unternehmen letztlich einen Beitrag für die Stabilität einer Demokratie leisten.«

Wenn ich an dieser Stelle von Unternehmern spreche, sind CEO, Geschäftsleitungsmitglieder und Verwaltungsräte immer mitgemeint. Als solche sind wir Privilegierte. Wir haben in der Regel eine höhere Aus- und Weiterbildung genossen, wir sind finanziell relativ unabhängig und stehen an Positionen, an denen wir regional oder schweizweit gehört werden, gleichgültig ob wir in einem KMU oder in einem Konzern arbeiten. Unsere Stellung ist Verpflichtung, für unsere Gesellschaft mehr zu tun, als Arbeitsplätze zu schaffen.

Als Unternehmer müssen wir uns für das Ganze einsetzen
Die Schweiz ist ein Ganzes, in dem sich die Staatsform, das Rechtssystem, die Wirtschaft, die soziale Sicherheit, die multikulturelle Zugehörigkeit, die Künste, die Städte und die Landschaft ineinander verwoben haben. Dieses wertvolle Gefüge muss weiterentwickelt werden. Um deutlich zu machen, wie wichtig die Wirtschaft für das Wohlergehen von uns allen ist, müssen wir Unternehmer uns auch für das Ganze engagieren. Nur so können wir der Bevölkerung beweisen, dass es uns nicht nur um unseren eigenen Nutzen geht. Dies erreichen wir nicht, wenn wir uns in der Klage erschöpfen, die Politiker hätten keine Ahnung. Wir sind zuerst Bürger und dann erst Unternehmer – und als solche tragen wir Verantwortung.

Stattdessen ziehen sich viele aus der Verantwortung. Mit drei Einwänden. Erstens: »Ich habe keinen Medienzugang.« Doch, jeder hat Zugang zu den sozialen Medien, diesem idealen Einstiegspunkt, die eigene Meinung zu äussern. Einen erweiterten Medienzugang muss man sich erarbeiten; das gibt bisweilen viel zu tun. Der zweite Einwand lautet: »Ich habe keine Zeit, auch noch gesellschaftlich tätig zu werden, mein Unternehmen und meine Familie verlangen mir schon genug ab.« Das ist, abgesehen von einigen Ausnahmen, eine Ausrede. Wer in der Lage ist, neben Beruf und Familie noch 4000er zu besteigen, Hunderte von Bike-Kilometern abzufahren oder jährlich 300 Loch Golf zu spielen, hat auch Zeit für die Gesellschaft. Als Unternehmer können wir uns diese Zeit viel leichter nehmen als die meisten Angestellten, Vorbilder gibt es durchaus. Der dritte Einwand schliesslich: »Ich habe Angst vor Kundenverlust, wenn ich öffentlich sage, was ich denke.« Doch nur wenige Unternehmen sind so aufgestellt, dass sie image- und umsatzrelevante Reaktionen fürchten müssen. Wer sich der öffentlichen Kritik nicht aussetzen will, missachtet Freiheit und Verantwortung. Wer sich politisch äussert, gibt dem Unternehmen ein Gesicht weit über das Marketing hinaus und profiliert sich im eigentlichen Sinn des Wortes.

In der Stämpfli Gruppe halten wir uns als Unternehmer mit internen politischen Diskussionen zurück, in kleinen Gruppen findet die Auseinandersetzung allerdings statt. Umso mehr mischen wir uns in der Öffentlichkeit ein: auf Podien, beim Networking, in Zeitungen und ganz besonders auf den Kanälen der sozialen Medien und in der Unternehmergruppe »Fokus Bern«. Die Erfahrung zeigt, dass eine breite Öffentlichkeit sowie Mitarbeitende und Kunden meine Posts, meine Tweets, mein Blog und meine Artikel lesen und wissen, wofür ich und unser Unternehmen stehen. Meine Äusserungen stimmen mit der Haltung meines Bruders, mit dem ich das Unternehmen leite, überein und stehen im Einklang mit unserer Unternehmenskultur; Brüche in der Werterhaltung und in den politischen Äusserungen würden zu einem Vertrauensverlust führen.
Darum muss, wer sich öffentlich zu Wort meldet, seine Werte kennen, eine gefestigte Meinung haben und sie verlässlich vermitteln können. Das darf man von Unternehmern erwarten. Sie tun gut daran, sich auf bestimmte Themen festzulegen, um nicht als »Experten in allen Lebenslagen« zu erscheinen.

Initiativen bedrohen die Wirtschaft genauso wie der Wechselkurs
Offenheit ist für unser Unternehmen ein besonderer Wert. Daher ist es unverständlich, weshalb Economiesuisse und der Arbeitgeberverband sich mit intransparenten Vorstandsentscheiden nur halbherzig gegen die Durchsetzungsinitiative (DSI) ausgesprochen haben. Lichtblicke waren Heinz Karrer und Monika Rühl sowie der Verband Swissmem, die sich deutlich dagegen eingesetzt haben. Die Verbandssicht, wonach diese Initiative zu wenig mit der Wirtschaft zu tun hatte, reduziert die Schweiz auf Infrastruktur, Steuerfragen und das Arbeitsgesetz. Ich nenne das Beispiel DSI, weil diese verdeckte Haltung von Vorstandsmitgliedern der Vergangenheit angehören muss. Als Unternehmer müssen wir öffentlich und nicht hinter vorgehaltener Hand argumentieren. Es ist beschämend, wie wenig Unternehmer sich gegen die DSI, die unseren Rechtsstaat im Kern angegriffen hat, engagierten und tatenlos zugewartet haben, wie die Abstimmung wohl ausgehen wird.

Es ist auch notwendig, für die Zusammenarbeit mit der EU einzustehen. Ein Ende der bilateralen Verträge, die auch die Ausgrenzung der Schweizer Forschung zur Folge hätte, ist für die Wirtschaft ebenso bedrohend wie manche Marktentwicklung oder der Wechselkurs. Dies zu ignorieren, ist schlechtes Management.

Ja, es ist allen möglich, sich gefahrlos öffentlich zu äussern. Wir haben uns gegen die Volksinitiative »1:12« eingesetzt, gegen die Mindestlohninitiative, die Erbschaftssteuer und zuletzt gegen die Durchsetzungsinitiative. Mein Bruder und ich engagieren uns seit Jahren für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Wir stehen ein für eine moderne und liberale Gesellschaft, für gelebte Sozialpartnerschaft, eine wertebasierte Unternehmenskultur und eine gesamtheitliche und differenzierte Sichtweise. Wir machen damit nur gute Erfahrungen.

Dieser Artikel ist (um wenige Ausdrücke gekürzt) zuerst erschienen in: „Die Zeit“, Nr. 15/2016, 31. März 2016

Über pstaempfli

Unternehmer mit besonderem Interesse für Unternehmenskultur und Unternehmens- und Verbandskommunikation. Mitinhaber von Stämpfli Gruppe Bern: Auch bei Fokus Bern zu finden:
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