Das Interview dreht sich unter anderem um die Frage, weshalb wir uns als Führungskraft mit Social Media beschäftigen müssen.
Interview vom 17. November 2014, 1130
Das Interview dreht sich unter anderem um die Frage, weshalb wir uns als Führungskraft mit Social Media beschäftigen müssen.
Interview vom 17. November 2014, 1130
Es braucht keine Frauenförderung. Und auch keine Quoten und Systeme, die die Gleichstellung im Unternehmen messen. Es braucht ein anderes Menschenbild als heute üblich. Es gilt, den Menschen auf gleicher Augenhöhe, als grundsätzlich gleichwertig, zu begegnen. Unternehmen, die so denken, werden sich nicht mit Fragen des Geschlechts, des Alters und der Herkunft aufhalten, sondern die bestmöglichen Mitarbeitenden anstellen und auf eine Durchmischung unterschiedlicher Charaktere und Erfahrungen achten. Der Frauenanteil wird in dem Masse steigen, in dem sich geeignete Frauen melden.
Dieses Menschenbild umfasst, Mitarbeitende als ganze Menschen und nicht nur als Arbeitskräfte zu sehen, also die Stärken, Schwächen, die private Situation und den Willen der Einzelnen in der Führungsarbeit zu integrieren. In einem solchen Gefüge werden Mütter und Väter die Organisation und Flexibilität finden, mit der sie die familiären und beruflichen Ansprüche unter einen Hut bringen können. Das verlangt aber nach zwei weiteren Voraussetzungen.
Erstens. Frauen, die ihrem Beruf nachgehen, benötigen Partner, die ihren Anteil an Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen. Frauen sollten sich nicht darüber beklagen, dass nur sie in der Nacht aufstehen und den Haushalt schmeissen müssen. Die Arbeitsteilung kann man lange vor der ersten Schwangerschaft besprechen, gleichberechtigtes Haushalten kann eingefordert werden. Und viele Frauen könnten ihren Partnern mehr zutrauen.
Das Problem liegt nun darin, dass Frauen sich immer überlegen müssen, wie sich ihr Leben mit Kindern verändert und wie sie sich zu organisieren haben. Männer können sich das überlegen, müssen aber nicht. Wenn aber ein Mann auch nur für fünf Minuten die Bedürfnisse seiner Partnerin ernst nimmt, wird er sich die gemeinsame Zukunft mit Kindern nicht nur überlegen, sondern einen aktiven Beitrag zur gleichberechtigten Lebensgestaltung leisten. Gleichstellung beginnt zu Hause.
Zweitens. Unternehmen haben Ansprüche an die Einsatzfähigkeit von Mitarbeitenden. Wer eine herausfordernde Tätigkeit ausüben und sich beruflich weiterentwickeln will, tut gut daran, mindestens 60%, besser 80% zu arbeiten. Flexibilität ist unabdingbar und muss auch zu Hause aufgefangen werden können. Wer dies nicht organisieren will oder kann, muss die Ambitionen zumindest vorübergehend zurückschrauben. Andererseits: Auch Väter, gerade gut ausgebildete, verlangen zunehmend nach höherem Spielraum für Familienzeit. Unternehmen müssen mehr Teilzeitstellen zur Verfügung stellen und Heimarbeit ermöglichen. Leute, die meinen, Teilzeiter seien keine richtigen Männer, sind Exoten in einer bunten Welt.
Unternehmen haben ein fundamentales Interesse am Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden. Wenn diese Beruf und Privates nicht unter einen Hut kriegen, werden sie weniger leisten als die, die durch ein intaktes Privatleben gestärkt an die Arbeit kommen – und umgekehrt. Auch deshalb ermöglichen wir in der Stämpfli Gruppe seit 20 Jahren Teilzeit für Führungskräfte. Dazu braucht es ein Verständnis für ihre Lebenssituation, z.B. dass sie später zur Arbeit kommen, weil ein krankes Kind zuerst versorgt werden muss. Das hat mit Frauenförderung nichts zu tun – das ist gesunder Menschenverstand und das Anerkennen dessen, dass Mitarbeitende nur dann gut arbeiten, wenn ihr Leben gut organisiert ist.
Erschienen als Kolumne in der Berner Zeitung, 8. November 2014
Seit Jahren liefern sich der Kanton Bern und Zürich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Spitzenplatz als Schweizer Industriekanton.In beiden Kantonen arbeiten je rund 90‘000 Personen im 2. Sektor. Es ist aber nicht die geographische und demografische Grösse, welche Bern zur Toprangierung verhilft.
Der Nord-Süd-Gürtel zwischen Biel, der Uhrenstadt am Jurafuss, über Bern nach Thun ist seit vielen Jahrzehnten geprägt von der industriellen Produktion. Die oft exportorientiert arbeitenden Unternehmen bieten im industriellen Bereich High-Tech-Leistungen an: Marken wie Omega, Rolex, Longines und Swatch geniessen Weltruf. Aber auch zahlreiche KMU stellen innerhalb einer bestimmten Nische technische Spitzenprodukte her. Man befruchtet sich gegenseitig, weil das aus der Uhrmacherkunst hervorgegangene technische Know-how heute zunehmend auch Unternehmen in den Bereichen Medizinaltechnik, Telekommunikation und Informatik sowie in der Präzisions- und Maschinenindustrie befruchtet.
Bern lässt aufhorchen
Der wegen seinen Gesamtbezügen aus dem Nationalen Finanzausgleich oft kritisierte Kanton Bern liess im Mai dieses Jahres aufhorchen, als der australische Biotechnologiekonzern CSL Behring bekannt gab, dass er in Lengnau bei Biel eine neue Produktionsanlage bauen wird.
Das Ausmass der neuen Anlage ist im innerschweizerischen Vergleich in der Tat imposant: Auf dem über 120‘000 m2 umfassenden Grundstück, das die Firma im Baurecht erwirbt, werden in den kommenden Jahren mehrere hundert Millionen Franken in den Bau einer Produktionsanlage investiert, so dass voraussichtlich ab 2019 hunderte von Arbeitskräften auf der Basis einer komplett neuen Technologie drei sogenannt «rekombinante» Gerinnungsfaktoren herstellen werden. CSL hat das Grundstück bezüglich seiner Grösse so gewählt, dass der Standort in mehreren Etappen weiter ausgebaut werden kann.
Das ist ein grosser Erfolg für den Standort Bern, ein Beweis für das ausbaufähige wirtschaftliche Potenzial und damit eine klare Ansage an seine Kritiker im Rahmen des Nationalen Finanzausgleichs: Industrielle Ansiedelungen in der Schweiz stellen heute zunehmend eine Ausnahme dar. Natürlich haben viele Schweizer Firmen im Industriebereich in den letzten Jahren ausgebaut. Doch gleichzeitig haben viele von ihnen eine stolze Zahl von Arbeitsplätzen sukzessive in Länder transferiert, wo die Löhne tief sind, Landflächen zu günstigen Preisen zur Verfügung stehen und – das ist jedenfalls meine Annahme – sich Steuerfragen unkompliziert regeln lassen.
Warum Bern?
Damit stellt sich natürlich die Frage, warum der Verwaltungsrat des CSL-Konzerns im fernen Aust-ralien sich dafür entscheidet, solch grosse Ausbaupläne nicht nur in der Schweiz, sondern sogar auf Berner Boden umzusetzen? Zufällig sei es nicht gewesen, bestätigt mir Uwe E. Jocham, Direktionspräsident der CSL Behring AG. Die Firma habe in der Vorselektion insgesamt 45 mögliche Standorte angeschaut. Die Tatsache, dass die neue Produktionsstätte nur 35 km vom bestehenden Standort in der Stadt Bern gebaut werden kann, hat in der Planung geholfen. So hat CSL Behring in den letzten zehn Jahren in der Hauptstadt mehr als 300 Mio. Franken für Kapazitätserweiterungen am Standort sowie für das Herstellen neuer, innovativer Produkte investiert.
Im Gespräch von Unternehmer zu Unternehmer zeigt Uwe E. Jocham aber andere, mindestens ebenso wichtige Gründe für den Entscheid des CSL VR auf: So hat auch der direkte Kontakt mit und das starke Engagement der Behörden – Bundesrat, Regierungsrat, Gemeinde, Burgergemein-de und Standortförderung – wesentlich zum Entscheid der Firma beigetragen, die Schweiz als neuen Produktionsort zu wählen und damit die Standort-Konkurrenz aus Fernost auf die Ehrenplätze zu verweisen. Die Möglichkeit, sich direkt und unkompliziert mit den politischen Verantwortungsträgern auszutauschen und zu spüren, dass die Ausbaupläne willkommen sind, habe insbesondere auch die Mitglieder des Verwaltungsrats stark beeindruckt. Natürlich hatte die Schweiz auch andere Trümpfe in der Hand, um die Konkurrenz auszustechen. Geholfen hätten unter anderem das hohe Bildungsniveau, die gute Erschliessung und die stabilen politischen Verhältnisse. Einzig das Ja des Stimmvolks zur Zuwanderungsinitiative habe im Februar 2014 bei den Entscheidungsträgern einen kurzen Moment Verunsicherung ausgelöst. Aber auch in dieser Phase habe der direkte Kontakt zur Politik klärend gewirkt.
Verlockung aus dem Osten
In meiner operativen Verantwortung für ein mittelgrosses, in der Stadt Bern tätiges Verlagshaus kann ich nur bestätigen, wie wichtig es ist, offene Türen in Politik und Verwaltung vorzufinden. Und zwar nicht, um sich in gegenseitiger Abhängigkeiten Gefälligkeiten zu erweisen, sondern im echten Bemühen aller Beteiligter, ein Industrieausbauprojekt zügig und korrekt umzusetzen mit dem Ziel, ab der Inbetriebnahme des Werks möglichst rentable, aber auch sozialverträgliche und umweltge-rechte Wertschöpfung zu schaffen.
Der Entscheid von CSL Behring hat mir bestätigt, dass der Kanton Bern nicht nur für die staatsnahen Betriebe wie SBB, Post und Swisscom, sondern auch für die Privatindustrie einen attraktiven Standort bietet. In Zeiten, in den viele westeuropäische Firmen der Verlockung von Produktionsauslagerungen nach Osteuropa oder noch weiter nach Osten nicht oder zumindest nur teilweise widerstehen können, schafft ein ausländisches Unternehmen mehrere Hundert Arbeitsplätze mitten in der Hochpreisinsel. Und es schafft nicht primär gut bezahlte Stellen für das obere Management in Holdingfirmen, auch keine Traderjobs in der Rohstoffbranche und ebenfalls keine Stellen in der Vermögensberatung. Stattdessen schafft das Unternehmen Arbeit im industriellen Bereich, wo Reagenzglas, Zentrifuge und Verpackungsroboter dominieren – und weniger das Auf und Ab der Börsenkurse.
Nicht einseitig die Dienstleistungsbranche fördern
Ich will damit nicht sagen, dass in den hier erwähnten Tätigkeiten keine Wertschöpfung erzielt würde, je nach Geschäftsgang ist dies sogar eine sehr hohe. Aber unser Land darf auch im 21. Jahrhundert nicht nur Jobs in der Dienstleistungsbranche schaffen. Wir brauchen weiterhin einen starken Industriesektor, der sich weiter entwickelt und der sich dank Innovation und Effizienz auch international durchsetzt. Es wäre bedauerlich, wenn die Welt künftig auf die vielen, in den letzten hundert Jahren in der Schweiz entwickelten Erfindungen verzichten müsste, weil die Dienstleistungsbranche einseitig gefördert wird. Damit sich der Industriebereich auch künftig weiter entwickeln kann, braucht es neben der oben erwähnten Zugänglichkeit auch ein intensives Bestreben der Behörden, die Ausbildung im Bereich der technischen Berufe weiter voranzutreiben. Ein Industrieanteil von 20 Prozent sollte für unsere Volkswirtschaft der Richtwert sein, damit das Erfolgsmodell Schweiz weiter geht.
Als Präsident der Unternehmerinitiative «Fokus Bern», die sich zum Ziel setzt, Bern als Standort zu stärken und den Kanton vorwärts zu bringen, habe ich mich riesig über den Entscheid von CSL gefreut, in Lengnau neue Produktionskapazitäten aufzubauen. Es stärkt mich in der Überzeugung, dass es uns im Kanton gelingen wird, in den kommenden Jahren noch mehr Industrie anzusiedeln. «Bern rückt in das Zentrum des Interesses», hat die Berner Zeitung vor kurzem getitelt, weil ver-schiedene amerikanische Firmen das Verlegen von Firmensitzen nicht nur nach Zug, Genf und Waadt, sondern in den Kanton Bern ins Auge fassen. Zusammen mit der CSL-Ansiedelung stärkt dies das Ressourcenpotenzial des Kantons.
Die Zunahme der Ressourcenstärke verringert die Abhängigkeit Kantons Bern von den Zahlungen aus dem nationalen Finanzausgleich, eine Entwicklung zum Wohl der anderen Kantone. Zürich wird es als Geberkanton innerhalb des Finanzausgleichs darum bestimmt gern verkraften, wenn Bern dank der Stärkung des zweiten Sektors künftig alleiniger Spitzenreiter bei der Zahl der angebotenen Industriearbeitsplätze wird.
Dies liegt meiner Ansicht nach ganz auf der Linie der politischen Ausrichtung des Kantons Bern: Die eigene Finanzkraft zu verbessern und auf der Liste der Empfängerkantone dank tieferen Aus-gleichsbeträgen nach oben zu rücken, damit er seine Aufgaben autonom, bürgernah und weniger abhängig von gegenseitigen Verflechtungen und Finanzflüssen wahrnehmen kann.
Erschienen in PRIVATE. http://www.private.ch
In Bewegung heisst für mich vorab, geistig in Bewegung sein. Doch angesichts der politischen Diskussionen muss bezweifelt werden, ob dies alle so sehen.
Als Vorwort erschienen in „Die Marginalie“, Hauszeitschrift der Stämpfli Gruppe Bern, Nr. 3/2014. http://www.staempfli-publikationen.ch/fileadmin/Redaktoren/Marginalie/PDF/Marginalie_3_2014.pdf
Es ist eine Binsenwahrheit, dass alles in Bewegung ist, und viele Menschen empfinden dies als zunehmend stressig. Die rasante Technologieentwicklung und die damit verbundenen Möglichkeiten treiben uns vor sich her. Das gilt auch für unser politisches System. Natürlich sind die wesentlichen Elemente des Staates stabil, wie die Parlamente, die Regierung und die Gerichte. Doch es ändern sich die Einflussnahme der Behörden auf das Alltagsleben und die Freiheitsgrade der Bevölkerung. Überhaupt, Geschichte bleibt nie stehen, auch wenn wir dieses Gefühl haben. Die politisch stabile Situation der Schweiz ist nicht auf Jahrzehnte hinaus garantiert, immer wieder gilt es, in die Freiheit, das Zusammenwirken und Zusammenleben zu investieren. Gerade Freiheit will stets neu errungen sein, wer stehen bleibt, gibt sie auf. Wer sich abschottet, tut das gleiche. Freiheit ist immer in Abhängigkeit von anderen zu definieren; indem andere ausgegrenzt werden, schmälert man seine eigenen Freiheitsgrade. Auf andere zugehen und dabei die eigenen Werte bewahren eröffnet hingegen neue Horizonte.
In Bewegung sein bedeutet für manche, sich sportlich zu betätigen, unterwegs zu sein. Das ist für den Ausgleich sicher bedeutsam. Bedeutsamer aber ist es, geistig in Bewegung zu bleiben. Für viele jedoch darf Bewegung nicht sein, weil sonst ihre sorgfältig gepflegten Vorurteile ins Wanken kommen. Bei weitem nicht nur in der Politik wird an Fakten vorbei argumentiert, auf Ideologien gepocht und, koste es, was es wolle, die eigene Meinungen anderen aufgedrängt.
Wer blind an seiner Überzeugung festhält, wird früher oder später stolpern und enttäuscht werden. Das gilt für Einzelpersonen wie auch Parteien und ganze Bevölkerungsgruppen. Mich in Frage stellen, ohne mich dabei aufzugeben, andere Meinungen nicht ausblenden, sondern anhören und werten, lernen und nicht Vorurteile pflegen, kurz, ein Leben lang geistig in Bewegung bleiben können, das hoffe ich für mich.
Die SVP Schweiz steuert immer weiter nach rechts. Werden ihre Vorschläge umgesetzt, wird die Schweiz Schritt für Schritt demontiert. Plumpe Nazi-Vorwürfen sind nicht hilfreich, dem zu begegnen.
Immer wieder wird der Nazi-Vorwurf erhoben. So beschuldigt BDP-Präsident Martin Landolt die von Toni Brunner (SVP) gesteuerte Politik als «braun». Er nahm dabei Bezug auf die angekündigte Asyl-Initiative und meinte, soweit dies aus der Medienberichterstattung herauszulesen ist, eine rechtsextreme Politik. Aus «braun» wurde bei Brunner «Nazi», wobei Landolt scheinbar nicht abstreitet, dass dies so gemeint war.
Der Nazi-Vorwurf ist falsch und gefährlich. Das Ausmass dessen, was die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler vertraten und umgesetzt haben, ist so ungeheuerlich, dass ein Vergleich mit der SVP die grauenhafte Bedeutung der Nazi verwässert. Zu rasch werden heute die Vergleiche «Hitler», «Goebbels» oder pauschal «Nazi» herangezogen, was entweder auf schlechte Geschichtskenntnisse hinweist oder aber eine zu saloppe und dümmliche Art ist, mit dem politischen Gegner umzugehen.
Die durch das Politbüro «Blocher Brunner Amstutz Mörgeli» geführte SVP Schweiz tut allerdings einiges dazu, sich in der Ecke rechts aussen bzw. in der rechtsextremen Ecke wiederzufinden. Einzelne Vorstösse und Aussagen schrammen gekonnt die Grenzen, sodass Aussagen wie diejenige von Landolt provoziert werden. Sie lösen bei den einen Anerkennung, bei anderen Verwirrung und Empörung aus. Das ist gewollt und das müsste nicht nur Landolt zur Kenntnis nehmen, um der professionellen, unserem Land unwürdigen Gangart des SVP-Politbüros intelligenter und wirksamer zu begegnen.
Die SVP Schweiz holt einmal mehr diejenigen ab, die durch die schnellen und grundsätzlichen Veränderungen in der Schweiz verunsichert sind oder die ihre an sich fremdenfeindliche Gesinnung ausleben wollen. Exemplarisch dafür steht ein Kommentator, der auf Blick online schreibt: «Wer die ISIs übersieht, übersieht Alles. Sie stehen bald vor der Haustüre, einige wohl schon im Lande. Da braucht es leider SVP, da braucht es eine Schutzpolitik, Militär und Sicherheitssysteme die funktionieren. Alles Andere ist Beilage.» So einfach empfinden nicht wenige, und die SVP bedient sie geschickt.
Für Toni Brunner liegt eine FDP, die keine Listenverbindung mit der SVP eingehen will, mit den Sozis im Bett. Wer nicht SVP denkt, denkt sozialistisch. Vor diesem intellektuell beschränkten ideologischen Hintergrund ist die Aktion der Jungen SVP besonders verstörend: Sie hat eine Website geschaltet, auf der linke Lehrerinnen und Lehrer gemeldet werden können. Mit «Freie Schulen jetzt – stopp politischer Indoktrination» ist die «linke» Indoktrination gemeint. Nur die linke. Was aber «links» ist, macht eben Toni Brunner deutlich: alle, die links der SVP politisieren.
Doch nicht alle in der SVP denken so, nicht alle finden den offiziellen Kurs richtig. Gerade im Kanton Bern treffe ich auf umsichtigere SVP-Politiker, für die Zusammenarbeit noch immer ein Grundpfeiler des politischen Systems ist. Sie sind vielleicht konservativ, aber weit weg von rechtsradikalen Äusserungen und Ansichten. Es ist zu hoffen, dass sie sich in der SVP Schweiz Gehör verschaffen wollen, um sich auch morgen noch im Spiegel anschauen zu können. Und zu hoffen ist, dass die anderen Parteien erwachen und der SVP auf gleicher professioneller Augenhöhe begegnen. Sonst sind sie nur Zuträger für eine Rechtsaussenpartei, die Schritt für Schritt die Grundlagen unserer Demokratie und unsere freiheitlichen Werte demontiert. Plumpe Nazi-Vorwürfe reichen gegen die Ernsthaftigkeit der SVP nicht aus.
Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung am 06.09.2014.Die FIFA unter ständigem Korruptionsverdacht
Am 6. August hat SRG-Ombudsmann Achille Casanova eine Beschwerde teilweise gutgeheissen. Von der Fifa produzierte Beiträge mit reinem PR-Charakter müsste als solche deklariert werden. SRF bat Daniel Eckmann für den Newsletter vom 3.9. um einen Kommentar. Achille Casanova hat seiner Meinung nach absolut richtig entschieden. Mehr noch – aber man lese selber…
Wer sagt, im Weltfussball laufe es wie geschmiert, hat Recht! Der Hang der Fifa zu Kartellen, Korruption und diktatorischem Gehabe ist legendär. Das macht auch nicht vor Manipulation und Zensur halt. So war die Fifa an der WM in Brasilien mit 36 eigenen Kamerateams
unterwegs, schottete journalistisch wichtige Zugänge ab und bestimmte die Regie. Gezeigt wurde, was gezeigt werden wollte. Unpassendes wurde weggeblendet. Das Publikum soll Jubel sehen. Werbekunden und Sponsoren erhalten ein keimfreies Set. Da ist SRG-Ombudsmann Achille Casanova zuzustimmen, wenn er festhält, dass Fifa-Produkte als solche deklariert werden müssen. Und SRF-Sportchef Urs Leutert ist zuzustimmen, wenn er warnt, dass „der Trend zur totalen Kontrolle einen problematischen Punkt“ erreicht hat. Die Fifa bestimmt die Inhalte, legt die Regeln fest und foutiert sich um die Medienfreiheit. Im Käuflichen sieht der Verband das Weltmännische, in der Zensur das Logische und im Journalistischen das Lästige. Erstaunlich, dass es im grossen Netz der globalen Rechtsregeln den Ombudsmann eines kleinen Landes braucht, damit wenigstens jemand aufmuckt.
Es braucht wenig Phantasie, um herauszufinden wie die Fifa dazu kommt, Weltmeisterschaften in die Sandwüste nach Katar zu vergeben und warum Putin nach den olympischen Spielen nun auch noch zu einer Fussball-WM kommt. Erst noch berichtete die NZZ unter dem Titel „Die Fifa und die Korruption“, dass in den letzten drei Jahren ein Drittel der Mitglieder des Exekutivkomitees ihre Sessel im Schatten trüber Affären habe räumen müssen. Passiert ist ihnen nichts. Und für was wohl hat der Fifa-Präsident innert Kürze seinen praktisch frei verfügbaren finanziellen Honigtopf von 14 auf 800 Millionen verfünfzigfacht? Das frage nicht ich, das haben Medien recherchiert. Kurz: Das präsentierte Set mag keimfrei sein, das weite Vorfeld ist es nicht. Und kaum ertönt der Ruf, die nächste WM nicht just in Russland zu machen, schallt es zurück, Sport und Politik hätten nichts miteinander zu tun. Für wie blöd hält uns Sepp Blatter eigentlich? Wie wenn Putin sportliche Spiele auch nur für einen einzigen nicht-politischen Zweck ins Land holte.
Weil hier von einem Fifa-Fall die Rede ist, sei gesagt, dass das Internationale Olympische Komitee um nichts besser ist. Und dass sich unser politisches Spitzenpersonal kleinmütig versteckt, wenn es gälte, endlich Flagge zu zeigen (es sei denn, man könne sich für einmal im Schwenkbereich der Kameras im Medaillenglanz sonnen). Noch immer kennt die Schweiz keine Norm gegen den Sportbetrug und noch immer klammert unser Korruptionsstrafrecht munter bestechende und bestochene Angehörige von internationalen Sportdachverbänden mit Sitz in der Schweiz ausdrücklich aus. Unglaublich! Ausser dem Ombudsmann scheint niemand genau hinschauen zu wollen. Es sei denn, der Tag komme, an dem die Sponsoren nicht mehr mitmachen. Denn wenn Werte, die sie als Unternehmer gegen innen und aussen vertreten, frontal mit den Praktiken der Fifa oder des IOC kollidieren, gerät ihre Reputation in Gefahr. Korruption und Machtmissbrauch sind eben nicht keimfrei, sondern ansteckend.
Deshalb ist gut, dass sich wenigstens die Medien – und mit ihnen Achille Casanova und Urs Leutert – in Richtung Transparenz bewegen. Das sind zwar nur kleine Schritte. Aber es sind erste Schritte – und diese sind bekanntlich die wichtigsten!
Seit Jahrzehnten stranden Tausende an der afrikanischen Nordküste. Die Zustände sind unhaltbar und widersprechen den europäischen Werten.
Unaufhaltsam fährt das 280-Meter-Containerschiff durch die Strasse von Gibraltar. Ruhig ist es auf der Kommandobrücke, knapp 40 Meter über dem Meer. Immer wieder versuchen hier afrikanische Flüchtlinge mit kleinen Booten europäisches Festland zu erreichen. Wenn es in dieser Nacht solche hat, sind sie unmöglich zu sehen; das Radar erfasst sie wegen ihrer geringen Grösse nicht, und von der Brücke aus ist auf der Meeresfläche rein gar nichts zu erkennen. Dem erfahrenen wachhabenden Offizier ist die Sorge anzuhören: «Keine Chance. Wenn es Boote hat, die unseren Weg kreuzen, haben sie keine Chance. Wir sehen sie nicht, wir hören sie nicht. Wir wissen nicht einmal, ob wir sie rammen.»
Zurück von meiner Reise treffe ich B. Sie ist in Tarifa aufgewachsen, der spanischen Stadt an der engsten Stelle der Strasse von Gibraltar. Sie erzählt mir, sie sei als Jugendliche nicht alleine an den Strand gegangen, aus Angst davor, eine angespülte Leiche zu finden. Seit dem EU-Beitritt Spaniens versuchen Tausende von Afrikanern nach Europa zu gelangen. Die Gefahr, dabei von einem Schiff überfahren zu werden, ist wohl die kleinste. Die ungeeigneten Boote, die enormen Strömungen und das kalte Wasser sind weit gefährlicher. Bereits 2001 schrieb DIE ZEIT: «Wer hier 〉in Tarifa〈 begraben ist, war seinem Ziel schon ganz nahe. Erst der letzte Abschnitt einer oft Tausende Kilometer langen Reise wurde den Menschen zum Verhängnis. … Viele trekken zu Fuss durch die Sahara: Es sind Schwarzafrikaner aus Nigeria, Ghana, Sierra Leone – wo immer gerade Krieg herrscht oder wo einfach kein Vorankommen ist.» Das ist heute nicht anders.
Schlepper bringen jährlich Zehntausende an die Nordküste, die von hier in völlig untauglichen Schiffen nach Spanien, Malta und Italien gelangen wollen. Nichts wird die Flüchtlinge davon abhalten, nach all den Entbehrungen und Misshandlungen den letzten, lebensgefährlichen Sprung über das Meer zu wagen.
Zeitsprung. Vom 16. bis weit ins 19. Jahrhundert wanderten mehr Schweizer aus, als Ausländer eingewandert sind. Und auch noch zwischen 1850 und 1900 sind über 300 000 Schweizer ausgewandert, trotz Arbeitskräftemangel in der Schweiz. Nicht allen diesen Wirtschaftsflüchtlingen ist der Start in der neuen Heimat gelungen, doch alle hatten die Chance dazu. Afrikanischen Flüchtlingen jedoch bieten wir diese Chance nicht. Haben sie die Landreise und die Überfahrt geschafft, finden sie als Unerwünschte in Europa kaum Arbeit. Sie verdienen bei uns so wenig, dass eine Rückkehr in ihre Heimat undenkbar ist.
Die Massen von Flüchtlingen an der nordafrikanischen Küste an der Überfahrt nach Europa zu hindern, ist keine Lösung, sondern eine Katastophe mit Tausenden von Toten. Es ist wie wenn der Dorfbach überfliesst: Der Versuch, das eigene Haus zu schützen, ist wenig ergiebig, es braucht die Anstrengung der Gemeinschaft, dass der Bach nicht über die Ufer gerät. Genauso bedarf es der gemeinsamen Anstrengung aller europäischen Länder, Afrikanern in ihren Heimatländern eine Zukunft zu ermöglichen und Schlepperbanden das Handwerk zu legen. Was sich seit Jahrzehnten am Mittelmeer abspielt, widerspricht den europäischen Werten von Freiheit und Menschlichkeit, die wir zurzeit auch gegenüber Russland besonders gerne betonen. Das Geld von russischen Oligarchen, das wir trotzdem gerne annehmen, steht in krassem Gegensatz zur Tragödie am Mittelmeer.
Als Kolumne erschienen in der Berner Zeitung am 26.07.2014.Im Juli 2014 habe ich auf Facebook und Twitter gefragt:
Unten sind die geposteten Antworten aufgeführt, nicht korrigiert, nicht bewertet und nicht sortiert.
Diese Liste ist weiterhin offen und wird laufend aktualisiert, weitere Definitionen und Ideen sind willkommen.
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Wer sich unbeachtet von der Öffentlichkeit und ohne eine Gegenleistung zu erwarten für andere einsetzt. #Nächstenliebe
Jemand der bereit ist, sein Leben/Geld/Gesundheit/Zeit für andere aufs Spiel resp. einzusetzen. #everydayheroes
Ein Held oder eine Heldin ist, wer etwas Wichtiges tut, was die meisten Menschen nicht tun würden.
Held/Heldin: ein etwas abgegriffenes Wort, dessen Gebrauch heutzutage − jedenfalls im deutschen Sprachraum − einen faden Nebengeschmack hat (Stichworte: Kriegshelden, Weltkriege, Nationalsozialismus!).
Ich würde eine Heldin folgendermassen umschreiben: sie vollbringt aussergewöhnliche Taten, die sie von der Masse der übrigen Menschen abhebt. Diese „Taten“ sind in der jeweiligen Kultur positiv besetzt, d.h. sie geschehen zu Gunsten der Gemeinschaft (z.B. Lotti Latrous, Schweizerin des Jahres 2005) oder haben in dieser Gesellschaft einen hohen moralischen Stellenwert (z.B. ein Leben retten, wie Ritter der Strasse).
Ein/e Held/in ist jemand der aus innerster Überzeugung etwas vollbringt, das eine Gemeinschaft oder Gruppe weiterbringt oder entwickelt, ohne das er/sie gefragt wird oder es eine Aufgabe dieses Menschen ist.
Held: Mensch, welcher die Interessen der Anderen über seine eigenen stellt und dabei umkommt #LebendeHeldenGibtEsNicht
Jemand der sein Leben riskiert, um Mitmenschen zu helfen, ist für mich ein Held.
Our hero is only ordinary / Is just a hero, a moment more than you and me. Mike Skinner/The Streets, Going trough hell
Ein Held ist, der da ist, wenn alle anderen gegangen sind.
Was heute oft als heldenhaft bezeichnet wird, entsteht aus purem Zufall. Viele Menschen würden heldenhaft reagieren, kommen aber nie in eine Situation die es erfordert.
Der Held unterscheidet sich vom allgemeinen Wohltäter in erster Linie durch das Inkaufnehmen von hohen eigenen Risiken, um gemeinnützige Taten zu verwirklichen, was diese erst als heldenhaft erscheinen lässt.
Ein Held ist Sinnbild der Unsterblichkeit. Er tut oder meist tat etwas, das ihn nie vergessen lässt. Daher sind auch Kriegshelden so wichtig: Durch das Heldentum wird verdrängt, dass Kriege sinnlos sind.
http://www.youtube.com/watch?v=TsythM9xJBU Tommy Vercetti & Glanton Gang, Requiem für Hank
Den oder die HeldIn gibt es nicht − zumindest nicht willentlich. Man wird dazu gemacht von anderen.
Der oder die HeldIn handelt normalerweise aus natürlichem Trieb, Zeit und Ort stimmen. So gesehen ist jede/r eine HeldIn − ohne es aber zuvor zu wissen. Die «Supermans» wiederum sind keine Helden − sondern superillusorische Comic-Traumgebilde.
Also, falls Du heute den Rasen gemäht hast und man Dich Helden genannt hat, würde ich die Brusthaare deswegen noch nicht kämmen…
Nach mir ist ein Held (oder eine Heldin) eine Person, die etwas riskiert für andere, ohne einen persönlichen Nutzen oder Vorteil davon «zu haben» oder nachgängig etwas dafür einzufordern.
Wer intuitiv handelt zugunsten von anderen (Mensch oder Tieren), ohne die Risiken abzuwägen; ja da meine ich, ist heldenartiges Handeln gegeben.
A person, typically a man, who is admired or idealized for courage, outstanding achievements, or noble qualities. – says the net
Wenn man einen Menschen rettet.
Winkelried, Arnold – #Held
Noch einer, etwas jünger: Meienberg, Niklaus – #Held
Es hat sich noch ein neuer Begriff breit gemacht: Helden des Alltags. Unterscheidet sich von «Held» tout court.
Wer selbstlos, beherzt und mutig die Initiative ergreift & über den eigenen Schatten springt, um zu helfen (wobei auch immer).
«Kleine» Taten mit grosser Wirkung sind für mich mindestens «Alltagshelden»-Status-würdig.
Jemand, der/die im entscheidenden Moment das Wohl anderer über das eigene stellt. Im Kleinen wie im Grossen. Irgendwie so.
Das was die (Regenbogen-)Presse als Helden feiert, ist es für mich nicht und ich ärgere mich jedes Jahr, wenn ein Sportler zum Schweizer des Jahres gekürt wird. Selbst Leute wie Dr. Beat Richner, Hannes Schmid mit ihren Kambodscha Projekten oder Toni El Suizo, dem Brückenbauer schlechthin, sind für mich bewundernswert, aber doch keine Helden (vermutlich sehen sie das selbst genauso). − Wenn ich es richtig überlege: Für mich gibt es keine lebenden Helden…
Ein Mensch, der etwas Gutes für andere tut, ohne aus der Tat einen Profit zu erwarten, dabei aber ein grosses persönliches Risiko eingeht.
Vielleicht so: Ein Mensch, der alles drangibt, um heute sein Bestes zu sein und zu tun.
Wenn Mann/Frau das tut, was alle tun wollten, sich aber niemand getraut hat und − ganz wichtig − mind. jemand es registriert.
Man könnte auch nur für sich selbst ein Held sein. Von mir aus. #Selbsteinschätzung
Was wieder die Frage aufwirft, ob Krieg Helden hervorbringen kann? „War does not determine who is right – only who is left” Bertrand Russell
Interessante Frage, weiss auch nicht so recht. Vielleicht: Helden/Heldinnen sind Menschen, welche durch ihre Taten meist unter grosser persönlicher Opferbereitschaft andere Menschen oder ganze Gesellschaften aus einer Misere befreien und/oder für andere Menschen positive Energien für eine zukünftige, nachhaltig bessere Lebensqualität entwickeln können. Die deutschen Fussballer waren zwar weltmeisterlich und haben ein ganzes Volk euphorisiert, dennoch sind das m.E. für die Gesellschaft keine Helden, da ich nicht an die Nachhaltigkeit ihres Erfolges glaube.
Helden müssen scheitern, es ist ihr Wesen. Sie fallen, auch wenn sie glauben, sie hätten das Richtige getan. (Ferdinand von Schirach, Die Würde ist antastbar, Verlag Piper, S. 113)
Das Klima ist tropisch, und die Dame am Mikrofon spricht in akzentfreiem Englisch. Wir sind nicht weit weg, sondern an den Schweizer Meisterschaften im Synchronschwimmen im Hallenbad Leimbach ZH. Die teilnehmenden Clubs stammen aus der ganzen Schweiz. Offenbar sieht man sich in Zürich nicht in der Lage, die Landessprachen zu sprechen, und weicht auf Englisch aus. Entlarvt wird diese Abkürzung, als Schwimmerinnen aufgefordert werden, einen bestimmten Teil des Bades zu verlassen.Das Englisch erreicht die jungen Frauen nicht.
Als Schüler stand ich mit der französischen Sprache auf Kriegsfuss, meine diesbezügliche Leistung an der Matur war ein Debakel. Doch später bereute ich nicht, die Grundlagen gelernt zu haben. Militärdienste in Bière und drei Jahre Technikum in Lausanne zwangen mich, die Sprache zumindest mündlich zu beherrschen. Ich habe dies nie bereut. Französisch, so eine Studie der FHNW, ist im Berufsalltag von Deutschschweizer Unternehmen die meistgesprochene Fremdsprache. Das erlebe ich genauso. Englisch ist ebenfalls wichtig, um beispielsweise die technologischen Entwicklungen verfolgen zu können. Französisch und Englisch sollten in der ganzen Deutschschweiz eine Selbstverständlichkeit sein, Englisch alleine reicht nicht aus.
Wer meint, es sei Ausdruck von Modernität, nur noch Englisch zu sprechen, verkennt, dass sich die Schweiz durch die Verbindung verschiedener Kultur- und Sprachräume unter einer Verfassung auszeichnet. Was anderen Ländern nicht gelingt, muss selbstverständlich bleiben: Die Gleichwertigkeit der kulturellen Räume, das friedliche Nebeneinander der Sprachen. Sprache ist bedeutender Teil einer Kultur. Eine Sprache hat Eigenarten, die sich bisweilen kaum übersetzen lassen, Feinheiten, die das Verhalten einer Sprachgemeinschaft spiegeln, Nuancen, die sich erst im Sprachgebrauch erschliessen. Diese Feinheiten zu lernen, ist bereichernd, aber nicht einfach. Noch schwieriger wird es, wenn sich Westschweizer und Deutschschweizer auf Englisch unterhalten und ihre Gedanken und das Gehörte übersetzen müssen. Bedeutsame Zwischentöne bleiben auf der Strecke, wenn zwischen drei Sprachen hin und her kombiniert werden muss.
Überfremdungsängste entstehen nicht zuletzt dadurch, dass der Fremde mir fremd bleibt, weil er eine Sprache spricht, die ich nicht verstehe und interpretieren kann. Wer sich nicht versteht, stösst sich ab. Wir verlangen daher von Migranten, dass sie unsere Sprache lernen. Aus derselben Überlegung ist es unabdingbar, dass wir zumindest eine weitere Sprache unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, mit denen wir die Verfassung und den Freiheitswillen teilen, verstehen. Dass wir in den kulturellen Reichtum der anderen Sprachregionen eintauchen, ist kein Luxus, sondern Lebensgrundlage und Horizonterweiterung. Logisch wäre, alle Landessprachen zu lernen, was sich aber praktisch kaum umsetzen lässt. Aus Sicht der Deutschschweizer ist es bereits wertvoll, wenn Aufbau und Charakter zumindest einer romanischen Sprache gelernt wird. Für den Kanton Bern ist das Sprachenverständnis besonders wichtig. Wir haben eine Brückenfunktion zwischen der französisch- und deutschsprachigen Schweiz, die Verpflichtung und Chance zugleich ist. Auf dem Berner Märit oder in Courtelary mit französischsprachigen Schweizern Englisch sprechen zu müssen, wäre für mich ein Identitätsverlust ohnegleichen, parce que le français est devenu une part de moi-même.
Erschienen als Kolumne in der Berner Zeitung, 14.06.2014Eine erfolgreiche Volkswirtschaft stützt sich auf ein stabiles politisches System und auf eine gut aufgestellte, wirksame und verlässliche Verwaltung. Bern als Bundesstadt und als politisches Herz der Schweiz leistet diesen Beitrag gern. Die Funktion als politischer Taktgeber der Schweiz hat aus ökonomischer Sicht Vor- und Nachteile für Stadt und Kanton.
Für die gegenseitige Abhängigkeit von Staat und Wirtschaft gibt es viele Belege. Der Bundesstaat wäre 1848 kaum gegründet worden, wenn man nicht nur die Lösung der brennendsten politischen Fragen, sondern auch die Schaffung eines gemeinsamen Marktes im Auge gehabt hätte. Und die Schweiz hätte die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise ohne die Politik, die in Bern gemacht wird, nicht so bewältigen können, wie es nötig war. Ohne gezielte staatliche Regulationen würde unsere Volkswirtschaft heute schlechter dastehen. Bern ist das politische Herz unseres Landes. Es versorgt die ganze Schweiz mit Sauerstoff und stellt die Stabilität sicher. Jedes Land braucht eine Drehscheibe, wo – insbesondere auch für die Wirtschaft – solide und verlässliche Rahmenbedingungen gesetzt werden. Denn wo sie fehlen, siedeln sich auch keine Unternehmen an. Dieser Zusammenhang wurde im Raumkonzept Schweiz anerkannt: Die Hauptstadtregion als politisches Zentrum der Schweiz ist gleichwertig wie die Metropolitanräume Zürich, Basel und das Genferseebecken. In Bern tagt das Parlament, hier regiert der Bundesrat mit seiner Verwaltung und im Haus der Kantone bündeln die 26 Kantone ihre Interessen. Dazu kommen die unzähligen Verbände, die die Interessen ihrer Mitglieder im politischen Betrieb wahren. Bern ist der Hauptsitz von SBB, Post und Swisscom. Und die über 60 ausländischen Botschaften und internationalen Organisationen, wie beispielsweise der 1874 in Bern gegründete Weltpostverein, sind, wie die Bundesinstitutionen und die grossen öffentlichen Unternehmen, ein wesentlicher Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung. Davon profitiert eine ganze Region, die weit über den Kanton Bern hinaus reicht.
Allmählich findet ein Umdenken statt, was Stellenwert und Funktion von Hauptstädten betrifft. Dass Hauptstädte eine wichtige Rolle für die Identität eines Landes spielen, ist unbestritten. Dass sie aber zunehmend eine Schlüsselrolle als vielfältig vernetzte Handlungsräume einnehmen, die Wohlstand schaffen, wird insbesondere in der Wirtschaft noch zu wenig anerkannt. In der Region Bern sind die zentralen Hauptstadtfunktionen der Bundesstadt konzentriert. Beratungsdienstleistungen für die öffentliche Verwaltung, ein umfangreiches Bildungsangebot im Public-Sektor-Bereich und viele wertschöpfende Interaktionen zwischen Politik, Verwaltung, Dienstleistungsfirmen oder Lobby-Büros befinden sich in unmittelbarer Nähe. Aber auch die Kantone Freiburg, Wallis, Solothurn und Neuenburg profitieren von der Hauptstadtfunktion. Sie leisten als Bildungs- und Freizeitorte wichtige Beiträge und sind eng mit Bern verbunden. Neuste wissenschaftliche Erkenntnisse der Forschungsgruppe von Prof. Dr. Heike Mayer an der Universität Bern zeigen, dass Bern seine Stärken als Politzentrum noch mehr in wirtschaftliche Dynamik umsetzen kann. Die Bundesstadt kann dabei von andern Hauptstädten wie Washington, Ottawa oder Wien lernen. So entsteht durch das Zusammenwirken und die Vernetzung der Akteure aus Politik, Verwaltung, von Nichtregierungsorganisationen, Verbänden und Lobbyisten ein spezifisches Wertschöpfungssystem. Zentral sind die Funktionen und Bezüge der Akteure untereinander, die prägend sind für den Wohlstandsgewinn des Politzentrums. Trotz oder vielmehr gerade wegen der Globalisierung und der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft werden diese Politzentren immer wichtiger. Nicht nur die UBS wurde in Bern gerettet. So war es auch in Washington D.C. (und nicht in Detroit), wo die wichtigsten Entscheide zur Bewältigung der Krise in der amerikanischen Automobilindustrie getroffen wurden. Zudem wird die Welt immer komplexer. Experten (meist aus der Privatwirtschaft) werden vermehrt in politische Entscheidfindungsprozesse und bei der Umsetzung einbezogen. Bundesbern ist somit Informationsposten und Drehscheibe für eine Vielzahl von Entscheidungen, die für das Funktionieren unserer Volkswirtschaft grundlegend sind und deren Bedeutung stetig zunimmt.
Wie die Wirtschaftsmetropolen, müssen sich auch die Hauptstädte ständig weiterentwickeln. Stillstand geht nicht. Für jene, die es (ein)sehen wollen, ist Bundesbern längst keine „Beamten-stadt“ mehr. Allein die Tatsache, dass SBB, Post und Swisscom und der Weltpostverein aus steuerpolitischen Gründen für andere Standorte interessant werden, zwingt Bern zum Handeln.
Heute sind aus föderalistischen Gründen verschiedene Hauptstadtfunktionen der Schweiz auf die Regionen verteilt. Wirtschaftsverbände und Medien haben ihren Hauptsitz in Zürich. Eine De-zentralisierung der Hauptstadtfunktionen würde das Politzentrum in seiner Funktionsweise schwächen. Bern wird sich deshalb proaktiv gegen weitere Dezentralisierungswünsche zur Wehr setzen.
Gleichzeitig muss Bern nicht allein den Bundesinstitutionen attraktive Rahmenbedingungen be-reitstellen. Hauptstädte wie Washington D.C. oder Ottawa betreiben zum Beispiel eine zukunfts-orientierte Wirtschaftspolitik. Sie setzen nicht nur auf ihre Politfunktion. Sie stärken auch wis-sensbasierte Industrien, positionieren sich in internationalen und nationalen Netzwerken, betreiben Imagepflege und Standortpolitik.
Bern darf und wird nicht still stehen, sondern seine durch die Hauptstadtfunktion geprägten Rolle und Funktion bei den Informations- und Kommunikationstechnologien sowie in den Bereichen e-Government und Public Management weiter stärken. Die Voraussetzungen für eine proaktive und zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik der Bundesstadt sind gegeben. Zusammen mit dem Kanton Zürich hat der Kanton Bern am meisten Arbeitsplätze in der Industrie. Der grösste Teil dieser Wertschöpfung wird in der Medizinaltechnik, im Cleantech-Bereich, im Metallbau oder in der Telekommunikations- und in der Präzisionsindustrie erbracht. Unser Politzentrum ist im nationalen und internationalen Standortwettbewerb gut aufgestellt.
Es muss aber noch mehr getan werden: Die hauptstadtspezifischen Kompetenzen sind weiter zu stärken und die unternehmerische Dynamik ist gezielt zu fördern. Gleichzeitig sollten die funktio-nalen Verflechtungen innerhalb sowie die Beiträge der Teilräume an die Region um die Bundesstadt besser genutzt und kommuniziert werden. Eine partnerschaftliche und koordinierte Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure ist unabdingbar. Bern ist stolz darauf, Politzentrum zu sein. Aber es ist damit auch eine Verpflichtung eingegangen. Dazu gehören nicht nur das Schaffen guter Rahmenbedingungen für das wirtschaftliche Umfeld, sondern auch die wissenschaftliche Innovation und eine gute verkehrstechnische Erschliessung. Wenn Bern zum Beispiel für einen Ausbau des Hauptbahnhofes Bern oder für die Engpassbeseitigung auf dem Autobahnabschnitt zwischen dem Wankdorf und Muri kämpft, ist das nicht nur im eigenen, sondern immer auch im Interesse der Schweiz, damit das Ganze funktioniert. Berns politische Rolle als Wegbegleiter und Türöffner für die Wirtschaft hat auch eine Kehrseite: Die Verwaltung generiert weniger Steuersubstrat als die Wirtschaftsmetropolen, die Würde bringt also auch Bürde: So nehmen steuerbefreiten Bundesbetriebe an bester Lage Raum ein, der anderswo durch potente Unternehmen gehalten würde. Man stelle sich die Steuereinnahmen des Kantons Bern vor, wenn der Bernerhof nicht das Finanzdepartement des Bundes beherbergen würde, sondern den Hauptsitz von Nestlé, Novartis oder CS.
Die territoriale Ausdehnung Berns reichte einst vom Genfersee bis weit in den heutigen Kanton Aargau hinein. Den Schlössern Nyon und Lenzburg ist gemeinsam, dass das Berner Wappentier, der Bär, deren Mauern ziert. Vor einem halben Jahrtausend wurde dank der raumgreifenden Politik Berns früh der Grundstein dafür gelegt, dass heute der Wirtschaftsmotor am Genferseebecken in der Schweiz und nicht in Frankreich brummt Seit 1848 leistet der zweisprachige Brückenkanton Bern – nicht nur als Politzentrum, sondern auch als Industrie-, Bildungs-, Forschungs- und Kulturkanton – einen wichtigen Beitrag für den inneren Zusammenhalt unseres Landes. Und die Bundesstadt ist heute Dreh- und Angelpunkt einer Grossregion, in der das Arbeits-, Wohn-, Mobilitäts- und Freizeitverhalten der Bürgerinnen und Bürger keinerlei Rücksicht mehr nimmt auf Kantons- und Gemeindegrenzen. Da kommen ganz neue Herausforderungen auf uns zu. Zusammen mit Zürich spielt Bern eine Pionierrolle bei Ausgestalten dieser sich herausbildenden funktionalen Handlungsräume.
Zur Stärkung der Grossregion um Bern wurde am 2. Dezember 2010 die Hauptstadtregion Schweiz gegründet. Sie besteht aktuell aus den Kantonen Bern, Solothurn, Freiburg, Neuenburg und Wallis, 12 Städten und Gemeinden sowie 8 Regionen und Gemeindegruppen. Damit hat Bern wichtige Bündnispartner gefunden, die gemeinsam für die Anliegen dieser Region kämpfen wollen .
Der Kanton Bern leistet mit der Bundesstadt seit langem einen eminent wichtigen Beitrag, damit sich die Schweiz politisch und wirtschaftlich zu einem grösseren Ganzen weiterentwickeln kann. Berns Hand ist und bleibt sichtbar.
Dieser Artikel ist erschienen in „PRIVATE, Das Geldmagazin“, Nr. 3/2014. Besten Dank an Dr. Norbert Bernhard, dass er hier noch einmal publiziert werden kann.