«War of Talents» am «Networking-Apéro»

Erschienen in „Die Marginalie“, Nr. 01/2013, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern 

Englische Ausdrücke und wenig fassbare Wortschöpfungen sind in unseren Breitengraden allerseits beliebt, obwohl die deutsche Sprache reich ist und es für die englischen Worte präzise Übersetzungen gibt. Sie werden besonders gerne benutzt, wenn Sprechende nicht genau wissen, was sie eigentlich sagen oder wenn sie sich modern geben wollen. Auf meiner insgeheim geführten Liste liegen Ausdrücke wie «Gewinnwarnung» (Warnung vor dem Gewinn?), «Antizyklischer Kapitalpuffer» (?), «Intelligente Bomben», «Commitment» (Selbstverpflichtung), «voten» (abstimmen) oder «fooden» (essen) an der Spitze. Dem Schwachsinn zuneigend ist «Networking-Apéro», ein Apéro, an dem es möglich ist, sein Beziehungsnetz zu pflegen. Was sonst?

Sicher gibt es englische Begriffe, für die es keine passenden deutschen Worte gibt, «Management» zum Beispiel, das mit «Führung» nur ungenau übersetzt werden kann. Dann gibt es Ausdrücke, die wir auf Deutsch nie verwenden würden, so «War of Talents» (Krieg der Talente), der seit Jahren herumgeistert und der auf Deutsch beschönigend «Kampf um die Talente» übersetzt wird. Gemeint ist damit die Herausforderung an die Unternehmen, die besten Talente unter den Arbeitskräften gewinnen zu können. Dieser Kampf wird als die grosse Herausforderung unserer Zeit dargestellt, als der Schlüssel zum Überleben, der so bedeutsam sei, dass er nicht ernst genug genommen werden könne. Doch was sagt dieser Begriff wirklich aus, der eigentlich «War for Talents» heissen müsste.

«War» heisst Krieg. Es gibt dafür keine andere Deutung. «War» bedeutet auch für die Englischsprachigen Krieg und Krieg ist Krieg. Krieg hat die Vernichtung des Gegners zum Ziel, das Erringen eines Siegs unter Anwendung von weitreichendster Gewalt. Krieg ist die furchtbarste Form der menschlichen Auseinandersetzung. Es kann nicht sein, dass wir den Begriff «War of Talents» einfach so benutzen, nur im übertragenen Sinn  gemeint. Es gibt meiner Meinung nach keinen übertragenen Sinn für Krieg. Wenn doch, dann werden wir diesen in unserem Unternehmen sicher nicht verwenden, denn wenn wir «Krieg» um Talente führen müssten, würden wir das nicht tun.

Auch in der Stämpfli Gruppe wollen wir die bestmöglichen Mitarbeitenden für uns gewinnen. Das sind Menschen mit den Fachkenntnissen, die wir für die Herausforderungen von heute und morgen benötigen. Und das sind Menschen, die unserer Unternehmenskultur entsprechen, also unseren hohen Anforderungen an Eigenverantwortung, Zusammenarbeit und Gestaltungswille. Solche Menschen kommen nicht zu uns, wenn wir kriegsähnlich um sie kämpfen. Menschen, die mit uns zusammen langfristige Ziele erreichen und deshalb bei uns bleiben wollen, suchen Vertrauen, Respekt, Eigenständigkeit und vor allem Sinn in der Arbeit. Und nicht «Krieg», auch nicht im übertragenen Sinn.

Es lohnt sich, sich für das Detail in der Sprache einzusetzen, wissend, dass man selber nicht davor gefeit ist, manchmal oberflächlich zu sein. Vielleicht könnte man Krieg mit Wettstreit übersetzen, «Competition for Talents»? Aber niemals Krieg. Nie.

 

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Spitzensport

Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung, 23. Februar 2013, S. 19

Die Faszination an herausragenden Leistungen wird in der Bevölkerung nirgendwo so unmittelbar spürbar wie im Spitzensport. Deutlich zeigt sich dies im Raum, den der Sport in den Medien findet, obwohl namentlich die Interviews von oft beeindruckender Leere sind. Auch mich packen sportliche Spitzenleistungen, seien es die zauberhaften barcelonesischen Spielzüge oder der irrwitzige Lauf einer 100-Meter-Staffel. Der Rausch des Erfolgs überträgt sich auf den Zuschauer. Doch in der Begeisterung beschleichen mich ungute Gefühle. Ist das, was wir zu sehen glauben, nicht die Utopie des glücklichen, unantastbaren Erfolges, den wir selber im Alltag vermissen? Geblendet vom Scheinwerferlicht, übersehen wir die langen Schatten des Spitzensports: Doping, Korruption, Geldwäscherei, politischer Missbrauch, Umweltzerstörung, gesundheitliche Schäden. Wir wissen und verdrängen es. Fragen bleiben im Raum stehen. Sind die Proteine, die der Juniorentrainer empfiehlt, harmlos oder bereits schädlich? Ist die mit den Dauertrainings verbundene Belastung des Körpers der Anfang von lebenslänglichen Schwierigkeiten? Weshalb kommt die Ärztin nicht ausgiebig zu Wort, die dem ehemaligen Spitzensportler hilft, seine Schmerzen halbwegs erträglich zu machen? Was wird aus den bejubelten Sportlern, wenn sie einmal nicht mehr top sind?

Welche Lebensleistung ist das überhaupt, in einer Sportart spitze zu sein? Erfolg im Spitzensport ist nur eine Sache von wenigen Jahren – bestenfalls. Ich stimme nicht ein in das Bedauern, dass die Schweiz nicht genügend international erfolgreiche Spitzensportler habe. Im Gegenteil, die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten sind Teil des Reichtums unseres Landes. Spitzensport ist nur eine und nicht die beste Möglichkeit, dass die Jungen aus sich etwas machen können. Der angeprangerte Mangel an Spitzensportlern ist ein Zeichen von gesellschaftlicher Stärke, er deutet darauf hin, dass die Schweizer die berufliche Auswahl nutzen. Daher stellt sich die Frage, weshalb Spitzenforscher, Berufsweltmeister und Spitzensportler nicht denselben gesellschaftlichen Stellenwert haben.

Der ehemalige Handballer-Nationaltorhüter Daniel Eckmann meint: «Bleibt die Frage, warum der Sport ethisch besser sein sollte als der Rest der Gesellschaft. Die Antwort ist einfach: Weil genau darin die Legitimation für seine Sonderstellung besteht. Weil Fairplay wichtig ist. Weil die Jungen glaubwürdige Idole brauchen, die weder dem Schiedsrichter den Finger zeigen, noch bei der erstbesten Urinprobe demaskiert werden.»

Fairplay sieht anders aus als Eltern, die Juniorentrainer unter Druck setzen, als die Machenschaften der FIFA, als die Korruption bei Olympischen Spielen oder als im Doping ein Kavaliersdelikt zu sehen. Fairplay bedeutet, dem Sport das Spielerische, das in ihm steckt, zu lassen, und zu widerstehen, dass er durch Geld und übersteigerten Geltungsdrang zerstört wird. Nur so findet der Sport die angemessene Position in unserer Gesellschaft. Das wissen wir eigentlich, aber der Trend läuft völlig anders. Hebt uns der zu jedem Preis erbrachte sportliche Erfolg anderer über unsere Schwächen hinweg? Verdrängen wir die Wahrheit, weil wir Erfolge brauchen, aber nicht das Scheitern? Dabei ist dies die beste Lehre aus dem Sport: Erfolg und Misserfolg gehören untrennbar zusammen.

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Gemeinsam, nicht gegeneinander!

Dem «Bund» von heute (23.01.2013) ist zu entnehmen, dass sich SVP-Kantonalpräsident Werner Salzmann an der gestrigen Parteiversammlung sehr kritisch zu der durch den Regierungsrat verordneten eingeschränkten Schneeräumung geäussert hat. Er habe sein Unverständnis darüber ausgedrückt, dass dem Zentrum Paul Klee zwei Millionen mehr zugesprochen wurde, bei der Schneeräumung im Kanton nun aber derselbe Betrag eingespart werden soll (siehe Bild). Hierzu gilt es auf zwei Aspekte aufmerksam zu machen.

Erstens. Der Grosse Rat hat in seiner Sitzung vom 28. November 2000 mit der grossen Unterstützung der SVP dem Kantonskredit zum Zentrum Paul Klee zugestimmt. Bereits damals wie heute war klar, dass die gesprochenen Gelder zu knapp bemessen waren, und Nachtragskredite notwendig sein würden. Dass dies heute nun eintrifft, kann auch die SVP nicht ignorieren. Dazu ein Protokollauszug:

«Oesch (SVP): Da ich als letzter Fraktionssprecher rede, kann ich es wirklich kurz machen. Es wurde alles gesagt, gefragt, und man kann sich mittels Vortrag orientieren. Ich nehme vorweg, dass die SVP-Fraktion dem Geschäft grossmehrheitlich zustimmt. Der Kantonsbeitrag zum Geschäft wird ja erst ausgelöst, wenn die Baufinanzierung sichergestellt ist. Mit dem Paul Klee-Zentrum kann sicher das kulturelle Angebot unseres Landes wesentlich verbessert werden. Es ist auch zu hoffen, dass es in unserem Kanton ein Umfeld-Wachstum auslösen wird. Aus diesen Überlegungen stimmt die SVP-Fraktion dem Kredit zu.»

Lediglich sieben Ratsmitglieder haben 2000 gegen den Kredit gestimmt, darunter drei aus der SVP-Fraktion.

Zweitens und vor allem. Es ist wünschenswert, wenn zumindest die Präsidenten aller Parteien aufhören, Sparmassnahmen gegeneinander und in kleinlicher Weise aufzurechnen, und Sachverhalte, die miteinander in keinem Zusammenhang stehen, gegeneinander auszuspielen – nur um damit partei- und regionalpolitisch kurzfristig punkten zu können. Es geht vielmehr darum, Ziele (nicht nur Sparziele) für den ganzen Kanton zu erreichen. Die anstehenden Herausforderungen können die Parteien und Regionen des Kantons nur gemeinsam lösen. Ein Gegeneinander bringt nur Verlierer und schwächt den Kanton.

Wann endlich finden die Parteien des Kantons zu gemeinsamen Strategien?

 

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Lügner. Was Armstrong und Blocher gemeinsam haben

Eine Randnotiz

Die Berichterstattung in den Medien über Lance Armstrong hat eine Parallele zu der über Christoph Blocher. Beide geben öffentlich zu, dass sie lügen, regelmässig lügen sogar. Und keinen kümmerts wirklich. Man nimmt das hin, als wäre es so etwas wie ein Waldbrand in Australien oder das Zugsunglück in in der Schweiz, also etwas, das einfach dazugehört und vorbeigeht. Sicher, Lügen sind Teil unserer Gesellschaft, so gesehen gehören sie einfach dazu. Lügen abzumahnen, sie nicht zu tolerieren, den Lügner zu entlarven und ihn in die Pflicht zu nehmen, gehört aber in einer Gesellschaft wie der unseren auch dazu. Doch bei Armstrong wie bei Blocher wird berichtet und zur Tagesordnung übergegangen. Ihr Fehlverhalten belebt die Zeitungsspalten und die Fernsehnachrichten, sie sorgen medial für attraktive, kurzfristige Aufregung. Das Lügen wird im schlimmsten Fall zum Kavaliersdelikt, zu etwas, was ja doch gar nicht so schlimm und die Aufregung nicht wert ist. Das führt dazu, dass, gerade in Sport und Politik, andere zum Lügen ermutigt werden. Doping als „etwas, was dazu gehört“, das machen die andern ja auch, wie Lance Armstrong zur Entschuldigung sagte. Und Christoph Blocher wird kaum je von einem Journalisten gefragt, ob das, was er jetzt gerade sagt, auch wirklich stimmt, oder nun wieder gelogen sei.

Indem die Medienvertreter die gesellschaftliche Tragweite verschleiern, stützen sie die Lügner – und werden damit zu Mitlügnern.

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Schleichende Veränderungen

Erschienen als Leitartikel in „Die Marginalie“, Nr. 4/2012, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern
 

Auf meine Alltagsfrage an andere Unternehmer, wie die Geschäfte laufen, mehren sich die sorgenvollen Antworten. Die Folgen der europäischen Krise, die eine grundsätzliche ist, beginnen sich schleichend zu zeigen, und die Unsicherheit steigt. Das ist nicht erstaunlich in Anbetracht von Schuldenwirtschaft, Arbeitslosigkeit, mangelnder Wirtschaftskraft, unverbindlichen politischen Zielen und Klientelwirtschaft quer durch den Kontinent: Das alles geht nicht einfach vorüber und wird uns während Jahren in Atem halten. Wir zeigen mit dem Finger auf Spanien, Portugal, Griechenland und Italien. Doch auch Frankreich und unser wichtigster Handelspartner Deutschland haben die Schuldenquote, die die EU zulässt, längst überschritten. Deutschland budgetiert für 2013 eine Zunahme der Verschuldung von Dutzenden Milliarden, obwohl die Wirtschaft gut läuft. Was geschieht bei einer Rezession? Die Problemstellungen sind derart komplex, dass niemand weiss, wie sie zu lösen sind. Versuchen und irren, das ist der Weg, den die Politiker gehen: Rettungsschirme, Kredite, Drohungen, Versprechen, Kürzungen. Reicht das? Wie lange schauen die Arbeitslosen zu? Wie lange die, die fürchten, arbeitslos zu werden? Die Angst der Politiker, den eigenen Wählern etwas wegzunehmen, steigt weiter an; Angst ist kein guter Berater.

Es geht uns in der Schweiz immer noch ausgezeichnet. Doch der Zenit ist überschritten, und grundsätzliche Veränderungen finden schleichend statt, was viele Politiker dazu verleitet nicht hinzuschauen. Schleichend heisst: Da etwas weniger Marktvolumen und mehr  Auftragseinbrüche, dort steigender Importdruck, hier Dörfer, die ennet der Grenze den täglichen Bedarf eindecken. Aber auch steigenden Käufe über das Internet, die die Landesgrenzen längst ignorieren.

Die hohen Schweizer Löhne und der ebenso hohe Lebensstandard sind für uns ein Segen. Wie lange noch, wenn die deutschen Löhne bereits gesunken sind und die Polen, als Beispiel, ein Viertel bis ein Drittel von uns verdienen? Wir werden uns an das Kostenniveau des Auslands annähern müssen, ob wir wollen oder nicht. Das ist nicht einfach, wenn wir wichtige Errungenschaften wie sozialen Frieden, Altersvorsorge, Bildungsniveau und Infrastrukturen behalten wollen.

Durch die globale Vernetzung ist die Komplexität im politischen Alltag massiv gestiegen. Wir können uns ihr nicht entziehen, und obwohl wir dies wissen, profitieren noch immer etliche Branchen von direktem und indirektem gesetzlichem Schutz, der die Unternehmer und Subventionsempfänger in falscher Sicherheit wiegen lässt – oder wiegen liess, denn die Schweiz ist mitten in einem strategischen Wandel, und das bereitet langsam auch denen erhebliche Sorgen, deren Unternehmen bis anhin in der «Komfort-Zone» lagen. Die steigende Unruhe ist gut, sie ist Zeichen dafür, dass die Wirtschaft in der ganzen Breite zu verstehen beginnt, welche Herausforderungen wir zu meistern haben.

Was bedeuten die schleichenden Veränderungen und die steigende Unsicherheit für unser Unternehmen? Ich blicke mit Zuversicht in die nahe und weitere Zukunft. Wir arbeiten in einer Branche, die seit gut 40 Jahren keinen gesetzlichen Schutz geniesst. Bald sind es 25 Jahre her, dass mein Bruder und ich das Unternehmen übernommen haben. Kein Jahr war entspannt, jedes war in Bezug auf Investitionen, technologische Anpassungen und Veränderungen der Kundenbedürfnisse eine Herausforderung. Das wird so bleiben und ist ein Zustand, den unsere Mitarbeitenden bestens kennen. Sie stellen sich ihm mit grossem Engagement und mit Freude, unseren Kunden Produkte und Lösungen mit Blick aufs Ganze zu bieten.

 

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Zwischenhalt

Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung, 5. Januar 2013, S. 14

Auf die schalkhafte Frage seines Vaters, was ich in der nächsten Kolumne schreiben könnte, meinte mein sechsjähriger Göttibueb ohne Zögern: «Dass Papa das WC verstopft hat!» Doch ein Freund fand, anfangs Jahr lägen Sätze mit etwas Pathos drin, eher etwas Gewichtiges also. Aber was? Geprägt wird der Alltag durch Probleme, wie sie mein Göttibueb ansprach: die defekte Waschmaschine, der grausam langweilige Autofahrer vor mir, der verlorene Schlüssel, das vor der Nase abfahrende Tram, die sich im Laden vordrängende Zicke, die Leute, die ich am Telefon nicht erreichen kann. Und jene mühsame Dinge mehr. Aber auch: die grossartige Bedienung in der Bäckerei Stalder in Muri, der Mitmensch, der zu einer Lösung Hand bietet, obwohl ich einen Fehler gemacht habe, die riesige Forsythie am Aargauerstalden, die mich im Frühling erfreut, ein spontanes Lächeln. Und jene erfreuliche Dinge mehr. Doch was ist mir neben all diesen Dingen wirklich wichtig?

Meine Familie ist mir wichtig, ihr Wohlergehen und unser Verhältnis untereinander. Die Offenheit, gemeinsam Anderes und Neues zu entdecken und auszutauschen, zusammen älter und erfahrener zu werden, Freuden und Schwierigkeiten zu teilen. Und einfach immer füreinander da zu sein.

Unser Unternehmen und der Erhalt der Arbeitsplätze sind mir wichtig. Je mehr Menschen in der Gesellschaft eine Arbeit haben, desto stabiler die Demokratie, höher die Achtung der Umwelt, besser die Ausbildung, umfangreicher die Infrastruktur, grösser die Hilfe an Schwache und vielfältiger das kulturelle Leben. Hierzu will ich zusammen mit unseren Mitarbeitenden einen Beitrag leisten, im Bewusstsein der Grenzen und Risiken, die jede unternehmerische Tätigkeit in sich birgt.

Der Blick aufs Ganze und die Beachtung der Vielfalt des Lebens sind mir wichtig. Das zeigt sich im Verständnis, dass wir alle Teil eines grossen, komplexen Ganzen sind, in dem wir nicht alles wissen und steuern können, in dem Zusammenarbeit vor Eigeninteressen steht, in dem ich als Unternehmer die vielfältigen Anforderungen, die sich unseren Mitarbeitenden im privaten und beruflichen Alltag stellen, berücksichtigen muss. Im Blick aufs Ganze liegt mein Wille begründet, über die Familie und das Unternehmen hinaus einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, von der ich profitiere.

Die Schweiz ist mir wichtig. Uns geht es so gut, dass wir drohen, gleichgültig zu werden. Doch wir müssen zu unserer Demokratie und unserer Lebensqualität täglich Sorge tragen; jede Wahl, jede Abstimmung bietet dazu Gelegenheit. Wir dürfen gesellschaftlich relevante Lügen nicht mehr zulassen, so das Bankgeheimnis, das Betrüger schützt, die Briefkastenfirmen, deren Inhaber wir nicht kennen wollen, Unternehmen, die im Ausland die minimalsten, internationalen Standards an Arbeitsbedingungen und Umweltschutz missachten, Sportverbände, die für ihr korruptes Verhalten nicht zur Rechenschaft gezogen werden, steigende Staatsausgaben, die wir uns nicht mehr leisten können, die Schweiz als geschützte Insel zu betrachten, und die Politiker im Kanton Bern, die für ihre Region und ihre Klientel, nicht aber für den ganzen Kanton einstehen.

Für das, was wichtig ist, lohnt es sich leidenschaftlich und mit langem Atem einzusetzen. Das werde ich auch 2013 tun.

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Bern: Stadt-Land-Graben als Hauptproblem

Interview von Bernhard Ott mit Peter Stämpfli, erschienen in Der Bund (www.derbund.ch), 10.12.2012, Seite 19

Bernhard Ott Der Kanton Bern erhält nächstes Jahr 1,2 Milliarden Franken aus dem nationalen Finanzausgleich. Ist er derart schwach oder sind Zug und Obwalden derart stark?

Peter Stämpfli Weder noch. Zug und Obwalden können ihre Steuerpolitik nur betreiben, weil sie vom Rest der Schweiz profitieren: vom Bahnnetz, vom Flughafen Zürich und von der stabilen wirtschaftlichen und politischen Lage. Die gelobten Kantone Zürich und Waadt erhalten übrigens eine Milliarde Franken für die ETH, Geld, das indirekt in diese Kantone fliesst.

Was profitiert denn Zug von Bern?

Zum Beispiel von der Hauptstadt und dem grössten Maschinen- und Uhrenindustriestandort der Schweiz. Auch Zug braucht die Industrie.

Ein Zuger Politiker hat vorgeschlagen, dem Kanton Bern weniger Geld aus dem Finanzausgleich zukommen zu lassen, solange Berner Staatsangestellte mit 63 pensioniert werden.

Das ist Polit-Rhetorik. Es ist aber richtig, wenn der Kanton Bern seine Leistungen und Ausgaben überprüft, wie dies der Regierungsrat beabsichtigt – namentlich in der Verwaltung.

Der Zuger Finanzdirektor hat gesagt, es brauche politische Entscheide für schlankere Strukturen im Kanton Bern.

Stimmt. Aber es gibt Strukturen, die wir nicht ändern können. Das Oberland ist flächenmässig fünfmal so gross wie der Kanton Uri. Und das Emmental und der Jura sind Landwirtschaftsregionen und Naherholungsgebiete von überregionaler Bedeutung, die man nicht einfach «wegstrukturieren» kann.

Inwiefern braucht Bern neue Strukturen?

Es braucht mehr Zusammenarbeit und mehr Gemeindefusionen, vor allem in der Region Bern. Ich kritisiere den mangelnden Zusammenarbeitswillen zwischen den Regionen und Gemeinden und das Fehlen von gemeinsamen Zielen. Die Dominanz der ländlichen Gemeinden im Grossen Rat blockiert und schwächt die Agglomeration Bern, den wirtschaftlichen Motor des Kantons.

Die Budgetdebatte im Grossen Rat brachte letzte Woche schmerzliche Eingriffe.

Man stritt über Details. Die Debatte hat gezeigt, dass eine Finanzstrategie fehlt.

Ein SVP-Grossrat will einfach das beste für seine Region rausholen. Der braucht keine Strategie.

Kürzungen beim Schulbusangebot gegen Kürzungen bei der Kultur auszuspielen, ist willkürlich und führt uns nicht weiter. Was fehlt, ist ein gemeinsames Verständnis dafür, was wir im Kanton Bern bis wann erreichen wollen. Dem sagt man Strategie.

Alt-Regierungsrat Ueli Augsburger (SVP) sagte im «Bund»-Interview, die SVP habe den Wandel verhindert, weil ihre Macht auf den überkommenen Strukturen beruht.

Es ist zu banal, die Schuld auf die SVP abzuschieben.

Die Budgetdebatte hat gezeigt, dass der Graben zwischen Stadt und Land immer grösser wird.

Das ist das Hauptproblem Berns. Der Abbau von Vorurteilen ist dringend: Sowenig, wie die Landbevölkerung eine rückständige Subventionsempfängerin ist, ist die Stadtbevölkerung arrogant und im Luxus lebend.

Dem steht aber die Politgeografie entgegen: Das SVP-Land fühlt sich durch die rot-grüne Stadt oft provoziert. 

Man kann das überwinden, wenn man will, indem man sich auf die gemeinsamen Stärken besinnt. Die Agglomeration Bern ist der wirtschaftliche Motor des Kantons. Wenn es der Agglomeration Bern schlecht geht, leiden alle Regionen. Die Stadtbevölkerung wiederum sollte bedenken, dass sie die Land- und Berggebiete als Lebens- und Wirtschaftsraum braucht.

Grossrätin Bethli Küng (SVP) meint aber, das Berner Oberland könne alleine kutschieren.

Frau Küng sagte, das Saanenland liefere Geld ins Unterland. Das ist Unsinn. Der grösste Zahler im interkantonalen Ausgleich ist der Bezirk Bern. Das Geld aus Saanen landet nicht hier, sondern in den anderen Randgebieten.

Dann muss man aber auch den ÖV erhalten in diese Gebiete.

Ja, wenn auch nicht bis ins hinterste Tal hinein.

Kann die Wirtschaft alleine mit Initiativen wie «Fokus Bern» den Blick fürs Ganze schärfen?

Nein, die Impulse müssen auch aus anderen Kreisen kommen. Die Unternehmerinnen und Unternehmer können nur versuchen, Verbesserungen aus ihrer Sicht vorzuschlagen. Ich glaube zudem daran, dass die Hauptstadtregion Bern zum Erfolg wird.

Vor drei Jahren verknüpften Sie damit grosse Hoffnungen. Vor einem Jahr appellierten Sie, dass es Köpfe brauche, die das Konstrukt Hauptstadtregion belebten. 

Das gilt leider immer noch. Es fehlen Menschen, die bereit sind, sich öffentlich zu engagieren und ihre Wohlfühloase zu verlassen.

Sie sagten, die Agglomeration Bern müsse gestärkt werden. Kann eine Hauptstadtregion von La-Chaux-de-Fonds bis Brig dazu beitragen?

Gewiss. Bern als Kern der Hauptstadtregion steht in vielfältiger Abhängigkeit. So ist das Oberwallis von der Stadt Bern gleich weit entfernt wie der Berner Jura und dadurch Teil der Hauptstadtregion.

Müssten nicht eher Gemeindefusionen im Raum Bern angestrebt werden? Es klappt ja nicht einmal bei der Kooperation: Die Stadt Bern hat den Standortentscheid für eine 50-Meter-Schwimmhalle mutterseelenalleine gefällt.

Das Vorgehen der Stadt ist mir unverständlich. Diese Schwimmhalle ist wichtig für die ganze Region und müsste gemeinsam realisiert werden. Wären die zwölf Vorortsgemeinden und die Stadt fusioniert, wäre dies geschehen.

In Lugano war Stadtpräsident Giorgio Giudici eine Integrationsfigur, die Gemeinden zur Fusion bewegen konnte. Warum gelingt dies Alexander Tschäppät nicht?

Das weiss ich nicht. Das Kernproblem liegt aber anderswo: Im Bauernkanton Bern schaut jeder primär zu seinem «Hof». Man arbeitet nur zusammen, wenn man unbedingt muss und dann in Einzelprojekten. Das blockiert die nachhaltige Entwicklung, gerade in der Raumplanung.

Fokus Bern will Unternehmenssteuern senken, um Firmen anzulocken. Sind das nicht Rezepte aus den achtziger Jahren?

Einseitig angewendet sind sie veraltet. Wir von Fokus Bern kommen zum Schluss, dass es zuerst die erwähnte Finanzstrategie braucht. Das Problem sind übrigens nicht die Unternehmenssteuern, sondern die zu hohen Einkommenssteuern. Wir haben Mühe, Leute mit einem Einkommen über 120 00 Franken in den Kanton Bern zu locken.

Diese Strategie beisst sich in den Schwanz: mit Steuersenkungen und attraktiver Infrastruktur will man Firmen und Menschen anlocken, die den Ausbau der Infrastruktur erst finanzieren sollen.

Nein. Wenn schrittweise vorgegangen wird, können Steuersenkungen mittelfristig dazu beitragen, die Einnahmen zu steigern. Das erreichen wir aber nicht mit Hau-Ruck-Übungen, wie sie zurzeit politisch gefordert werden.

Nochmals: Wo ist die Brücke zur Politik? Politiker vertreten doch einfach die Interessen ihre Wähler aus Frutigen oder Ostermundigen.

Fokus Bern kann nur Vorschläge machen, auf Zusammenhänge hinweisen und Politiker ermutigen, gemeinsam für den Kanton einzustehen.

Was ist Ihr Ziel? Soll Bern ins steuerliche Mittelfeld vorrücken?

So wichtig die Steuern sind: Mein Ziel ist ein weiter reichendes. Bern muss seine Rolle als Hauptstadt als Chance nutzen. Der Kanton als Ganzes muss Vorbild dafür sein, dass mit einer diversifizierten Wirtschaft, zu der ich auch eine moderne Landwirtschaft zähle, eine grössere Lebensqualität erreicht werden kann als mit Monopolbranchen wie der Chemie in Basel oder den Banken in Zürich.

Muss man dafür Täler aufgeben, wie dies Rudolf Strahm fordert?

Nein, aber wir können es uns nicht leisten, jedes Tal gleich zu behandeln. Die Frage steht im Raum: Wie können wir Randregionen festigen, ohne die Agglomerationen zu schwächen?

Wie sieht der Kanton Bern in dreissig Jahren idealerweise aus?

Der Kanton als Zentrum der Hauptstadtregion Schweiz ist stolz auf seine Hauptstadt. Dank der Universität und der Fachhochschulen in Biel und Bern ist er einer der beiden bedeutendsten Ausbildungsstandorte der Schweiz. Es wird eine starke Wirtschaftsagglomeration Biel-Bern-Thun geben mit einem Zweig im Oberaargau. Dank seiner wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und ökologischen Vielfalt gilt der Kanton Bern über die Schweizer Grenzen hinaus als einzigartig lebenswert – gerade auch wegen der Wechselwirkung von Agglomerationen mit Land- und Berggebieten.

 

 

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«Wie Unternehmer wirklich fühlen»

Erschienen als Kolumne in «Berner Zeitung», 17. November 2012, Seite 16

Verstehen Sie mich recht, meine Frau zweifelt meine Echtheit nicht an. Doch die Frage, was denn ein echter, ein richtiger Mann ist, beschäftigt mich trotzdem hie und da, vor allem, wenn ich selbstzweifelnden Männern um mich herum zuhöre. Auf der Suche nach einer umfassenden Definition waren Artikel wie «Der neue Mann», «Wie Männer sein wollen» und «Wie Männer wirklich fühlen» wenig hilfreich, ebenso wenig die Artikel «Die neue Frau», «Wie Frauen sein wollen» und «Wie Frauen wirklich fühlen». Lesen Sie solche Artikel? Ich nicht mehr.

Viele Menschen haben ein fixes Bild einer bestimmten Gruppe. Sie wissen, wie die Männer sind, wie die Frauen, die Unternehmer, die Gewerkschafter, die Linken, die Rechten, die Autofahrer, die Velofahrer, die Lehrer, die Banker, die Beamten. Vielleicht dienen diese idées fixes dazu, unsere komplexe Welt besser zu verstehen. Vereinfachungen sind dafür bekanntlich nützlich.

Vereinfachungen haben jedoch die dumme Eigenart, dass sie zu kurz greifen. Die Komplexität des Menschen kann nicht auf eine Funktion reduziert werden. Ich kann Ihnen das an meinem eigenen Beispiel erklären. Ich bin u.a. Vater, Ehemann, Unternehmer, Freund, Nachbar, Stammkollege, Kulturliebhaber, Reisender, Stiftungsrat, Autofahrer, Mittewähler, Warmduscher. Ich bin wie Sie ein vielschichtiger Mensch, logisch, oder? Doch diese Logik funktioniert weder im Alltag noch in den Medien noch in der Politik. Unternehmer haben zu sein, wie man sie sehen möchte. Hier ein paar Beispiele aus dem Alltag dessen, was Leute in mich projizieren:

Ein Unternehmer trägt Krawatte und fährt ein teures Auto. Er hat kein Interesse an Gewerkschaften, er bekämpft sie. Mit dem einfachen Mann spricht er nicht, mit der einfachen Frau schon eher, wenn sie gut genug aussieht. Er kann freinehmen, wann er will; oder allenfalls überhaupt nicht arbeiten. Trotzdem ist er gestresst und hat keine Zeit. Er denkt nur an sich und sein Unternehmen. Wirtschaft ist alles für ihn. Zu Hause schaut die Ehefrau zu den Kindern, dem Haushalt und der Wohlfühloase. Der Unternehmer kürzt lieber Stellen, als dass er welche schafft. Bisweilen hat er die Beine auf dem Pult. Und vor allem: Ein Unternehmer kocht nicht für seine Kinder, schon gar nicht mittags.

Ein Unternehmer ist ein ganzer Mensch (die Unternehmerin auch). Ich lebe nicht nur eine Funktion, sondern in alltäglichen Widersprüchen. Meistens verhalte ich mich erwachsen, bisweilen kindisch. Ich liebe meine Frau und unsere Kinder, bin aber auch gerne alleine unterwegs. Das Unternehmen ist in der Familie allgegenwärtig, es prägt vieles in unserem Leben; trotzdem sind mir die Erlebniswelten meiner Familie wichtig, und ich nehme mir Zeit, daran teilzunehmen. Das Unternehmen absorbiert mich stark, physisch und gedanklich, doch Zeit zum Entspannen nehme auch ich mir; wir reisen oder nutzen das grosse kulturelle Angebot, oder ich verkrieche mich zu Hause hinter die Bücher und meine Fotografien. In der Haushaltsarbeit unterstützen meine Frau und ich uns gegenseitig. Ich diskutiere gerne auch über andere als wirtschaftliche Themen. Freunde sind mir wichtiger als «Geschäftsfreunde». Wirtschaft ist auch für mich nur ein Teil der Gesellschaft, sie hat keinen Freipass, alles zu tun, was betriebswirtschaftlich nützlich ist. Ideologisch verbohrte Gewerkschafter ärgern mich, doch ich erachte Gewerkschaften als notwendig, sie tragen zum sozialen Gleichgewicht bei.

Wie Unternehmer wirklich fühlen? Wie alle, wie Menschen eben.

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Burnout

Eine Randnotiz zu Arthur Vogels Kommentar in «Der Bund» vom 06.10.2012 http://bit.ly/R5qJF9

Burnout muss nicht um sich greifen, wie eine ansteckende Krankheit. Jede und jeder kann viel dafür tun, gesund zu bleiben. Die technologischen Möglichkeiten in der Kommunikation, die Schnelligkeit, in der Neuerungen die Gesellschaft durchdringen und in der in der Wirtschaft Entscheidungen gefällt werden müssen, zwingen uns zur Anpassung unseres Arbeitsstils. Arthur Vogel erwähnt zu Recht die andauernde Erreichbarkeit als ein Stressverursacher. Die uneingeschränkte Erreichbarkeit, die Angst, etwas zu verpassen oder alles sofort erledigen zu müssen, und das Gefühl, unentbehrlich zu sein, ergeben einen gefährlichen Cocktail. Sind zudem das private Leben in Unordnung und/oder werden die eigenen Werte missachtet, ist der Burnout nicht weit weg. Fehlt nur noch, dass man pedantisch genau arbeiten will und eine geringe Fehlertoleranz hat.

Führungskräfte können am Arbeitsplatz viel dafür tun, dass sie selber und ihre Mitarbeitenden nicht ausbrennen. Eine positive Fehlerkultur, Einschränkung der Erreichbarkeit während der Freizeit, kein direkter oder indirekter Zwang Mails auch an Wochenenden und SMS sofort beantworten zu müssen, sich gegenseitig auf Übermüdungssituationen aufmerksam zu machen, überhaupt, Ermüdung als natürliche Folge von Arbeit zu akzeptieren, sind nur einige Aspekte, die zu beachten sind. Sie gehören zur zeitgemässen Führungsarbeit.

Ein wesentlicher Grundsatz dabei ist: Ein Mensch ist immer ein ganzer Mensch und nicht nur eine Arbeitskraft oder nur ein Politiker oder nur eine berühmte Persönlichkeit. Der Mensch, als ganzer Mensch ernst genommen, braucht eine herausfordernde Tätigkeit, Ruhezeiten, Freizeiten und vor allem Wertschätzung. Wer dies missachtet, trägt zum Burnout der anderen bei.

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«So wie ich bin, so führe ich»

Erschienen in UPDate von aeB, Akademie für Erwachsenenbildung Schweiz, Mai 2011. 
Der Berner Unternehmer Peter Stämpfli über Leadership, Führung und bürgerliches Engagement. Das Interview für UPDate, das Magazin der aeB Schweiz, führten Petra Anna Siebert und Alain Tscherrig. 
 

350 Mitarbeitende aus 17 Nationen in vier Kontinenten – so stellt Peter Stämpfli, Delegierter des Verwaltungsrates der Stämpfli Gruppe, sein Unternehmen vor. Ein Unternehmen, das bereits vor zwanzig Jahren ein Leitbild verabschiedet hat, und in dem die Unternehmenskultur wichtiger Bestandteil des Erfolgs ist. Die Stämpfli Gruppe ist ein inhabergeführtes Familienunternehmen in der sechsten Generation. Peter Stämpfli ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Nach der Wirtschaftsmatur und dem Technikum für Druck und Verpackung in Lausanne hat er mit 29 Jahren – „relativ früh“, so sagt er – zusammen mit seinem Bruder das Familienunternehmen übernommen.

Wie definieren Sie Leadership?

Mit dem englischen Begriff und der Definition von Leadership tue ich mich schwer. Zum Führen gehören einerseits rein handwerkliche Fähigkeiten wie die Resultatorientierung, das Organisieren, Entscheiden und positiv Denken. Auf der anderen Seite stehen Fragen der Persönlichkeit, der Vorbildwirkung und der Kommunikation. Für mich ist Persönlichkeitsschulung besonders bedeutsam, nicht nur in der Führung. Alles fängt bei uns selber an, bei mir, so wie ich bin, so führe ich. So wie ich denke, so führe ich. So wie ich meine Gedanken an einem Montagmorgen auf die Reihe kriege, so komme ich auf meine Mitarbeitenden zu. Alles beginnt bei mir und deshalb ist Persönlichkeitsschulung ein wesentlicher Teil davon – also sich lebenslang weiter zu entwickeln, neue Wege zu finden. Das Leben ist ein Ganzes, diese Überzeugung prägt unsere Unternehmenskultur und damit die Führungsaufgabe.

Wie sind Sie zu diesem gesamtheitlichen Bild gekommen?

Sicher gibt es Werte, die seit Generationen in der Familie mitschwingen. Es ist unser Grundverständnis, dass Menschen und Sachverhalte nicht schwarz oder weiss beurteilt werden können, sondern dass wir sie von verschiedenen Seiten aus betrachten müssen und wollen. Anders ist es mit Entscheiden, da benötigen wir ein Ja oder Nein, ein Entweder-oder, dies als Grundlage zum Erzielen von Resultaten. Der für uns entscheidende Wert ist der Respekt vor den anderen Menschen. Dazu kommt der langfristige Horizont, eine Sichtweise, die wesentlich davon geprägt ist, dass wir das Unternehmen nicht in der ersten, sondern in der sechsten Generation führen. Ich muss nicht quartalsweise Rechenschaft ablegen, die Resultate über mehrere Jahre sind wichtiger. Das ergibt einen völlig anderen Blick auf das Ganze.

Ich habe vergangene Woche mit einem Mitarbeiter, der pensioniert wurde, über die Werte in unserem Unternehmen gesprochen. Er hat gesagt, grundsätzlich seien die heutigen Werte dieselben, die bereits vor 40 Jahren gültig waren. Sicher habe sich die Art und Weise der Zusammenarbeit verändert, doch die Grundwerte seien geblieben.

Rechnet sich Leadership in einem Unternehmen?

Führung ist vorwärtsgerichtet, hat immer die Ziele vor Augen. Wenn sich Führung nicht rechnet, ist sie gescheitert. Die Frage ist also eher: Rechnet sich wertorientierte Führung? Da sagen wir klar Ja. Ein Beispiel: Wir können einzelnen Spezialisten und Führungskräften aus wirtschaftlichen Gründen nur tiefere Löhne bezahlen, als diese beispielsweise bei den Staatsbetrieben erhalten würden. Das wissen die Mitarbeitenden. Nicht wenige sagen, was sie bei uns an Selbstständigkeit, Zusammenarbeit und Kultur hätten, sei für sie geldwerte Leistung.

Es gibt Hinweise, dass wir in Bezug auf das Engagement von Mitarbeitenden in schwierigen Zeiten gut dastehen. Beispielsweise 2009, als es um Kurzarbeit und deren Dauer ging. Im Mai/Juni 2009 haben wir nicht gewusst, ob womöglich für den ganzen Rest des Jahres Kurzarbeit nötig wird. In diesem Moment zu spüren, dass es – auch aufgrund der offenen Kommunikation – einen Ruck in der Belegschaft gab und die Mitarbeitenden sagten: Wir sind alle dabei, wir helfen mit. Und das ohne Aufruhr, Protest oder andere negative Reaktionen, ausser natürlich der Sorge um die kurzfristige Zukunft. Da fühlte ich die positive Firmenkultur im entscheidenden Moment. Und das ist etwas, was man nicht in eben diesem Moment aufbauen kann.

Und wenn wir pro Jahr über 300.000 Franken für die Einarbeitung neuer Mitarbeitender ausgeben, haben wir ein bedeutendes Interesse, dass niemand aussteigt, nur weil wir womöglich nicht gut führen und ihr oder ihm nicht den Spielraum geben, der nötig wäre.

Die Bedeutung werteorientierter Führung hat eine ähnliche Entwicklung wie die des ökologischen Denkens. Am Anfang waren es die Grünen mit ihren `komischen Läden´ und dem `Äpfeln, die nicht so schön aussehen´ – bis die Menschen begriffen haben, dass das Sinn macht. Heute ist ökologisches Verständnis im unternehmerischen Umfeld absolut gegeben, nicht nur aus Zwang. Ähnlich ist es mit den unternehmenskulturellen Fragen: Als mein Bruder und ich angefangen haben, hat es oft geheissen: Schwatzen wir jetzt oder arbeiten wir? Bis die Leute begriffen haben, was es bringt, sich auszutauschen; heute ist das natürlich selbstverständlich. Auch heute noch höre ich ausserhalb des Unternehmens: `Das ist Gutmenschentum, das rechnet sich nicht´ – das sind wirtschaftlich dumme Aussagen von Führungskräften, die nicht begriffen haben, dass wertorientierte Führung ein gesamtheitlicher Ansatz ist. Es ist ja längst klar, dass Mitarbeitende, die ihr Leben, ihre berufliche Tätigkeit möglichst umfassend beeinflussen können, weniger gestresst und wesentlich engagierter sind, eine deutlich bessere Leistung erbringen und kreativer arbeiten.

Was sind mögliche Hürden auf dem Weg zu einer guten Unternehmenskultur?

Zuerst müsste man definieren, was gute Unternehmenskultur ist. Wohl eine, die zu den Menschen im Unternehmen passt, eine die authentisch ist. Menschenzentrierte Unternehmensführung wird immer komplexer, weil man irgendwann ungemein vernetzt ist. Es kommen viele Sichtweisen zusammen, vor allem in Bezug auf das Menschsein, aber natürlich auf in Bezug auf sachliche und prozessuale Fragen. Die Arbeit mit sich selbst gibt viel zu tun und ist nie zu Ende. Da stolpern viele und ziehen sich zurück auf das für sie vermeintlich Machbare, das Sichtbare und das Rationale. Diese Einengung auf die Leistungsebene muss logischerweise zu kurz greifen. Wenn das ein junger Mensch macht, gehört es zu seiner Lernkurve zu begreifen, dass er auf der Sachebene nur als ganzer Mensch bestehen kann, wenn er die Beziehungsebene nicht vernachlässigt. Aber bei gestandenen Unternehmern und Geschäftsführern kann ich die Abkürzungen nur schwer nachvollziehen. Und es wird sich rächen. Daher: Die erste und wichtigste Hürde sind die Unternehmer selber. So wie mein Bruder und ich sind, so ist auch unser Unternehmen.

Ein Beispiel. Wir haben erlebt, was in der Finanzkrise mit den Banken geschehen ist, weil stets nur die ungeheuerlichen Gewinnerwartungen im Vordergrund standen. Nun ist mein Eindruck, dass trotz der Abgründe, die sich uns aufgetan haben, es genauso weitergeht wie vorher. Weshalb? Ich komme auf die Werte in unserem Unternehmen zurück. Ganz zentral für uns ist die Frage der Loyalität: Für was stehe ich ein und für was nicht? Ist der Mitarbeitende hier an Bord oder nicht? Es gibt nicht ein `Wenig-da-Sein´ oder ein `Wenig-nicht-da-Sein´, sondern nur die Entscheidung, ob oder ob nicht. Ich meine das nicht im Sinn von Selbstaufgabe, im Gegenteil, sondern im Idealfall als Entscheidung einer starken selbstständigen Persönlichkeit, die aus Überzeugung diese Arbeit macht.

Bei den Investmentbanken ist das Hauptproblem nicht, wie viel die Menschen verdienen. Das Problem der Loyalität ist wesentlicher. Da sind Finanzspezialisten, die definieren sich über das Geldverdienen – und zwar über viel Geldverdienen. Unsere Mitarbeiter definieren sich nicht über das Geldverdienen. Sie benötigen ihren Lohn, der natürlich wichtig zum Leben ist. Aber sie sind nicht alleine wegen des Lohnes hier und alles andere ist sekundär. Doch die Banker wechseln, weil es an einem anderen Ort einen besseren Deal gibt, so erklärt man uns immer wieder. Sie empfinden absolut keine Loyalität zu ihrem Arbeitgeber. Ihnen geht es nur darum, wo es mehr Geld gibt. Das ist Handeln auf dem Niveau eines Hilfsarbeiters, wie ich es in den USA erlebt habe. Die haben wegen 20 Cent mehr in der Stunde ihre Stelle gewechselt. Aber für sie waren 20 Cent existenziell wichtig. Bei den Finanzanalysten ist das sicher nicht der Fall. Und wenn solche Wechsel auf den Schlüsselpositionen eines Unternehmens geschehen, auf Positionen, die den wesentlichen Ertrag einspielen, ist das fatal und ein sehr grundsätzliches Problem.

Wie sind die Reaktionen auf Ihre Unternehmenskultur?

Wir stellen fest, dass immer mehr Leute in unserem Umfeld positiv darauf reagieren. Mitarbeitende, gerade auch jüngere, nehmen das allerdings zunehmend als selbstverständlich hin. Sie erwarten das gesamtheitliche Denken, sind stark vernetzt und sind bereit, mitzumachen und dazu beizutragen. Unsere Mitarbeitenden arbeiten lange bei uns. Unser Durchschnittsalter liegt bei 40 Jahren und die Verweildauer bei zehn Jahren, bei Schlüsselmitarbeitenden noch länger. Wir haben unter ihnen eine so geringe Fluktuation, dass es uns schon fast Sorge macht, weil wir ja auch Auffrischung und neue Gedanken brauchen. Das versuchen wir zu erreichen, indem wir die Jüngeren stärker als früher einbinden, sie mit ihren Ideen mitnehmen und die Erfahrungen der Älteren gleichzeitig nutzen. Die Fluktuation pendelt jedes Jahr zwischen zehn und vierzehn Prozent. Wenn sie hoch ist, hat das häufig damit zu tun, dass wir mehr Pensionierungen als üblich haben und wir die Lernenden nicht übernehmen können. Wir bilden pro Jahr etwa sechs bis sieben Lernende aus.

Gibt es womöglich eine negative Seite?

Vielleicht weniger negative Seiten als Gefahren, vorab die, dass wertorientierte Führung noch bei weitem kein Garant für unternehmerischen Erfolg ist. Sie ist ein Aspekt der Unternehmensgestaltung, sie ist nicht Strategie, sondern bedeutsam bei der Strategieumsetzung. Sie hilft, strategische Fehlentwicklungen zu vermeiden, kann uns davor aber nicht schützen. Die grossen Herausforderungen unserer Zeit treffen uns genau gleich wie alle anderen, auch wir kochen nur mit Wasser.

Es eine weitere Gefahr, mit der wir leben müssen. Wir sind anfällig dafür, dass jemand unser Verständnis für Zusammenarbeit ausnutzt, sei es gezielt in einer Art Bösartigkeit, was sehr, sehr selten vorkommt, oder sei es unbewusst. Das merken wir eher spät, weil wir einerseits die hohe Selbstständigkeit des Einzelnen fördern ohne ihn dauernd zu kontrollieren, und anderseits einfach nicht damit rechnen, dass jemand unser Zusammenarbeitsverständnis nicht teilt. Wir sind an diesem Punkt wohl eher zu nachgiebig und schauen zu spät hin; doch wenn wir merken, dass uns jemand ausnutzt, handeln wir sehr schnell sehr konsequent.

Wie gehen Sie damit um?

Durch die Kommunikation und das Vorleben unserer Unternehmenskultur erreichen wir, dass deren Missbrauch sich auf sehr wenige Einzelfälle reduziert. Und diese negativen Momente werden durch die positiven deutlich aufgewogen.

Man kann Ihre Frage auch im Allgemeinen beantworten: In schwierigen Situationen hilft das Zusammensein und zusammen Wirken. Wir führen seit je in einer breiten Geschäftsleitung. Niemand ist allein, sondern jeder kann sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen offen austauschen, auch mit den Mitgliedern der Arbeitnehmervertretung. Mit vielfältiger inner- und ausserbetrieblicher Unterstützung können wir unseren Mitarbeitenden auch bei persönlichen Schwierigkeiten helfen.

Für mich persönlich ist eine gesunde Familienstruktur wichtig. Ich habe eine Frau, die meine Arbeit unterstützt, eine Familie, die mich mitträgt. Dass meine Frau selber berufstätig ist, bereichert meinen Erlebnishorizont und hilft mir, dass in der Familie nicht nur unser Unternehmen ein berufliches Gesprächsthema ist. Und wir achten darauf, die Lebensbalance zu halten. In meiner Freizeit müssen entspannende Momente und Tätigkeiten gegenüber der enorm herausfordernden Arbeit im Unternehmen genügend Raum finden. Das ist wichtig und wir wachen recht intensiv auch bei unseren Mitarbeitenden darüber, dass sie zu genügend Ruhe und Ausgleich kommen, soweit wir dies beeinflussen können.

Wie stellen Sie sicher, dass Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter mit Personalverantwortung die Unternehmenskultur umsetzen?

Wir haben den Dreisatz: Werte, Ziele und Umsetzung. Führungsarbeit verlangt nach gemeinsamen Zielen. Wenn man sich da einig ist, ist viel erreicht. Aber die Zielerreichung ist langfristig nur auf einer gemeinsamen Wertebasis möglich. Auch danach suchen wir die Leute aus. In der Geschäftsleitung ist niemand, von dem ich nicht genau weiss, dass er oder sie auf der gleichen Wertebene wie mein Bruder und ich ist. Das verstehe ich nicht missionarisch, denn jeder Mensch prägt auf seine Weise seine Arbeit, und Vielfalt hat im vorgegebenen Rahmen Platz. Am Anfang steht allerdings die Übereinstimmung, dass der andere die grundsätzlichen Werte wie Respekt, Vertrauenskultur, Selbstständigkeit und Eigenständigkeit teilt. Das hinterfragt niemand grundsätzlich, vielmehr wird immer wieder überprüft, ob wir wirklich auf Kurs sind: `Handeln wir entsprechend unseren Grundsätzen oder nicht? Das schriftliche Festhalten von Grundsätzen ist wichtig, denn ausformulierte Sätze verhindern Missverständnisse. Wir verlangen von den Abteilungsleitenden das Darstellen ihres `Spielfeldes´: Sie müssen ihrem Team die Eckpunkte der Zusammenarbeit klar machen, das was ihnen wichtig ist, was verhandelbar und was unverhandelbar ist. Die Teammitglieder erarbeiten dann im Rahmen dieser Eckpunkt die gemeinsam Teamregeln. Das ist ein Vorgehen, mit denen die Menschen im Unternehmen eingebunden werden können. Wenn jemand die Teamregeln unterschreibt, kann er nicht am nächsten Tag sagen, dass ihn das nichts angehe.

Merken Sie eine Veränderung in der neuen Generation von Führungskräften? 

Ja, ich glaube schon, dass die Jüngeren, die unter 30- bis 35- Jährigen, mit anderen Vorstellungen als die Älteren, also Menschen meines Alters, im Unternehmen arbeiten. Sie haben einen Anspruch an eine eigenständige, gesamtheitliche Tätigkeit und sind bereit dafür einzustehen. Die Art und Weise, wie wir hier zusammenarbeiten, ist für sie selbstverständlich in einem guten Sinn. Sie erwarten das. Spannend an ihrer Kommunikation finde ich, dass sie völlig anders vernetzt sind. Das Selbstverständnis, sich zu vernetzten, wirkt schon fast genetisch verankert. Das ist neu und unglaublich faszinierend. Ich sehe es auch an unseren Kindern, die sich über jedes Thema – banale oder wichtige – mit zahlreichen Menschen auf vielen unterschiedlichen Kanälen austauschen und zwar in `real time´. Und so kommen die Jüngeren entsprechend auch mit dem Selbstverständnis, ihr Umfeld rasch einzubeziehen. Ich habe auf keinen Fall ein Bild von jungen Leuten, die nur fordern und nicht bereit sind zu geben, im Gegenteil, ich erlebe eine junge Generation, die bereit ist, mehr zu leisten als meine Generation in diesem Alter.

Was sagen Sie zum Thema Unternehmenskultur und Wertefrage? 

Ein wichtiges Thema. Unternehmenskultur und Werte lassen sich nicht trennen, jede Kultur hat ihre Werte, fragt sich einfach welche. Ich gebe bei uns zwei Mal jährlich einen freiwilligen Kurs an einem Samstagmorgen zu Persönlichkeitsschulung und Bewusstseinssteigerung. Inzwischen sind um die Hundert Mitarbeitende freiwillig gekommen, manche sogar mehrfach. Ich spüre bei einigen den fast schon drängenden Wunsch, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen und sich unter Kolleginnen und Kollegen austauschen zu können. Wir behandeln Themen, die die Menschen beschäftigen. Bei einzelnen Mitarbeitenden haben die Diskussionen viel ausgelöst. Eine Frau mit Kindern meinte, sie habe im Kurs realisiert, dass sie auch in der Familie den Wertefragen mehr Gewicht geben müsse. Meine Fragen im Kurs waren: Warum bin ich eigentlich hier im Unternehmen? Was will ich in meinem Leben? Ist das der richtige Ort? Stimmt das hier? Denn wir wollen niemanden mitnehmen, der irgendwann erkennt, es stimmt hier nicht mehr, aber das hätte er bereits vor zehn Jahren merken können. Zwei Mitarbeitende haben sich aufgrund dieser Fragen neu orientiert und den Beruf gewechselt.

In diesen Kursen spüre ich den Wunsch nach der Sicht auf das Ganze im Leben. Nicht wie mir ein ehemaliger Mitarbeiter einmal gesagt hat: Ich bin ein privater Mensch einerseits und ich bin ein Berufsmensch andererseits und beides hat miteinander nichts zu tun. Wir sprechen deshalb nicht gerne von `Work-Life-Balance´. Für uns geht es nicht darum, die Arbeit und das Leben in Einklang zu bringen, sondern das Leben in seiner Vielfältigkeit, also `Life-Balance´. Die Arbeit und das private Leben – Hobbys, Familie, Freunde, persönliche Weiterentwicklung – sind untrennbare Teile des Lebens. Wenn wir als Gesellschaft und auch als Unternehmen diese gesamtheitliche Sicht nicht einnehmen, dann wird es einfach nur teuer und nicht selten öffnen sich menschliche Abgründe.

Stellen Sie mit zunehmendem Alter Veränderungen in ihrem Führungsstil fest?

Die grössere Erfahrung sorgt für eine gewisse Ruhe. Sicher bin ich heute konsequenter und mit der Zeit haben sich die Werte noch präziser herauskristallisiert. Menschen kann ich besser einschätzen, da bin ich früher eindeutig unsicherer gewesen. Heute muss ich aufpassen, dass mit zunehmendem Alter meine Eckwerte nicht verkrusten, sondern ich sie immer wieder hinterfrage und erneuere. Wir haben 1996 in einem schwierigen Jahr das ganze Unternehmen umgekrempelt. Da ist es mir weniger gelungen, innerlich zurückzustehen und am Abend abschalten zu können. Das kann ich nun besser. Jeweils den positiven entspannenden Moment geniessen, jetzt, in der Gegenwart und auch im Kleinen, im Bewusstsein, dass das, was ich heute geniesse, die Kraft für die Anstrengung von morgen ist. Den glücklichen Moment als solchen zu nehmen und ihn nicht durch einen anderen Gedanken zu verdrängen.

Was macht eine gute Führungskraft aus?

Eine gute Führungskraft arbeitet resultatorientiert, macht klar, was sie erwartet, lässt genug Spielraum, dass die Einzelnen als Menschen und Fachspezialisten bestehen können und nicht nur Arbeitskräfte sind. Sie ist Vorbild, indem sie die Regeln, die sie aufstellt, selbst einhält. Sie ist authentisch. Sie kann Fehler zugeben, wenn etwas schief gegangen ist; der Umgang mit Fehlern, das Nicht-vollkommen-Sein, das Rechnen damit, dass Sachen nicht gelingen können, ist ein besonders wichtiger Punkt. Dabei steht die Arbeit mit sich selber an erster Stelle: Fragen der Bewusstseinsbildung, die eigenen Ziele kennen, die ganz privaten wie auch die beruflichen und damit auch die Ziele zu kennen, die die Führungskraft mit den Mitarbeitenden im Unternehmen erreichen will. Die gute Führungskraft scheut es nie, an sich selber zu arbeiten, sich selber zu führen.

Was sind die Sonnen- und Schattenseiten als Führungskraft?

Das Schöne ist sicher, gemeinsam mit vielen Menschen vorwärts zu gehen. Mir ist es selbstverständlich, dass ich am Morgen nicht dauernd überlegen muss, ob der eine oder die andere jetzt wirklich an unserem gemeinsamen Ziel arbeitet. Ich weiss, dass alle an Bord sind und in dieselbe Richtung wollen. Einander in die Hand zu arbeiten und zu vertrauen, ist mir sehr wichtig. Das Entscheidende ist dabei, gemeinsam das Ziel erreichen zu können.

Das Negative sind die Sorgen mit einzelnen Mitarbeitenden. Wenn es schwierig wird, weil jemand gesundheitliche Probleme hat, oder wenn man aufgrund unternehmerischer Veränderungen Menschen entlassen muss. Das ist enorm belastend. Trennungen sind generell schwierig, Kündigungen besonders. Auf Momente wie die Kurzarbeit, die wir vor zwei Jahren erlebt haben, kann ich gerne verzichten. Allgemein kann ich sagen: Die Sorge um die Arbeitsplätze in einer unsicheren Zeit, wie wir sie seit einiger Zeit in unserer im totalen Umbruch befindlichen Branche erleben – die Sorge um die Arbeitsplätze ist die am meisten belastende.

Sie engagieren sich im Bereich Kunst und Gesellschaft, waren Präsident der Kunsthalle Bern und sind im Verein „Bern neu gründen“ aktiv. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Führung und Ihrem bürgerlichen Engagement?

Ja, einen direkten. Es macht mich mindestens misstrauisch, wenn ich sehe, dass Führungskräfte nur in einem Unternehmen arbeiten und vielleicht noch mal zu Hause mit der Familie etwas machen, aber sonst nichts. Ich bin überzeugt, die Freiwilligentätigkeit – egal wo – öffnet Horizonte, zeigt andere Sichtweisen, ermöglicht ein Leben ausserhalb der eigenen Begrenzungen. Bei den langfristig erfolgreichen Unternehmern, die ich kenne, machen die meisten noch irgendetwas nebenbei. Zum Teil machen sie ganz merkwürdige, exotische Sachen, aber sie haben irgendein Thema, für das sie sich engagieren, viele tun dies für das Gemeinwesen.

Ich engagiere mich absichtlich auch ausserhalb meines Berufs. Ich bin jetzt seit bald 23 Jahren in diesem Unternehmen. Ich habe hier zusammen mit meinem Bruder in der Absicht angefangen, dass wir das als Unternehmer auf Lebenszeit machen. So kann ich nicht für ein paar Jahre in ein anderes Unternehmen wechseln und mir Auffrischung und Horizonterweiterungen holen, um dann wieder zurückzukommen. Die Horizonterweiterungen muss ich woanders finden. Viele Jahre war ich in der Jugendarbeit aktiv, dann habe ich mich für die Kunsthalle Bern engagiert. Dabei habe ich Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebensbereichen kennengelernt, was enorm bereichernd war und ist. Ja, und dann öffnen mir unsere Kinder mit ihrer frischen Denkweise oft die Augen. Das alles weckt Verständnis für andere Denk- und Lebensweisen – für mich ist das unabdingbar, um mich persönlich hinterfragen und weiterbringen zu können. Denn schlussendlich bin ich nicht Unternehmer, sondern ein ganzer Mensch.

 

 

 

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