Weshalb ich gegen «1:12» bin

Wie bei den allermeisten Unternehmen in der Schweiz bewegen sich die Löhne in der Stämpfli Gruppe problemlos innerhalb eines Verhältnisses von 1:12. Mein Lohn ist 5 Mal höher als der tiefste Lohn im Unternehmen. Trotzdem bin ich aus vielen Gründen gegen diese Initiative, die Probleme verdrängt, statt sie zu lösen, und die uns Bürger und Bürgerinnen aus der Verantwortung nimmt.

Nicht die Löhne sind das Problem, sondern die Verantwortungslosigkeit

Weshalb werden die Löhne von Roger Federer und anderen Vielverdiener im Sport nicht angeprangert? Weshalb wird mit «1:12» nur auf die Manager gezielt? Weil der Ärger vieler sich eigentlich nicht am Lohn, sondern an der Verantwortungslosigkeit von Managern wie Marcel Ospel, Daniel Vasella & Co. richtet. Die Verantwortungslosigkeit wird mit «1:12» aber nicht beseitigt, nicht abgestraft und in keiner Weise verändert.

1:12 senkt alle Löhne in den betroffenen Unternehmen

Sinken die hohen Managerlöhne, drückt das alle anderen Löhne in den  Unternehmen und in der ganzen Volkswirtschaft. Die Kaufkraft wird geschwächt.

Die Hoffnung auf Umverteilung der hohen Löhne ist eine Utopie. Die Initiative sieht keine Umverlagerung der Löhne vor. Eine solche wird von den Befürwortern suggeriert, um der Initiative Auftrieb zu geben. Keine generellen Lohnerhöhungen, sondern Lohnsenkungen werden wir erleben: Wenn ein CEO-Lohn gekürzt wird, werden auch die anderen Löhne sinken, um innerhalb der Unternehmen die Lohndifferenzierung wieder herzustellen.

Massiver Steuerausfall trifft alle

Im Durchschnitt bezahlt jeder und jede Steuerpflichtige im Kanton Bern 5000 Franken Steuern. Hat jemand aber ein steuerbares Einkommen von einer Million, so bezahlt er im Kanton Bern zirka 400‘000 Franken Steuern. Sinkt sein/ihr Einkommen wegen «1:12» auf 600‘000, so entspricht dies einem Steuerausfall von 160‘000 Franken. Um dies zu kompensieren, müssen zirka 30 durchschnittliche Steuerzahlende neu in den Kanton kommen. Das ist nicht realistisch.

«1:12» führt zu massiven Steuerausfällen, die alle Bürgerinnen und Bürger treffen werden.

Die Schweizer Sozialpartnerschaft hat sich bewährt

Die Sozialpartnerschaft ist einer der Gründe, dass die Schweiz so wohlhabend geworden ist. Dazu gilt es Sorge zu tragen. Die Sozialpartnerschaft ist das Modell mündiger Menschen, die auf gleicher Augenhöhe Lösungen finden. «1:12» und die Mindestlohninitiative übergeben dem Staat die Verantwortung der Lohnkontrolle und durchbrechen damit das bewährte Modell Sozialpartnerschaft.

«1:12» ist ein Paradigmenwechsel mit sehr weitreichenden Folgen, der die einzelnen Bürgerinnen und Bürger aus der Eigenverantwortung nimmt.

Eigenverantwortung vor Staatsverantwortung

Ich stelle fest, dass immer mehr Menschen ihre Eigenverantwortung an den Staat abschieben wollen. Das ist ein Holzweg. Wer unzufrieden ist, muss sich persönlich beim Arbeitgeber oder bei einer Gewerkschaft für Verbesserungen engagieren. Das gibt allerdings zu tun, davor scheuen sich die meisten. Das zeigt sich im Mitgliederschwund der Gewerkschaften.

Bei uns in der Stämpfli Gruppe leben wir diese Eigenverantwortung und Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren von einem aktiven und guten Dialog. Die Eigenverantwortung an den Staat abzuschieben, schwächt diesen Dialog, und führt zu einer Form der Unmündigkeit, die zum Scheitern verurteilt ist.

Neue Wirtschaftsordnung

Es ist richtig, dass wir uns intensive Gedanken zur Zukunft der Wirtschaftsordnung machen. Tatsächlich müssen wir unser Wirtschaftssystem weiterentwickeln und die Lehren aus den negativen Seiten des Kapitalismus ziehen. Das erreichen wir aber nicht durch zufällige einzelne staatliche Verordnungen wie «1:12», die erst noch ohne Eigenverantwortung und ohne jeden Zusammenhang zu einer grösseren, nachhaltigen Ordnung umgesetzt werden.

Mit 1:12 wird auch die Stämpfli Gruppe Kunden verlieren 

Und schliesslich bin ich besorgt, dass wir in unserem Unternehmen wichtige Kunden verlieren, die wegen der 1:12 Initiative relevante und wichtige Unternehmensteile und die damit verbundenen Aufträge ins Ausland verlagern. Das wird nicht sofort nach Annahme der Initiative geschehen, sondern schleichend über wenige Jahre. Das erschwert die an sich schon sehr anspruchsvolle Marktsituation zusätzlich. Ein Alleingang der Schweiz hat fatale Folgen.

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Unsicherheiten und Verantwortung

Erschienen in „Die Marginalie“, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern, Nr. 3/2013
 

Unsicherheiten gehören zu unserem Alltag. Wir müssen sie in Kauf nehmen, wollen wir den Tag meistern, von dem wir nie genau wissen, was er uns bringt. Bei aller Voraussicht geschehen Dinge, mit denen wir nicht rechnen können. Ich stelle fest, dass immer mehr Menschen bestehende oder mögliche Unsicherheiten an andere delegieren wollen, um selber nicht in der Verantwortung zu stehen. So soll die Schule dafür bürgen, dass das Kind ins Gymnasium kommt; die Lehrkräfte sind dann auch schuld, wenn es nicht klappt. Oder man beklagt sich, wenn morgens das Trottoir nicht gepflügt und gesalzen ist, nachdem es die ganze Nacht geschneit hat. Damit, dass es im Winter witterungsbedingte Überraschungen gibt, will man sich nicht herumschlagen, die Gemeinde soll Ungemach verhindern. Unsicherheiten gehören zu uns, wer dies nicht akzeptiert, wird von ihnen überrollt. Wir sind unüberblickbar vielen, ineinander greifenden Zufällen ausgesetzt. Wir werden durch sie behindert und belohnt. Als Unternehmer ist uns dieser Zustand vertraut, wenn wir etwa versuchen, mit einem modernen Risikomanagement und mit dem Zusammenspiel von vielen, das Umfeld beobachtenden Mitarbeitenden die Zufälligkeiten einzudämmen.

Zurzeit überschneiden sich aus der Sicht unserer Firma grössere Unsicherheiten: Die Entwicklung der Weltwirtschaft, die Lage der grafischen Industrie und die Entwicklung in der Kommunikation. Wir sind ein binnenorientiertes Unternehmen, doch die globalen Risiken, so die europäische Schuldenkrise, haben ihre Wirkung auf unsere Kunden, bei denen wir ein zunehmendes Zögern feststellen: Aufträge werden hinausgeschoben, Projekte erneut überdacht, kurz, der Franken wird zwei Mal gedreht. Dieser für uns wenig erfreuliche Zustand wird durch die inzwischen todkranke grafische Industrie zusätzlich erschwert, wenn beispielsweise mit Tagespreisen gefochten wird, die nicht einmal die variablen Kosten decken. Unabhängig davon ist die Unternehmens- und Verbandskommunikation erheblichen Veränderungen ausgesetzt. Triebfeder ist die technologische Entwicklung im  Internetzeitalter, die das Kommunikationsverhalten grundsätzlich neu gestaltet. Während einige unserer Kunden die neuen Gegebenheiten als Chance wahrnehmen und gekonnt nutzen, sind andere verunsichert, wie sie mit ihren Endkunden kommunizieren müssen: Mit welchen Mitteln und wie intensiv soll kommuniziert werden, gedruckt oder elektronisch, mit oder ohne den Mitteln von Social Media? Was bedeuten diese Unsicherheiten für unser Unternehmen? Die Preissituation in der Druckindustrie ist katastrophal, und sie wird zum Ausscheiden etlicher Unternehmen führen. Wir können die Preissituation glücklicherweise dank unseren integrierten Leistungen teilweise auffangen. Die Mitte der Neunzigerjahre eingeschlagene und konsequent verfolgte Strategie erlaubt es uns, weit mehr als «nur» Druck- und Buchbinderleistungen anzubieten. Wir sind eine Kommunikationsagentur, ein Verlagsdienstleister, eine Internetagentur, ein Prozessoptimierer und ein Produktionsunternehmen. Unsere horizontal und vertikal integrierten Leistungen erlaubt es uns, unseren Kunden umfassende und ganzheitliche Kommunikationslösungen anzubieten und sie beratend zu begleiten.

Die rasanten Entwicklungen im Einsatz von Kommunikationsmitteln ist unser Alltag, dem sich unsere Mitarbeitenden mit Leidenschaft annehmen. Sie sind es gewohnt, mit den Veränderungen umzugehen. Dass darüber hinaus die Weltwirtschaft und europäischen Länder zusätzliche Unsicherheiten bergen, gehört zu den aktuellen Rahmenbedingungen. Diese Risiken zu beklagen ist sinnlos, sie ernst zu nehmen ist Teil unserer Verantwortung.

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Das Gesicht – was die Verschleierung mit der Verfassung zu tun hat.

Gesichtsschleier tragende Frauen sind in der Schweiz ein sehr marginales Problem. Dennoch, die Emotionen gehen hoch. Weshalb? Wir schauen Menschen immer zuerst auf das Gesicht. Zumindest intuitiv erkennen wir Sympathie oder Antipathie und beurteilen wir die Befindlichkeit des Gegenübers. Gefühle drücken sich in den Gesichtszügen aus. Das sind Informationen, die wir benötigen, um andere einordnen zu können. Seit der Maskenpflicht erleben wir das jeden Tag.

Der Reiz eines Maskenballs besteht gerade darin, die eigene Identität möglichst lange verborgen zu halten. Ein ähnliches Spiel ist in der Fasnacht kulturell verankert, ein spielerischer Umgang mit einer Verwirrung auf Zeit. Die in Teilen der islamischen Welt gelebte Tradition der teilweisen und vollständigen Gesichtsverschleierung ist kein Spiel, sondern Bestandteil gelebter Religiosität oder Zwang aufgrund religöser Vorgaben. Es ist eine Tradition, die uns fremd ist. Unsere Gesellschaft gründet in der Idee des gleichwertigen und gleichberechtigten Menschen. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Auch wir kennen Machtunterschiede, doch wir reagieren auf sie mit Misstrauen und versuchen sie auszugleichen. Wie stark wir das verinnerlicht haben, zeigt die Begegnung mit unseren Bundesräten, die wir auf der Strasse oder beim Einkauf als Unseresgleichen wahrnehmen. Glaubensgemeinschaften, Staaten und Männer, die ihren Frauen den Schleier vorschreiben, widersprechen unserem Selbstverständnis der Gleichwertigkeit. Es sind Forderungen, die in ihrer Entwicklung hinter unserer zurückliegen. Allerdings: Untersuchungen der Hochschule Luzern zeigen, dass viele Frauen in der Schweiz, die den Schleier tragen, dies freiwillig tun. Das gilt es in einer liberalen Welt grundsätzlich zu akzeptieren.

Das Gesicht ist das Fenster zur Identität. Deshalb ist die Vermummung an Demonstrationen kein Spiel, sondern Ausdruck der Feindseligkeit von Menschen, die nicht erkannt werden wollen. Sie ist Zeichen derer, die Gewalt in Kauf nehmen oder anwenden. Vermummte verletzen die Grundwerte, wonach wir uns alle offen, gleichwertig und gewaltfrei begegnen können. Ein Vermummungsverbot an Demonstrationen ist richtig.

Gesichtsverschleierte Frauen begegnen uns nicht in gewaltbereiter Absicht. Doch in einem freien Land Menschen neben sich zu haben, die man kaum erahnen kann, ist verstörend. Verstörend nicht, weil sie einer anderen Religion angehören, sondern weil wir sie als Menschen nicht erkennen dürfen, indem sie ihre Identität verstecken. Daher ist der Gesichtsschleier in Schulen abzulehnen, und es muss möglich sein, Gesichtsverschleierten eine Leistung zu verweigern: Wer sich in einem Unternehmen oder auf einem Amt vorstellt, wer einkauft oder in einem Spital gepflegt werden will, hat damit zu rechnen, das Gesicht zeigen zu müssen – oder nicht bedient zu werden. 

Hingegen: Eine Frau zu büssen, die in der Burka über den Bundesplatz geht, empfinde ich als beschämend. Um eine wie oben beschriebene Gesichtskontrolle durchzusetzen, braucht es keinen Verfassungsartikel. Einerseits reichen zielgerichtet Gesetze oder Verfügungen, die die Leistungsverweigerung regeln. Andererseits ist es widersinnig, ein völlig marginales Problem mit einem Verfassungsartikel zu bekämpfen; solches lehne ich ab.

Wer eine schleichende Islamisierung befürchtet oder verschleierte Frauen pauschal als unterdrückt betrachtet, soll ihnen unsere Errungenschaften entgegenhalten: Demokratie, Gleichwertigkeit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit. Und nicht Bussen.

Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung, 28.09.2013. Überarbeitet im Januar 2021.

 

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Bern ist ein Industriekanton

Artikel von Peter Stämpfli, erschienen in „Private. Das Geld-Magazin“, Nr. 5/2013, S.46. http://www.private.ch.
Mit bestem Dank an den Herausgeber, Dr. Norbert Bernhard, dass dieser Artikel auch hier publiziert werden darf. 

Mehr als nur Beschaulichkeit

Der Kanton Bern hat mehr zu bieten als schöne Landschaften mit beschaulichen Dörfern und einer imposanten Bergkulisse. Bern ist der grösste Industriestandort der Schweiz mit erfolgreichen Unternehmen in allen Regionen. Das ist ein wesentlicher Grund, dass die schweizweit tätige Stämpfli Gruppe wachsen kann.

Mit dem Kanton Bern verbinden viele nur die Begriffe „Landwirtschaft“ und „Verwaltung“. Das ist nicht ganz falsch, ist doch Bern der grösste Agrarkanton der Schweiz. Rund 37‘000 Menschen arbeiten auf dem Feld und im Wald. Das wird zunehmend zum Standortvorteil, da gesunde Nahrungsmittel rasch an Bedeutung gewinnen. Auch die öffentliche Verwaltung ist mit insgesamt 38‘000 Beschäftigten insbesondere in der Region Bern-Mittelland ein wichtiger Arbeitgeber und leistet einen wesentlichen Beitrag an die Wirtschaftskraft des Kantons und für die ganze Schweiz. Da die öffentliche Verwaltung und die staatsnahen Betriebe teilweise steuerbefreit sind, tragen sie allerdings kaum zur Finanzkraft des Kantons bei.

Mehr Industriebeschäftigte als Zürich

Bedeutender als Landwirtschaft und Verwaltung ist für den zweitgrössten Kanton der Schweiz die Industrie. Mit insgesamt 89‘000 Stellen zählt Bern mehr Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe als die Kantone Zürich (88‘000), Aargau (68‘000) und St. Gallen (65‘000).

KMU dominieren

Die Industrielandschaft ist geprägt von kleinen und mittleren Unternehmen. Mit Ausnahme der weltgrössten Uhrenherstellerin Swatch Group, des Kunstoffkonzerns Rehau und der Einkaufs- und Managementgesellschaft der Intersport-Gruppe, der IIC-International Corporation, haben in Bern keine grossen internationalen Unternehmen ihre Zentralen. Dafür finden sich zahlreiche mittelgrosse Unternehmen, die in ihren Märkten sehr erfolgreich und zum Teil Weltmarktführer sind – wie zum Beispiel der Langenthaler Textilhersteller Lantal oder der Bieler Spezialist für Velospeichen DT Swiss. Internationale Unternehmen wie eBay, 3M und CEMEX haben ihre Regionalsitze im Kanton Bern und IT-Konzerne wie T-Systems und SAP ihre Schweizer Tochtergesellschaften.

Industrie auf dem Land

Namhafte Industriebetriebe finden sich in allen Regionen des Kantons. Auch dort, wo man sie am wenigsten vermutet. Im idyllischen Trubschachen im hinteren Emmental haben gleich zwei angesehene Firmen ihren Sitz: der Biscuithersteller Kambly und der innovative Drahtseilproduzent Jakob. Einige Täler weiter in Wasen bei Sumiswald stellt die weltweit erfolgreiche PS Swiss Tools Werkzeuge her. In Sumiswald selber fabriziert die Moser-Baer die unverkennbare Schweizer Bahnhofsuhr mit dem roten Sekundenzeiger. Im ländlichen Schwarzenburg südwestlich von Bern ist Gilgen Door Systems daheim, die automatische Türsysteme für den Weltmarkt produziert. Im Kandertal stellt die Wandfluh am Rand von Frutigen Hydraulik-Ventile und Elektronik her.

Schwerpunkt im Norden 

Schwerpunktmässig ist die Berner Industrie im nördlichen Kantonsteil angesiedelt. Im französischsprachigen Berner Jura arbeitet fast die Hälfte der Beschäftigten (48%) im zweiten Sektor. In den Regionen Biel, Emmental, Oberaargau und Seeland sind es jeweils zwischen 33 und 38 Prozent. Im Berner Jura und Biel dominieren die Branchen Uhren und Metall. Weltbekannte Marken wie Omega, Longines, Rado und Rolex werden im Kanton Bern hergestellt. Wichtig sind nicht nur die Uhrenhersteller selber, sondern auch ihre Zulieferer. Im Oberaargau ist der klassische Maschinenbau von grosser Bedeutung, für den rund 10 Prozent der Beschäftigten arbeiten. Neben dem bekannten Bauausrüster und Maschinenhersteller Ammann in Langenthal sind hier hochspezialisierte Maschinenbauer wie Bystronic in Niederönz und Max Daetwyler in Bleienbach sowie der Flyer-Hersteller Biketec aus Huttwil ansässig. Eine Oberaargauer Spezialität ist die Design-Branche mit Namen wie Création Baumann, Lantal, Ruckstuhl oder Girsberger. Mit Firmen wie Fritz Studer, Ruag, Rychiger und Schleuniger ist die Region Thun ein besonders bedeutender Standort des Maschinenbaus in der Schweiz.

Präzisionsindustrie und Medizintechnik

Von grosser Bedeutung sind die beiden miteinander eng verwandten und wachstumsstarken Branchencluster Medizintechnik und Präzisionsindustrie. Die Präzisionstechnik baut auf der langen Tradition der Uhrenindustrie im Kanton auf. Die Zulieferer der Uhrenhersteller haben sich im Laufe der Jahre stark diversifiziert und sind heute auch in der Automobiltechnik, der Medizintechnik, der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie in der Energie- und Umwelttechnik tätig. Zu den bekannten Namen zählen Adval Tech in Köniz, Feintool in Lyss, Mikron in Nidau und Schaublin in Bévilard. An die 55’000 Personen arbeiten in den Firmen dieses Clusters.

Starkes Wachstum 

Die Medizintechnik ist ein äusserst erfolgreicher Ableger des Clusters Präzisionstechnik. Rund 280 Hersteller mit insgesamt rund 7‘000 Beschäftigten gibt es heute im Kanton Bern. Im weiteren Sinne zählen zu diesem Cluster auch die Pharma- und Biotechunternehmen. Die Medizintechnik ist ein ausgesprochenes Wachstumsgebiet: Die Zahl der Beschäftigen ist in den letzten Jahren um rund 20 Prozent gewachsen. Bekannt sind der rasant wachsende Blutplasma-Hersteller CSL Behring in Bern, der Impfstoffhersteller Crucell in Thörishaus, der Zahnimplantate-Spezialist Straumann in Villeret und der Produzent von Injektionssystemen für Diabetiker Ypsomed in Oberburg bei Burgdorf. Die Unternehmen der Präzisionsindustrie und der Medizintechnik sind ausgesprochen exportorientiert. Rund vier Fünftel der Produktion findet im Ausland ihren Absatz.

Bildung als Basis für Erfolg

Die Basis für die Wettbewerbsfähigkeit der Berner Industrie ist das Bildungssystem. Die Gewerblich-industrielle Berufsschule Bern ist die grösste Berufsschule der Schweiz. Sie bietet Ausbildungsgänge in mehr als 60 Berufen an. Weitere Berufsschulen finden sich in allen Regionen des Kantons. Nicht überraschend weist der Kanton denn auch schweizweit eine der höchsten Abschlussquoten auf Sekundstufe II aus. Mehr als 95 Prozent der Jugendlichen schliessen mit einem Lehr- oder Maturadiplom ab. Als einer der wenigen Kantone verfügt Bern zudem über eine Universität mit rund 15‘000 und eine Fachhochschule mit 6‘500 Studierenden. Der Wissens- und Technologietransfer zwischen den beiden Hochschulen und der Wirtschaft ist gut entwickelt. In der Industriestadt Biel wird in den kommenden Jahren ein Campus Technik der Berner Fachhochschule entstehen. Am selben Standort soll auch der Swiss Innovation Park realisiert werden.

Stabile Wirtschaft

Die breit diversifizierte Struktur Berns trägt zu einer stabilen Entwicklung der Wirtschaft bei. Die Erwerbsquote ist hoch, und die Arbeitslosigkeit liegt seit Jahren deutlich unter dem schweizerischen Mittel. Neben der Industrie und der Verwaltung ist das Gesundheits- und Sozialwesen mit insgesamt rund 70‘000 Beschäftigten von grosser Bedeutung. Zusammen mit den Kantonen Graubünden und Wallis ist Bern zudem einer der grossen Tourismuskantone.

Wirtschaftsstark trotz grosser regionaler Unterschiede

Der Kanton Bern belegt im Kantonsvergleich den 8. Rang bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf. Dies, obwohl es innerhalb des Kantons grosse Unterschiede gibt. Im Standortqualitätsranking der Credit Suisse belegt die engere Region Bern mit dem 19. Rang unter den 110 Schweizer Regionen einen Spitzenplatz und ist damit nach Nyon die attraktivste Region ausserhalb des Grossraums Zürich. Die peripheren Regionen des Kantons wie das obere Emmental, grosse Teile des Berner Oberlands und des Berner Juras finden sich hingegen im hinteren Teil des Rankings. Die Wirtschaftsstrategie 2025 will die Wirtschaftskraft des Kantons weiter stärken. Bei der Umsetzung dieses Ziels setzt die Politik auf bereits vorhandene Stärken. Eine besondere Rolle spielt dabei Cleantech: Bern soll in den nächsten Jahren zum wichtigsten Standort von Cleantech in der Schweiz werden. Das Know-how dazu haben die zahlreichen in diesem Gebiet tätigen Unternehmen und die Hochschulen.

Hier geht es zur Übersichtsgrafik: PRIVATE 02 Industriekanton Grafik

http://www.fokus-bern.ch

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Die dahinter ohne Willen

Erschienen als Kolumne in der Berner Zeitung am 24.08.2013. Hier leicht ergänzt um den Text in dieser Farbe.
 

Die dahinter ohne Willen sitzen in Vorständen, Verwaltungsräten, Stiftungsräten und Parlamenten. Sie tragen Verantwortung, ohne sie wahrzunehmen. Sie haben sich wählen lassen, tun aber nichts oder zu wenig, und dies ohne jede Konsequenz für sie selber. Beispielhaft erkennen wir Vertreter von ihnen in den Leitungsgremien einiger Berner Kulturinstitutionen. Die dahinter ohne Willen sitzen aber auch in Verwaltungsräten von Unternehmen und lassen grobe Fehlentscheide, überrissene Saläre und bisweilen Betrug zu. Man weiss kaum, dass es sie gibt, und sie haben ihre Verantwortung längstens abgeschoben, wenn sie überhaupt wissen, was Verantwortung ist. Die Meister unter denjenigen dahinter ohne Willen geben sich so eloquent, dass der Eindruck entsteht, sie würden tatsächlich etwas bewegen, was aber bei genauerem Hinsehen nicht der Fall ist. Eine besonders lästige Form derer dahinter ohne Willen sind die, die sich, oft politisch, äussern, ohne geklärt zu haben, wie die Dinge wirklich stehen. Sie werden laut, ohne Differenzierung, sie fordern, ohne je Verantwortung übernehmen zu müssen. Und sie sind überzeugt, einen wertvollen Beitrag zu leisten. 

 

Alle die dahinter wurden gewählt im Vertrauen, dass sie mittragen und mitentscheiden, um Positives zu erreichen. Sie stehen als Vorstände von Kulturinstitutionen in der Verantwortung gegenüber den Bürgern und als Verwaltungsräte gegenüber den Kapitalgebern und Kunden. Alle stehen sie in der Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitenden und der Gesellschaft. Diejenigen unter denen dahinter ohne Willen, die dies erkennen, sichern sich gegen alles und jedes ab, in der Angst, sie könnten zur Verantwortung gezogen werden.

Eine weitere Gruppe derer dahinter ohne Willen sitzt auf der Zuschauertribüne des Lebens. Sie gehen kaum an die Urnen, hören weg, wenn es in der Nachbarschaft Schwierigkeiten gibt, und wollen nie etwas gesehen haben. Sie schieben Verantwortung schon mal grundsätzlich auf andere ab. Es sind die, die es schon immer gewusst haben und reflexartig nach dem Staat rufen. Unter den Befürwortern der 1:12-Initiative finden wir sie gehäuft. Dazu eine Rückblende: Vor über 100 Jahren bildeten sich Gewerkschaften, um Arbeitnehmende vor den Übergriffen ihrer Arbeitgeber zu schützen und bessere Bedingungen zu erkämpfen. Dies gehört heute noch zu den Aufgaben der Gewerkschaften, die in einer unvollkommenen Welt ein Gegengewicht zu den Arbeitgeberverbänden sind. Die Schweiz hat damit beste Erfahrungen gemacht, was sich im sozialen Frieden ausdrückt. Doch das Interesse der Arbeitnehmenden an den Gewerkschaften hat mit steigendem Wohlstand nachgelassen. Einfacher, als selber zu handeln, ist es, dem Staat die Aufgabe zu übertragen, die private Befindlichkeit zu verbessern. Die 1:12-Initiative ist typisch dafür.

Mitarbeitende, die sich benachteiligt fühlen und die Löhne ihrer Chefs inakzeptabel finden, sollen entweder das Unternehmen wechseln oder sich zusammentun und dagegen angehen. Und wer sich dies nicht zutraut, kann sich gewerkschaftlich betätigen. So zu handeln heisst für mich Verantwortung übernehmen. Selber dafür einstehen, dass die Dinge sich wie gewünscht verändern.Die Annahme der Initiative wird dazu führen, dass die unteren Löhne nicht steigen, aber die Steuereinnahmen sinken. Wenn dies eintrifft, haben die dahinter ohne Willen schon immer gewusst, wer schuldig ist. Denn in dem Masse, in dem sie die Verantwortung auf andere abschieben, können sie diese als Schuldige bezeichnen.

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Wer seine Ziele nicht kennt, kann sie nicht erreichen.

Erschienen in der Berner Zeitung am 6. Juli 2013
 
Alles beginnt bei mir. Ich bin für mich selber verantwortlich, und ich habe es in der Hand, zu bestimmen, was aus mir wird, niemand sonst. Meine Eigenverantwortung beginnt damit, mich meiner Werthaltung bewusst zu werden und mein Handeln darauf abzustimmen.

Am Anfang jedes Handelns stehen Ziele. Langfristig wirken wir als Gruppe und als Einzelpersonen nur erfolgreich, wenn unsere Ziele und unser Handeln mit unserer Werthaltung übereinstimmen. Ist dies nicht der Fall, tun wir Dinge, zu denen wir nicht stehen können. In der Folge schöpfen wir unsere Möglichkeiten nicht aus, schlimmer noch, wir geben uns auf und schädigen uns körperlich und seelisch. Unsere Mitmenschen werden dies wahrnehmen und über uns urteilen, denn wer seine Werte und sein Handeln nicht in Übereinstimmung bringt, ist nicht authentisch, wirkt unsicher und unberechenbar und lebt in Rollen. Im beruflichen und privaten Umfeld kann dies katastrophale Folgen haben.

Ich kann für mich ergründen, welche Werte mir so wichtig sind, dass ich sie in keinem Fall aufgebe. Diese Frage ist nicht immer einfach zu beantworten. Sich mit ihr zu beschäftigen, gehört jedoch zum lebenslangen Bemühen, sich selber besser kennenzulernen. Wir stellen sie daher ins Zentrum der Ausbildung in der Stämpfli Gruppe. Nur wenn die Werte, die das Unternehmen verkörpert, und die Werte des und der einzelnen Mitarbeitenden übereinstimmen, können gemeinsame Ziele erreicht werden. Mangelnde Übereinstimmung führt zu Reibereien, zu Ineffizienz und zum Ausbrennen. Wo aber die Werte und Ziele des Unternehmens mit denen der Mitarbeitenden zusammenpassen, stärkt das die Sinnhaftigkeit, die Freude an der Arbeit, die Zusammenarbeit im Alltag und die Identifikation mit dem Unternehmen. Eine gemeinsame Wertebasis ist ein unermesslicher Reichtum, an ihr zu arbeiten, ist unternehmerische Pflicht.

Nach den eigenen Werten zu fragen, bezieht sich stets auch auf die eigene Umwelt. Wer bin ich und was geschieht um mich herum? Der Kontrapunkt dazu ist die Gleichgültigkeit, eine der schlimmsten gesellschaftlichen Krankheiten. Gleichgültig heisst: Alles ist gleich gültig, hat gleichen Wert. Wer so denkt, entscheidet nicht, schaut nicht hin, kümmert sich nicht, lässt geschehen. Wer nicht entscheidet, setzt weder kleine noch grosse Ziele. Wer seine Ziele nicht kennt, kann sie auch nicht erreichen und bleibt stehen. Wer das Leben gleichgültig angeht, kann die gestellten privaten und beruflichen Anforderungen nicht erfüllen. Gleichgültigkeit ist die Grundhaltung des verantwortungslosen Menschen.

Mich meines Lebens, meiner Stärken und Schwächen, meiner Werte und Ziele bewusst werden, ist die Voraussetzung, im Leben so zu sein, wie ich sein möchte: Mir Klarheit verschaffen, wer ich bin, was ich will, wohin ich will. Denjenigen, die sich diesen Fragen stellen, erwachsen weitreichende Chancen. Eine klare, verlässliche Werthaltung stärkt die eigenen Ziele. Die Ziele sind Bedingung für resultatorientiertes Handeln, die Grundbedingung für unseren beruflichen und privaten Erfolg. Sich selber lebenslang fördern und fordern, mit offenen Augen durch die Welt gehen, eigene Sichtweisen hinterfragen, andere Meinungen verstehen wollen, offen sein für Neues, Anderes und Ungewohntes, ohne sich dabei aufzugeben – das ist das beste Rezept gegen die Gleichgültigkeit und die innere Langweile.

Alles beginnt bei mir. So wie ich denke, so handle ich. Darüber kann ich jeden Tag selber und von Neuem entscheiden.

www.staempfli.com

 

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Ist die Schweiz reif für eine Strategie? > Ein Text von Daniel Eckmann

Der nachfolgende Text stammt von Daniel Eckmann und ist erschienen in der NZZ, 12.06.2013. Ich danke ihm, für seine freundliche Genehmigung, den Text auf meinem Blog publizieren zu dürfen. 

Der Ruf nach einer «Strategie» ist oft Ausdruck von Ratlosigkeit oder politischer Hinhaltetaktik. Und doch gewinnt strategisches Denken in der Politik an Gewicht. Denn die Schweiz ist unter Druck. Vor den grossen inhaltlichen Würfen müsste über die Grundfrage diskutiert und ein Strategieprozess definiert werden.

Kaum ziehen Wolken auf, fordern viele Politiker «eine Strategie». Was auch immer sie darunter verstehen mögen – egal, ob Steuerstreit oder Informationsaustausch, Luftraum oder Erdwärme, Kampfhunde oder Killerviren. Das Zauberwort tönt gut, schiebt den schwarzen Peter weit von einem fort und gaukelt Entschlusskraft vor. In der Voliere am Bundesplatz wird reich belohnt, wer nach Dingen ruft, die es nicht gibt, statt Beschlüsse zu fassen, die es braucht. Lange Bank statt kurzer Wege. Das taugt für alle Problemlagen, wie weit die Sichten auf das Konkrete auch auseinanderliegen. Zweierlei steht bei fast jedem Malaise fest: Erstens ist der Bundesrat schuld, und zweitens fehlt der Plan aller Pläne. In telegen inszenierter Aufregung beklagen es die einen, mit staatsmännisch umwölkter Stirne kritisieren es die anderen. Und die üblichen Experten, die alles wissen und nichts verantworten, singen das Beresinalied dazu.

Mut zum Verzicht

Eine Strategie ist aber mehr als blosses Wortgeklingel. Eine Strategie ist ein konsistentes Ziel- und Massnahmengerüst, eine Denklogik. Sie basiert auf einem methodisch strengen Prozess, bündelt die Handlungsstränge systematisch und verbindlich, richtet alle Schritte nach präzisen Zielen aus und muss von allen gleich verstanden und gelebt werden. Strategien sind keine Wunschzettel. Damit ist klar, dass es für strategiegeleitetes Denken und Handeln zu spät ist, wenn die Hütte schon brennt. Strategie ist auch nicht Reaktion. Und: Wer nach einer Strategie ruft, muss sie auch umsetzen wollen. Aber sind ausreichend viele Politiker in den Parlamenten bereit, sich einem übergeordneten Ziel zu unterwerfen? Kaum bis nie. Wenn es ums Biegen und Brechen geht, belassen es viele doch lieber beim Biegen. Und wenn es pressiert, schüttet man halt noch etwas Sand in die Sanduhr nach. Bei Strategien geht das nicht. Es liegt in ihrem Wesen, dass sie in einem frühen Zeitpunkt die Weichen stellen, die Reihen schliessen und im unendlichen Universum von Möglichkeiten die Handlungsspielräume rigoros eingrenzen. Strategie heisst immer auch Mut zum Verzicht. Eine wirkliche Strategie verschliesst heute Türen, durch die man später nicht mehr gehen kann. Das ist gewollt, denn nie ist die Orientierungslosigkeit grösser, als wenn man um fünf vor zwölf unvorbereitet vor lauter offenen Türen steht.

Strategien lassen deshalb bewusst nur einen schmalen, dafür kalkulierten Korridor zu. Das hat Vorteile: Der Kurs ist klar, die Kraft geballt, die Zeit genutzt, die Kompetenzen sind geregelt. Jedes Tun lässt sich planen, kontinuierlich auf den gewählten Weg einstellen und ohne Verschleiss realisieren. Der Preis: Der Einzelne ist eingeschränkt und gebunden, es kann nicht ewig alles offenbleiben, der Handlungspfad ist festgelegt. Strategien müssen robust sein, Abweichungen die seltene Ausnahme.

Die Schweiz ist von aussen unter Mehrfachdruck. Die Gegenspieler sind dezidiert. Das ist gefährlich. Im Inneren werden Positionen hingegen oft isoliert aus dem Blickwinkel der direkt Betroffenen bezogen, ohne Gesamtschau, meist spontan. Erfolgsfaktoren wanken, die Regulierung wird enger statt weiter. Das grosse Ganze versinkt im kleinen Einzelnen. Kaum beschlossen, werden Positionen ins Provisorium versetzt. Mandatierte Verhandlungsführer lesen unterwegs, wer ihnen von zu Hause aus so alles öffentlich in den Rücken fällt. Das ist gut für Schlagzeilen. Aber schlecht für das Land.

Umso bedeutender sind eine Analyse aus einem Guss und Klarheit über Weg und Ziele. Was will man – aus einer Gesamtbetrachtung heraus – unbedingt halten, was ist verhandelbar, wo kann man einlenken? Doch vor den grossen Fragen, zum Beispiel zu Autonomie und Kooperation, stellen sich die kleinen Hausaufgaben, um die es in diesen Zeilen geht. Ist die Schweiz reif für eine Strategie, mindestens für die Grundsatzfragen und die zentralen Dossiers? Und falls ja, verfügen wir über die Voraussetzungen dafür? Hat es überhaupt Sinn?

Zweifellos ist die Politik nur sehr bedingt mit einem Unternehmen vergleichbar. Ein Land kann man nicht führen wie eine Fabrik, und die Heimat ist mehr als ein Standort. Und doch ist in einer Zeit voller prinzipieller Umbrüche eine Dachstrategie und sind daraus abgeleitete Teilstrategien denkbar – für die Schweiz als Land und für einzelne Sektoren wie etwa Haushalt, Steuern, Verhältnis zur EU, Energie, Forschung oder Sicherung der Sozialwerke. Mit unzweideutigen, messbaren und aktiv beeinflussbaren Zielen. Ansätze dazu gibt es: Das Parlament legt als Aufsichtsrat die grossen Legislaturziele fest, Zielspezifikationen und Umsetzung sind Sache der Exekutive. Allerdings fehlen den heutigen Regierungsrichtlinien die systematische Basis, die methodische Disziplin und die Präzision von Strategiezielen.

Treppen werden von oben gewischt

Die Frage ist, ob eine Strategie gewollt ist. Falls ja, wären drei Voraussetzungen zu schaffen:
Die Kompetenzen zwischen Bundesrat und Parlament sind wieder klar und deutlich definiert.
Die Ziele werden in einem systematischen Strategieprozess festgelegt, verfolgt und überprüft.
Hinter einmal festgelegten Strategien werden die Reihen geschlossen.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann die eigentliche, strategiegeleitete politische Arbeit beginnen – vom Grossen ins Kleine, top down. Eine Treppe muss man von oben wischen. Wer je eine von unten gewischt hat, weiss, warum. Wie gesagt, unter der Bundeskuppel gibt es strategische Köpfe. Es sind oft Politiker, denen das Lärmprinzip nicht liegt, sondern die Zwischentöne. Politiker, für die das Scheinwerferlicht da ist, um besser zu sehen, und nicht, um besser gesehen zu werden. Sie verdienen gerade deswegen Beachtung.

Das ist zwar nicht so gut für Schlagzeilen. Aber gut für das Land.

Daniel Eckmann ist Jurist und Partner des Beratungsunternehmens Klaus-Metzler-Eckmann. Zuvor war er Stellvertretender SRG-Generaldirektor und Berater von Bundesrat Kaspar Villiger.
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Was wollen wir?

Erschienen in der Berner Zeitung als Kolumne am 1. Juni 2013
 

Was den Menschen vom Tier am ehesten unterscheidet, ist sein Bewusstsein für Zeit und Raum, die er beide gestalten kann. Der aufgeklärte Mensch ist ein planendes Wesen. Auch wenn unsere Erfahrungen aus der Vergangenheit stammen und wir sie in der Gegenwart anwenden, so schauen wir doch in die Zukunft, stecken uns die Ziele, die wir erreichen wollen, und versuchen die Unwegsamkeiten abzuschätzen. In den Unternehmen erarbeiten wir Strategien und analysieren die Risiken. Manch eine oder einer tut dies auch privat als Familien- oder Karriereplanung.

Jede Strategie sei nur so viel Wert, wie das Papier, auf dem sie stehe, meint der Volksmund, doch dieser irrt. Eine Strategie trifft zwar selten genauso ein, wie sie beschrieben wurde, was aber nicht der entscheidende Punkt ist. Entscheidend ist, dass vorausgedacht wird, wohin man kommen will, also welche Ziele erreicht werden sollen, und wie dies zu bewerkstelligen ist. Nur so können später die Abweichungen festgestellt und korrigiert werden, nur so können viele Menschen bewogen werden, gemeinsam auf ein Ziel zuzusteuern. Wer plant, wird von Überraschungen weniger auf dem linken Fuss erwischt. Offensichtlich wird dies im Beispiel einer Seilschaft, die sich ein Ziel und einen Weg vornimmt, wissend, dass die äusseren Einflüsse oder eine Schwäche eines Mitglieds zur Kursänderung zwingen können. Wer zusammen mit anderen etwas erreichen will, ist zudem gut beraten, die Ziele und die Vorgehensweise in der Gruppe abzusprechen.

Solcher Art von Denken und Handeln ist der bernischen Politik fremd. Das politische Handeln zeichnet sich allzu oft durch instinktives Tun, Rudelbildung und Revierverteidigung aus. Es ist geprägt durch den Röhrenblick der Regionen, der Interessengruppen und Parteien. Sie alle haben Anliegen, wenige haben langfristige Ziele. Eine gemeinsame, verbindliche und übergeordnete Strategie, die alle Regionen und Themengebiete umfasst, und zumindest von der Mehrheit im Grossen Rat getragen wird, besteht nicht. Es gibt zwar eine Wirtschaftsstrategie, zum Beispiel. Wer aber trägt die schon durch die Jahre, ausser dem dafür verantwortlichen Regierungsrat und seinen Mitarbeitenden? Es bestehen Konzepte, Richtlinien und Budgets; sie sind gegenseitig kaum verwoben und werden, je nach Interessenlage, mehr oder weniger zielgerichtet umgesetzt.

Im Parlament stehen jetzt grosse Spardebatten an, verteilt über verschiedene Themengebiete und Direktionen. Aufgrund welcher gemeinsamer Vorstellungen wird argumentiert und entschieden werden? Übereinstimmung gibt es nur darin, dass der Kanton weniger Geld einnimmt, als er ausgibt – eine wichtige Erkenntnis, die jedoch für eine qualitativ sinnvolle Spardiskussion nicht ausreicht. Wie will man die führen, wenn nicht klar ist, was der Grosse Rat und der Regierungsrat für das Wohl unseres Kantons gemeinsam langfristig erreichen wollen?

Wie soll unser Kanton in fünfzehn Jahren aussehen? Welche Bedeutung haben die einzelnen Regionen? Wohin muss sich die Wirtschaft im Kanton entwickeln? Welche Sozialleistungen sind nötig? Welchen Stellenwert haben das Bildungswesen und die Forschung? Wohin geht die Reise im Gesundheitswesen? Welche Bedeutung hat die Kulturpflege und -förderung? Welche Infrastruktur benötigen wir? Und wie wird das alles sinnvoll miteinander verknüpft? Welche uns zur Verfügung stehenden Gelder sollen für was eingesetzt werden? Die Beantwortung benötigt Zeit und vor allem den Willen, die Einzelinteressen hinten anzustellen. Dazu ist es noch nicht zu spät.

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Randnotiz. Zur Minimallohnforderung

Im Vorfeld des 1. Mai 2013 machen die Gewerkschaften in den Medien klar, dass zig Tausend Lehrabgänger weniger als 4000 CHF Startlohn verdienen. Die Rede war davon, dass dieser Lohn den jungen Erwachsenen zum Leben nicht reiche. Ich habe gedacht, dass dieser Lohn für Alleinerziehende oder Familien zu tief ist, dass aber ein/e 20-Jährige/r damit eigentlich ganz hübsch leben kann. Nachrichten auf Radio SRF am 1. Mai, abends. Ich vernehme, dass Paul Rechsteiner und andere Gewerkschafter forderten, der Minimallohn sei auf mindestens 4000 anzuheben. Rechsteiner ergänzte, dass dies dann endlich auch Druck auf alle anderen Löhne über 4000 machen würde. Am 4. Mai lese ich in «Der Bund» (http://www.derbund.ch/schweiz/standard/Im-Gewerkschaftshotel-verdient-jeder-Fuenfte-unter-4000-Franken/story/15620215), dass 20% der in den Hotels der Gewerkschaften Beschäftigten weniger, teilweise deutlich weniger als 4000 verdienen. Im Bund-Artikel kommen auch die Direktoren dieser Hotels zu Wort. Sie machen klar, dass eine Anhebung der Minimallöhne für ihre Unternehmen schwierig würde, und zwar vor allem im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz. Die Aussagen im Bund erinnern mich daran, dass eine Schweizer Gewerkschaft Teile Ihrer Drucksachen im Ausland fertigen lässt, weil es dort billiger sei. Gleichzeit hat dieselbe Gewerkschaft Lohnerhöhung gefordert. Ob all dem geht mir durch den Kopf, dass das Verhalten der Gewerkschaftsverantwortlichen unehrlich ist. Fordern ist einfach, aber die Forderungen selber einhalten scheint nicht wesentlich zu sein. Die Gewerkschaft-Hotels spüren die Wirtschaft, wie sie tatsächlich funktioniert. Die Gewerkschaft-Chefs ganz offensichtlich nicht. Oder es ist ihnen gleichgültig. Ich lehne einen gesetzlich verankerten Minimallohn entschieden ab. Der Eingriff in die unternehmerische Verantwortung ist massiv. Den Unternehmen wird aufgezwungen, Geld nach den Vorstellungen des Staates auszugeben, dem dieses Geld gar nicht gehört. Missbräuche der unternehmerischen Freiheiten lassen sich wesentlich effektiver und effizienter über den Weg der Sozialpartnerschaft regeln, wie das in der Schweiz seit Jahrzehnten ein Erfolgsmodell ist.

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Schritt um Schritt

Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung, 6. April 2013

Manchmal löst bei mir ein einfacher Text einen Gedankenstrom aus. Im Briefkasten finde ich die Werbekarte «Tibet braucht dich!». Ja, schon. Die Tibeter sind unter Druck, haben kein freies Leben, wie wir es kennen. Ich lese in den Medien darüber, dass nicht nur die Chinesen die Tibeter unterdrücken, sondern dass die Tibeter selber sich nicht grün sind. Kann ich das beurteilen? Ich muss Vertrauen in die Hilfsorganisationen haben, vertrauen, dass die wissen, was sie tun. Daher unterstütze ich Institutionen, deren Verantwortliche ich kenne, je eine Schule in Kambodscha und in Nepal oder die Cat Specialist Group, die sich für die Erhaltung der Wildkatzen einsetzt, um Beispiele zu nennen. Ich spende auch an Amnesty International. Die kenne ich nicht persönlich, aber ich bin überzeugt, dass ohne sie einiges in der Welt grauenvoller wäre.

Man sollte so viel tun. Hunderte von Organisationen bemühen sich um Hilfe. Sie kommen sich bisweilen in der Quere, weil zu viele am selben Ort anpacken wollen; ich finde es irgendwie bemühend, wenn mit westlichem Marketingeifer dort geholfen wird, wo gerade alle hinschauen. Eine Reise nach Indonesien hat mir erneut vor Augen geführt, was das Leben in einer 2-Dollar-pro-Tag-Gesellschaft bedeutet, in einem Gefüge, wo die Mächtigen bestimmen, wo Korruption das zerstört, was von unten erwächst. Muss ich da helfen? Und während ich darüber nachdenke, wie man einer 2-Dollar-Familie helfen könnte, muss ich mich zu Hause darum bemühen, die Herausforderungen der 2000-Watt-Gesellschaft zu verstehen. Und auch in der Schweiz haben wir benachteiligte Familien, Menschen, die besondere Unterstützung brauchen. Es bedeutet viel Arbeit, damit unsere Gesellschaft das bleibt, was sie heute ist: frei und wohlhabend, dass also ausreichende, gesunde Ernährung, frisches Wasser, demokratische Rechte, freie Meinungsäusserung, keine Korruption, gute Ausbildungsmöglichkeiten für alle, kultureller Reichtum, soziale Sicherheit und vieles mehr vorhanden sind. Hierzu ist mein Beitrag gefragt, doch wie bringe ich das unter einen Hut neben Familie und Beruf? Was tun, damit ich nicht überall etwas gebe, ohne nirgendwo etwas zu bewegen?

Ich muss die Welt nicht retten. Aber ich kann im Rahmen meiner Kräfte Beiträge für die Allgemeinheit leisten, Schritt um Schritt, nicht schnell, aber stetig. Dieser Beitrag kann weit grösser sein, als ihn die meisten Schweizerinnen und Schweizer heute erbringen. Die alte Regel, wonach in einem Verein 10% aktiv mitarbeiten und 90% windschattenfahren, gilt in der Schweiz flächendeckend. Was könnten wir alles bewegen, wenn sich schon nur 20 oder 30% für die Gesellschaft engagieren würden? An Zeit mangelt es nicht. Noch nie hatte eine Generation so viel Freizeit wie die unsere. Noch nie lebten so viele in der Komfortzone. Die gilt es, zu verlassen, wenn wir nicht nur von dem leben wollen, was vorherige Generationen erschaffen haben. Vom sozialen Frieden beispielsweise, der unter anderem von der gesunden Machtbalance zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen lebt. Wer engagiert sich heute noch für sie? Sozialer Frieden ist wesentliche Ursache unseres Wohlstandes – er ist nicht gesichert. Tibet und Dutzende weitere Länder zeigen uns drastisch auf, was es bedeutet, wenn kein sozialer Frieden besteht. Ein Blick auf einige europäische Länder reicht dazu allerdings auch schon aus.

Was tun Sie dafür, dass die sozialen Spannungen in der Schweiz nicht zunehmen? Was tun Sie konkret und persönlich heute, morgen, jeden Tag?

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